Problematisches IT-Projekt mit der NHS

Fujitsu Services verliert Milliarden-Auftrag

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Die britische Gesundheitsbehörde National Health Service (NHS) beendet die Zusammenarbeit mit Fujitsu Services. Gründe wurden nicht genannt.

Fujitsu Services und die Gesundheitsbehörde haben einen Vertrag über ein Gesamtvolumen von 896 Millionen Pfund (etwa 1,1 Milliarden Euro) beendet. Fujitsu oblag die Aufgabe, ein neues IT-System für die NHS im Süden Großbritanniens einzuführen. Weitere Auftragnehmer sind BT und CSC.

Die Behörde hatte das IT-Projekt im Jahr 2002 gestartet und vier Generalunternehmen verpflichtet. Ursprünglich sah die Planung ein Budget von 6,4 Milliarden Pfund (mehr als acht Milliarden Euro) bis zum Jahr 2010 vor. Mitte 2006 veröffentlichte der britische Rechnungshof neue Zahlen. Die Kontrollbehörde schätzte die Gesamtkosten über die Laufzeit von zehn Jahren nun auf 12,4 Milliarden Pfund (18,2 Milliarden Euro). Ziel des Vorhabens, das auch den zeitlichen Rahmen gesprengt hat, ist eine landesweit einheitliche IT-Infrastruktur und Datenbank, eine elektronische Patientenakten und ein Online-Zugriff auf freie Betten- und Behandlungskapazitäten.

Das ganze Vorhaben hat schon des Öfteren für Trubel gesorgt. Projektleiter wurden ausgetauscht, im August 2008 brach die Patientenverwaltung landesweit mehrere Tage zusammen und wenige Woche später stieg Accenture aus. Das Projekt rechne sich aufgrund der rigiden Vertragsbedingungen nicht, ließ der Dienstleister wissen und übergab die ausstehenden Aufgaben an CSC. Accenture ließ sich den Ausstieg viel Geld kosten. Um Vertragsstrafen zu entgehen, zahlt das Unternehmen insgesamt 1,9 Milliarden Euro an CSC.

Die engen Vorgaben könnten auch der Grund für die Trennung von Fujitsu Services sein. Die britische Behörde ließ gegenüber BBC News wissen, sie bedauere das Ende. Man habe aber leider keine Übereinkunft erzielen können. Fujitsu teilte mit, man habe keine Möglichkeit auf eine akzeptable Einigung gesehen. Laut BBC haben strenge Vertragsklauseln dafür gesorgt, das Budget zu deckeln, obwohl das Projekt schon seit einiger Zeit aus dem Runder läuft. Zudem sehen die Vereinbarungen vor, dass Zahlungen nur fließen, wenn Funktionen betriebsbereit übergeben werden. Bei verfehlten Abgabeterminen fallen Strafzahlungen an, die sich die Provider allerdings wieder zurück verdienen können.

Fujitsu wird die bereits installierten Funktionen weiterhin betreuen. Was mit den noch nicht abgeschlossenen Aufgaben geschieht, ist ungewiss. Die Analysten von Ovum spekulieren und bringen Namen wie Capgemini, EDS, Logica, McKesson und Siemens IT Solutions and Services (SIS) als Nachfolger ins Spiel, um gleich die Frage anzuschließen: "Aber wer will sich diesen Job antun?" Keinesfalls - davon ist auszugehen - werden die Anbieter das Projekt zu den mit Fujitsu ausgehandelten Konditionen übernehmen. Für die Behörde bedeutet dies einmal mehr steigende Kosten sowie vermutlich ein Rechtsstreit mit dem Ex-Partner. (jha)