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Gartner: Business-Manager haben das Sagen

15.04.2002
Gartner verkündete auf seinem Symposium in Florenz als Gebot der Stunde für IT-Manager: Das Maximale aus den bestehenden Systemen herausholen und dem Business-Management die Führung überlassen.

FLORENZ (CW) - Neue Technologien, die großen Einfluss auf die IT-Strukturen in Unternehmen haben werden, sind nach Einschätzung von Gartner vor 2005 nicht in Sicht. Das prophezeiten die Analysten zu Wochenbeginn auf ihrem europäischen Symposium in Florenz. Für IT-Chefs laute das Gebot der Stunde: das Maximale aus den bestehenden Systemen herausholen und dem Business-Management die Führung überlassen.

"Wenn du das Gefühl hast, alles unter Kontrolle zu haben, fährst du wahrscheinlich nicht schnell genug" - dieser Satz eines unbekannten Rennfahrers mag auf viele IT-Projekte während des Dotcom-Hypes zugetroffen haben, in heutigen Krisenzeiten gilt er nicht mehr. Jetzt geht es laut Research-Chef Peter Sondergaard zunächst einmal darum, das Jahr 2002 zu überstehen, das Gartner als "Lückenjahr" bezeichnet. Lücke deshalb, weil die IT-Ausgaben nicht ansteigen und IT-Manager mit Integrations- und Konsolidierungsarbeiten sowie Vorbereitungen für den hoffentlich bald einsetzenden Aufschwung beschäftigt sind.

Die Krise kann länger als 18 Monate dauern

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass aus dem Gap-Year, das unseren Prognosen zufolge von Sommer 2001 bis Sommer 2002 dauern sollte, 18 Monate werden." Dass es Anfang nächsten Jahres wieder aufwärts geht, sei aber auch noch keineswegs ausgemacht, übt sich Steve Prentice als Überbringer schlechter Nachrichten. Nach Einschätzung des Director Research steigen die IT-Ausgaben erst Monate nach dem allgemeinen konjunkturellen Aufschwung. "Die Unternehmen warten ab, ob die konjunkturelle Entwicklung stabil ist, bevor sie wieder in IT investieren. Außerdem dauert es, bis zusätzliches Geschäft neuen IT-Bedarf hervorruft."

Doch unabhängig vom Zeitpunkt der Erholung: Die IT-Budgets werden laut Gartner nicht mehr so schnell zulegen wie in den letzten Jahren. "Das Wachstum wird weniger durch technische Innovationen getrieben als durch Ersatzbeschaffungen", erklärte Sondergaard. Seit Monaten würden viele Anwenderunternehmen eigentlich notwendige Investitionen zurückhalten. Diese würden nun langsam wieder freigegeben.

In dieses Bild passt eine Umfrage unter den Teilnehmern der Gartner-Symposien. Danach gehen rund 40 Prozent der befragten 377 europäischen IT-Entscheider für 2002 und 2003 von stagnierenden Budgets aus, knapp 30 Prozent sehen die Ausgaben sinken. In Deutschland scheint die Lage für die IT-Industrie noch bedrohlicher. Zwar wurde die Frage nur von 75 IT-Managern beantwortet, aber ihr Votum ist recht deutlich: Knapp 50 Prozent rechnen mit unveränderten Budgets.

Laut Gartner gehen von der IT-Industrie derzeit nur wenig Impulse aus, die das Investitionsverhalten beleben könnten. "Vor 2005 sehen wir keine großartige Innovation", sagte Gartner-Mann Prentice, der damit den Mythos der sich ständig neu erfindenden IT-Industrie ankratzte. Zwar hält er Technologien wie Web-Services und Mobile Computing für wichtig, glaubt aber nicht, dass sie solche Investitionsschübe auslösen können wie zuvor das E-Business oder das Jahr-2000-Problem.

Web-Services erklimmen laut Prentice zwar gerade den Gipfel des Hype-Zyklus, aber es seien noch etliche Hürden zu überwinden, ehe sie in zwei bis vier Jahren dem Anwender direkten Nutzen bringen könnten. Ähnliches gelte für mobile Technologien. "Wahrscheinlich werden die Anwender versuchen, zunächst einmal aus ihren bisherigen Investitionen Nutzen zu ziehen. Deshalb werden wir zunächst sehen, dass Unternehmen alte Technologien wie SMS nutzen und nicht irgendwelche kaum erprobten neuen Techniken."

Handhelds werden noch abgelehnt - wie früher der PC

Sondergaard ergänzt, dass viele Unternehmen das Potenzial von mobilen Endgeräten noch gar nicht erkannt hätten. "Die Handhelds haben den gleichen Status wie der PC im Jahr 1985. Er wurde damals abgelehnt, weil er als unsicher, inkompatibel und nicht zu managen galt. Die mobilen Geräte werden sich langsam, aber sicher durchsetzen."

