Projektgruppe favorisiert Netmaster von Systems Center

Für VW-Planer ist IBM Netview lediglich die zweitbeste Lösung

10.05.1991

WOLSBURG (pg) - Bei der Volkswagen AG scheint sich eine strategisch wichtige Entscheidung gegen den Marktführer IBM anzubahnen. Bei der Auswahl eines Netzwerk-Management-Systems tendiert die Projektgruppe für Automation nach Tests mehr im "Netmaster" von Systems Center als zu Big Blues "Netview". Endgültig sind die Würfel jedoch noch nicht gefallen: Nach der Wirtschaftlichkeitsprüfung hat der Vorstand das letzte Wort.

"Wir brauchen eine Plattform für alle Anwendungen", formuliert Harro Sebbeße, Projektleiter für Automation bei VW, die wichtigste Prämisse, die der Konzern von dem Management-System der Zukunft fordert. Vermutlich bis Mitte 1991 wird in Wolfsburg der Beschluß fallen, wie die Weichen in Sachen System- und Netz-Management künftig gestellt werden. Experten des Automobilherstellers sind derzeit dabei, im Zuge der Konsolidierung der Rechenzentren für die komplexe Rechnerwelt des Konzerns eine geeignete heterogene Management-Plattform für das Advanced Operating (AO) zu finden.

Mitte 1990 ging das Team von Sebbeße daran, technische Kriterien für die Entscheidungsfindung zu sammeln. Nachdem die Advanced-Operating-Software von sieben Herstellern näher unter die Lupe genommen wurde, blieben mit Ausnahme des Netmaster und Netview alle anderen Produkte auf der Strecke. Sie wurden, so der Projektleiter, der Hauptanforderung, nämlich Systeme und Netze sowohl steuern als auch überwachen zu können, nicht gerecht. IBM und Systems Center erhielten daraufhin die Gelegenheit, ihre Management-Systeme in Tests vor Ort unter VW-Maßstäben zu demonstrieren.

Nach Auswertung der Ergebnisse konnte das Produkt von Systems Center unter dem Strich mehr Pluspunkte verbuchen als das Pendant von Big Blue. Zugunsten des Netmasters sprechen Sebbeße zufolge vor allem die Einheitlichkeit der Oberfläche und des Kerns. Alle Automaten sind mit dem Expert Foundation System programmiert und können vom Betrieb auch selbst formuliert werden, erklärt der AO-Spezialist den Vorteil des NCL-Kerns. Außerdem beinhalte Netmaster im Gegensatz zu Netview bei der Automatenunterstützung auch Funktionen wie Statistik, Simulation sowie automatische Dokumentation.

Besonders wichtig ist aus Sicht von VW aber, daß nicht nur die SNA-Welt in das Konzept integriert ist. Das Unternehmen hat neben der IBM-Umgebung PC-, DEC-, Amdahl- und Tandem-Netze im Einsatz, die in der neuen AO-Konzeption über kurz oder lang alle unter einen Hut gebracht werden sollen. Die Forderung nach Heterogenität schlage, so Sebbeße, gegenwärtig mehr als Argument für den Netmaster zu Buche, weil Systems Center bereits mit DEC und Tandem Kooperationsverträge geschlossen habe und auch mit IBM arbeiten wolle. Der Experte rechnet damit, daß bereits die nächste Netmaster-Version Tandem- und DEC-Netze mitsteuern und überwachen kann.

IBM hat seinem SNA zwar ebenfalls Heterogenität auf die Fahnen geschrieben, bietet jedoch keine wirkliche Peer-to-peer-Lösung, erläutert der Projekt-Verantwortliche den Nachteil gegenüber dem Netmaster. Gerade unter dem Aspekt der flächendeckenden DPC-Rechnerwelt bei VW sei es aber von besonderem Interesse, daß auch IBM-Rechner unter der Regie von DEC-Operatoren gefahren werden könnten.

Aufgrund der genannten Vorteile des Netmaster empfiehlt die Arbeitsgruppe die Installation des Systems-Center-Produktes. Trotzdem will Sebbeße Netview nicht als schlechtes Management-System verstanden wissen. Netview hat bei uns in der Anwendung seine Qualitäten bewiesen. Es sind damit auch schon kleinere Operationsschritte wie Message-Reduzierung durchgeführt worden, lobt der AO-Insider und erklärt weiter: Wo es brannte, haben wir immer Lösungen geschaffen und Engpässe abgefangen, aber ohne Systematik."

Damit dies künftig nicht mehr passiert, muß das Management nach Meinung von Sebbeße eine Entscheidung treffen, die den Parametern Komplexität und Beweglichkeit bei VW langfristig gerecht werde. Diese Faktoren deckt Netview nicht in dem Maße ab wie der Netmaster. Sebbeße: "Uns nutzen fertige Lösungen, die zunächst vordergründig glänzen, weniger. Wir wollen kein Werkstück mit AO-Technik, sondern ein Werkzeug kaufen." Letztlich, so der technische Verantwortliche, dürfe nicht die Strategie von IBM, sondern nur die des Kunden bei der Bewertung ausschlaggebend sein.