20 Jahre Mobilfunk in Deutschland
Funkstille war einmal

Der Start des D-Netzes verlief alles andere als reibungslos. Eigentlich waren die beiden D-Netz-Betreiber Telekom und Mannesmann Mobilfunk bereits 1991mit ihrem Netz startklar, doch es fehlten die Telefone. In dieser Zeit wandelte sich das Kürzel GSM (Global System for Mobile Telecommunications) für den digitalen Mobilfunkstandard in eine Art Stoßgebet: "God Send Mobiles" (siehe Telekom: Digitaler Mobilfunk gerät vom Start weg ins Stocken). Erst Anfang 1992 erhielten Ericsson und Motorola die europaweite Zulassung für ihre Prototypen. Die Hersteller konnten ihre Produktion hochfahren und Ende Juni 1992 erste Mobiltelefone liefern.
"Das Thema Endgeräte und ihre Zulassung war in der Vergangenheit immer ein Ärgernis", schimpfte Klaus Hummel, damaliger Mobilfunk-Vorstand bei der Telekom, zum Betriebsstart. Der staatliche Carrier versprach den Kunden, man könne nun 10.000 Geräte von zwei Herstellern bereitstellen. Das Mobilfunkvergnügen war nicht billig: Die ersten Portablen verkaufte die Telekom zu Preisen von 3190 und 3850 Mark, hinzu kamen monatliche Grundgebühren von rund 80 Mark und Minutenpreise von zwei Mark. Kein Wunder, dass das mobile Telefonieren anfangs nur Begüterten, Managern und Enthusiasten vorbehalten war, denn der Durchschnittsverdienst eines Arbeitnehmers betrug damals 46.820 Mark pro Jahr.
Mobilfunk für Manager
Ab Herbst 1992 gab es dann endlich die ersten Handgeräte zum Preis von knapp 4000 Mark, legendär ist etwa das erste GSM-fähige Handy "International 3200" von Motorola, genannt "der Knochen". Wann, wo und warum sich der Begriff "Handy" für die portablen Geräte etablierte, ist unklar, denn anfangs sprach man oft auch vom "Funktelefon". Auf jeden Fall reagierte der Hersteller Loewe am schnellsten und integrierte den neuen Gattungsbegriff in die Produktbezeichnung "Handytel 100". Der Handy-Begriff konnte sich auch nur in Deutschland durchsetzen. Im englischen Sprachraum sind "Cellphone", "Mobile" und "Portable" gängige Bezeichnungen, und die Schweizer telefonieren mit dem "Natel" (abgeleitet von Nationales Autotelefon) mobil.

Foto: Bundesnetzagentur/Statista
Die hohen Preise taten dem Siegeszug des Mobilfunks indes keinen Abbruch: Im Lauf des Jahres 1993 knackte die Branche die Marke von einer Million Teilnehmer, 1998 konnte sie den zehnmillionsten Kunden begrüßen. In guter Erinnerung dürfte den Providern das Jahr 2000 sein, als sie die Zahl der Verträge in Deutschland binnen Jahresfrist von knapp 24 Millionen auf über 48 Millionen verdoppeln konnten. Heute gibt es in Deutschland über 113 Millionen Mobilfunk-Verträge.
Kampf um Kunden: subventionierte Handys und Prepaid-Karten
Ein wesentlicher Grund für das stürmische Wachstums dürfte der enorme Wettbewerb gewesen sein, denn 1994 startete mit E-Plus der dritte Carrier, und 1998 kam mit Viag Interkom (heute O2) ein weiterer Konkurrent hinzu. Ab 1997 verkauften die Carrier zudem Prepaid-Karten, und Verträge mit subventionierten Handys sorgen dafür, dass sich mehr und mehr Bundesbürger ein mobiles Gerät leisten konnten. Einige Jahre zuvor hatte insbesondere Mannesmann Mobilfunk (heute Vodafone) den Ausbau des SMS-Dienstes vorangetrieben, so dass Kunden auch über Netzgrenzen hinweg Kurznachrichten versenden konnten. Vom Erfolg des anfangs belächelten Dienstes wurde die gesamte Branche überrascht. 2011 versendeten alle Handy-Nutzer in Deutschland insgesamt rund 55 Milliarden SMS, fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Mit "simsen" hat der Mobilfunk zudem eine weitere Wortkreation dem allgemeinen Sprachgebrauch hinzugefügt.
Das Jahr 2000: Partylaune und Katerstimmung
Das Jahr 2000 markiert den Höhepunkt der Euphorie im Mobilfunkmarkt. Im Februar des Jahres ging Vodafone als Gewinner aus einer wochenlangen Übernahmeschlacht hervor. Der britische Carrier hatte die Gegenwehr der Mannesmann-Manager gebrochen, musste dafür aber sehr tief in die Tasche greifen. Der Wert der Akquisition belief sich auf 370 Milliarden Mark (etwa 190 Milliarden Euro). Es ist bis dato die teuerste Übernahme weltweit.
Im Juli des Jahres wurden zudem neue Mobilfunk-Frequenzen versteigert. Sechs Carrier zahlten jeweils über 16 Milliarden Mark für eine UMTS-Lizenz, der deutsche Staat nahm insgesamt über 100 Milliarden Mark ein (siehe UMTS: Der Stoff, aus dem die Träume sind). Die finanzielle Last der Frequenzversteigerung hat dem Geschäft nicht gut getan. Mit Mobilcom und Group3 (Quam) gaben zwei Anbieter ihre Lizenzen später zurück, sie sahen sich nicht in der Lage, die Auflagen beim Netzausbau zu erfüllen. Die Weltwirtschaftskrise zu Beginn des Jahrzehnts setzte auch den übrigen Carriern zu, so dass die Installation nur schleppend voran ging.
Erst zur CeBIT 2004 starteten die ersten Mobilfunkanbieter ihre UMTS-Netze. Der erhoffte Boom bei den Datendiensten ließ dennoch eine Weile auf sich warten. Dafür gab es verschiedene Gründe: Zum einen wollten die Carrier zumindest einen Teil ihrer immensen Investitionen möglichst schnell wieder einspielen und verschreckten in Folge besonders Privatnutzer mit den nach wie vor teuren Spezialtarifen. Zum anderen fehlte es in der Anfangszeit an erschwinglichen UMTS-Handys, auch an die kleinen Displays der Geräte angepasste Web-Seiten waren Mangelware - weshalb der 3G-Standard zunächst vor allem mit Notebook und UMTS-Datenkarte genutzt wurde.
Mit Flatrate und iPhone ins mobile Internet

