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Gartner: Die TK-Industrie steckt in einem tiefgreifenden Wandel

30.03.2006
Innovative Techniken und Geschäftsmodelle führen in den kommenden fünf Jahren zu dramatischen Veränderungen, meinen die Marktforscher.

Gartner skizziert für die alteingesessenen TK-Konzerne ein ähnliches Schreckensszenario wie es die Mainframe-Anbieter mit der Einführung von Minicomputern und schließlich der Verbreitung von PCs, Client-Server-Computing und Internet erlebten.

Waren die vergangenen fünf Jahre nicht gerade ein Zuckerschlecken für Carrier, müssten sie sich in den kommenden fünf Jahren gegen Quereinsteiger wie IBM, Microsoft und Google zur Wehr setzen. Diese drängten mit neuen Techniken und Geschäftsmodellen in den Markt, meint Gartner-Analyst Elroy Jopling.

Aus Sicht des Marktforschers kristallisieren sich vor allem drei Einflüsse heraus, die nun einen grundliegenden Wandel der TK-Industrie herbeiführen werden. Dabei handelt es sich um das Internet und die Digitalisierung aller Inhalte, das exponentielle Wachstum der verfügbaren Bandbreite sowie den Markteintritt von Newcomern mit neuen Geschäftsmodellen.

Nachdem Digitalisierung und Internet bereits die Musikindustrie verändert hätten, erfasse diese Lawine nun auch den wesentlich größeren TK-Bereich und insbesondere die Sprachkommunikation, prophezeit Gartner. Den größten Einfluss habe dabei die Voice over IP, wenngleich auch Text-basierende Dienste wie Instant-Messaging, SMS und verschiedene Online-Services Auswirkungen hätten. Wohin die Reise gehe, zeigten VoIP-Anbieter wie Skype, so Jopling: Das Luxemburger Unternehmen stelle einen Großteil seiner digitalen Sprachdienste umsonst zur Verfügung und generiere Umsätze mit zusätzlichen Diensten.

Einen weiteren Katalysator sieht Gartner in der zunehmenden Verfügbarkeit von breitbandigen Verbindungen - sowohl drahtlos als auch netzgebunden: Damit stellen Netze immer seltener eine Barriere für Anwendungen dar, sondern ermöglichen diese vielmehr. Die Bedeutung der Netzbetreiber schmelze dahin. Stattdessen treten Integratoren und Softwareentwickler in den Vordergrund. Da gleichzeitig ein zunehmender Teil der Informationsverarbeitung, etwa Kommunikationsanwendungen und Netzintelligenz, in Endgeräte wie Handys verlagert werde, seien Besitz und Kontrolle der Netze allein nicht länger ein Garant für längerfristiges Wachstum im TK-Markt.

Nach Einschätzung von Gartner ist IBM erstklassig dafür positioniert, diese Entwicklung voranzutreiben. Der IT-Riese könne die dafür erforderlichen komplexe Anwendungen, Software, Plattformen und zugrunde liegende Hardware zu einer Komplettlösung zusammenstellen. Neben Big Blue habe auch Microsoft als eines von wenigen Unternehmen bewiesen, dass es in der Lage ist, neue Technologien und Geschäftsmodelle zu adaptieren. Ähnlich wie IBM integriere auch die Windows-Company Telekommunikation vertikal in ihr Kernangebot. Der Unterschied sei jedoch, dass Microsoft weiterhin in komplett neue Märkte eindringt, erklärt Studienautor Jopling. Google sei indes der Newcomer, der den etablierten Carriern den größten Schrecken einjagen könne. So verfüge das Unternehmen über genügend Finanzkraft und den Mut, mit neuen Märkten und Geschäftsmodellen zu experimentieren, sowie über den Luxus, den günstigsten Moment abwarten zu können.

Die großen Carrier werden laut Gartner aber nicht über Nacht Haus und Hof verlieren. Davor schützen sie ihre Milliardenumsätze und die großen Kundenzahlen. Von alteingesessenen TK-Konzernen werden einige möglicherweise auch 2010 ganz oben stehen, nämlich die, die ihr Geschäftsmodell an die neue Techniken angepasst haben. Andere aber werden scheitern und ihre Position einbüßen. Diese Entwicklung sei insbesondere deshalb absehbar, weil der Schutz durch staatliche Regulierung und hohe Markteintrittskosten allmählich verschwinden. (mb)