Weil es weniger neue Systeme zu implementieren gibt und sich das Business-Management von der IT enttäuscht sieht, dürften laut Gartner in den nächsten Jahren die Geschäftsleute und nicht die Techniker bestimmen, wo es in der IT-Anwendung lang geht. Deshalb müssen sich die IT-Teams in den Unternehmen verstärkt auf Fragen nach dem Beitrag ihrer Investitionen zum Geschäftserfolg einstellen. "Sie werden in den nächsten Jahren aufgefordert sein, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen", erklärte Gartner-Analyst Paolo Malinverno.

Schluss mitSpaghetti-Architekturen

Über Möglichkeiten, Kosten einzusparen, informierte Research-Director David Flint. Oberstes Gebot sei, die zu "Spaghetti-Architekturen" gewucherten IT-Landschaften zurechtzustutzen oder Mittel zu finden, sie mit einem Set von Standards und Schnittstellen kompatibel verwaltbar zu machen.

Nur so lasse sich der Aufwand für den Unterhalt und die Weiterentwicklung solcher Strukturen in Grenzen halten. Bereits 35 Prozent ihrer Software-Wartungskosten geben Unternehmen laut Gartner schon jetzt für Enterprise Application Integration (EAI) aus. Und jede neue Anwendung muss ebenfalls wieder integriert werden. Bei der Einführung eines neuen ERP-Systems entfallen 30 Prozent der Kosten auf die Integration mit bereits existierenden unternehmensweiten Anwendungen.

"Neue Prozesse lassen sich auf solchen Spaghetti-Architekturen nur noch schwer aufsetzen", so Flint. "Das geht so weit, dass Unternehmen nicht mehr in der Lage sind, etwas zu verändern." Der Analyst forderte die IT-Anwender dringend auf, die Komplexität und Vielfalt ihrer Systeme zu reduzieren und stattdessen zu standardisieren, zu zentralisieren und zu professionalisieren.

Erforderlich seien zum Beispiel Automatisierung, TCO-Messungen und striktes Projekt-Management. Diese kombinierten Anstrengungen reduzierten nicht nur die sichtbaren Kosten zum Beispiel für die Systeme, den Support und die Software, sondern sie brächten auch die "unsichtbaren Kosten" nach unten. Solche entstehen dann, wenn zum Beispiel Informationen mehrmals umformatiert werden müssen, um vom Absender zum Empfänger zu gelangen.

Ein anderes Beispiel von Flint:"Wenn Sie etliche verschiedene Datenbanken in Ihrem Unternehmen pflegen müssen, auf die unterschiedliche Websites zugreifen, dann verabschieden Sie sich relativ schnell von dem Wunsch nach einem einheitlichen Katalog, weil so etwas unverhältnismäßig teurer würde."

Die Kosten immer fest im Blick, müssten die IT-Verantwortlichen prüfen, welche Servicequalität ihre Investitionen den Nutzern brächten. "Wenn zusätzlich eingekaufte Bandbreite nur dazu dient, dass Mitarbeiter die Kurse ihrer Aktien abfragen, dann hilft das dem Unternehmen nicht", beschreibt Flint. Dort wo sich mit erweiterten Kapazitäten der Service nicht verbessern lässt, beginnt für den Gartner-Analysten die "Müllzone".

Zu wenig Firmen setzen auf Asset-Management

Wenn jeder IT-Manager genau prüfen würde, wo diese Zone für sein Unternehmen anfängt, ließe sich schon eine Menge einsparen. Allein durch den Einsatz von Asset-Management-Software, die bis Mai vergangenen Jahres nur von jedem fünften der tausend größten Unternehmen benutzt wurde, ließen sich die Kosten pro geprüftes Equipment innerhalb von neun Monaten um etwa 20 Prozent senken, verspricht Flint.

Auch im Telecom-Bereich schlummere enormes Sparpotenzial. Schon durch Nutzungsbeschränkungen - etwa für private Zwecke -, eine angemessene Infrastruktur und die Überprüfung bestehender Verträge ließen sich bis zu 45 Prozent der Ausgaben für Daten- und Sprachnetze sparen. Und noch eine erschreckende Zahl zum laxen Umgang der IT mit Geld hatte der Analyst parat: Durch fehlende Einkaufsstrategien entstehen europäischen Organisationen jährlich Kosten von rund sechs Milliarden Dollar.

Für den RoI sind Aktionspläne erforderlich

Auf RoI-Berechnungen (Return on Investment) allein gibt Flint allerdings nicht viel: "Die Berechnungen auf dem Papier sind nicht so wichtig. Ich möchte viel lieber einen Aktionsplan sehen, mit dem der kalkulierte Return erreicht werden soll."

Insgesamt kommen auf die IT harte Zeiten zu: wenig Innovation, knappe Budgets und geringe Wertschätzung durch die Business-Seite. Sondergaard hält das für ein ganz natürliches Phänomen. In den letzten fünf Jahren der Internet-Euphorie sei der IT alles zugetraut worden. Jeder habe geglaubt, mit der richtigen Technologie lasse sich alles erreichen: "Jetzt schwingt das Pendel zurück." Schwacher Trost für die IT-Zunft: Der Gartner-Mann glaubt, dass die Zyklen zwischen Anerkennung und Ablehnung der IT kürzer werden. So werde es nicht wieder fünf Jahre dauern, bis die IT mehr Akzeptanz findet als in der heutigen Krise. (ciw)