Im Laufe der Zeit verbesserte sich aber die Situation. So brachte etwa E-Plus im September 2005 die erste richtige Daten-Flatrate (mit Skype-Unterstützung!) für 40 Euro monatlich und setzte damit die Wettbewerber in Zugzwang. Gleichzeitig begannen die Carrier ab 2006 mit dem stufenweisen HSDPA-Ausbau, der höhere Bandbreiten versprach. Last, but not least stieg im Laufe der Jahre dann auch die Anzahl an - zumindest theoretisch - UMTS-fähigen Handys und Smartphones. Hier machte sich besonders Nokia mit vielen neuen Geräten verdient.
Doch es war Apple vorbehalten, das mobile Internet in Schwung zu bringen. Erst das 2007 erschienene iPhone machte Datenverbindungen via Smartphone wirklich massentauglich. Originellerweise unterstützte das Apple-Handy der ersten Generation dabei nicht einmal UMTS, sondern nur die GPRS-Erweiterung EDGE. Ausschlaggebender war indes, dass Nutzer das Gerät bei T-Mobile, bis zum iPhone 4 Exklusivpartner in Deutschland, nur in Verbindung mit einem Datentarif erwerben konnten. Auch viele der erst mit dem iPhone populär gewordenen Apps erforderten eine mobile Internet-Verbindung.
Nichts geht mehr ohne Smartphone

Mittlerweile ist jedes dritte Mobiltelefon in Deutschland ein Smartphone, bei neuen Geräten haben die Westentaschen-PCs einfache Handys sogar schon überholt. Bevorzugt sind dabei iPhones und die zahlreichen Modelle mit Android-Betriebssystem im Einsatz. Das Schicksal von einstmals bedeutenden Herstellern wie Palm, RIM oder Nokia, die das iPhone und damit verbundene Trends lange Zeit nicht ernst nahmen, im Anschluss nicht schnell genug reagieren konnten oder die falsche Entscheidungen trafen, ist dagegen bereits besiegelt oder steht auf Messers Schneide.
Und auch die Bedeutung der Handys hat sich gewandelt: Stand die Telefonie am Anfang im Vordergrund, ist sie heute nur noch eine Funktion unter vielen. Das Smartphone ist bereits jetzt auch MP3-Player, Fotokamera, Spielekonsole, Navi oder Mini-Computer - künftig kommen etwa mobile Geldbörse, medizinisches Meßinstrument oder Diktiergerät hinzu. Und mit dem Ausbau der LTE-Netze (Long Tem Evolution) sind auch die Tage der klassischen GSM-Telefonie gezählt. In einigen Jahren, so der Plan, könnte sie durch datenbasierte VoIP-Gespräche (VoLTE) ersetzt werden.
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