Humanismus kontra künstliche Intelligenz

Friedenspreis für Jaron Lanier

13.10.2014
Einen solchen Preisträger hat die Frankfurter Paulskirche noch nicht erlebt. Der deutsche Buchhandel ehrt einen Computer-Freak, der über digitale Auswüchse schimpft. Und danach ganz analog auf einer traditionellen Bambusflöte spielt.

Jaron Lanier ist eine schillernde Figur. Dass ihn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überrascht hat, nimmt man ihm sofort ab. Auch andere sind überrascht, den Informatiker aus den USA nun in einer Reihe mit Preisträgern wie Albert Schweitzer (1951), Ernesto Cardenal (1980) oder Jürgen Habermas (2001) zu sehen. Der diesjährige Friedenspreisträger hat ein Computerspiel programmiert, "Moondust", und drei Bücher geschrieben, die aktuelle Fragen der digitalen Gesellschaft behandeln. In der Frankfurter Paulskirche holt er am Sonntag weiter aus, gelangt "zur Formulierung einer alten Idee, die in der Vergangenheit viele Formen hatte: Humanismus".

Jaron Lanier (l.) und Heinrich Riethmüller bei der Verleihung des Friedenspreises 2014
Jaron Lanier (l.) und Heinrich Riethmüller bei der Verleihung des Friedenspreises 2014
Foto: Tobias Bohm

Aus Sicht mancher Kritiker reicht Laniers theoretischer Tiefgang nicht viel weiter als die erste Seite einer Google-Suche. "Was genau ist eigentlich 'humanistisch' an Laniers Vision?" fragte etwa Evgeny Morozov in seiner Besprechung von Laniers Buch "Wem gehört die Zukunft?" in der "Washington Post". Die Vergütung von ein paar Cent für die Bereitstellung persönlicher Daten an Google oder Facebook - das sei doch wohl kaum etwas, was Mensch-Sein ausmachen könne.

In Frankfurt nennt Lanier einige Facetten seiner Vorstellung von Humanismus für die digitale Gesellschaft. Dazu gehört die Ablehnung von Künstlicher Intelligenz und einer "posthumanen Bewegung", die an die Unsterblichkeit durch Technik glaube. Als Beispiel nennt der Preisträger Google, das eine Organisation mit dem Ziel finanziere, "den Tod zu überwinden". Nein, er habe nichts gegen große Unternehmen, versichert Lanier und fügt hinzu, dass er zurzeit für Microsoft arbeitet - der Software-Konzern befindet sich seit Jahren in einem heftigen Clinch mit Google.

Umso artiger geht Lanier mit seinen Gastgebern um, betont, wie wichtig doch das Buch sei. Deswegen schreibe auch er selbst als "Geschöpf der digitalen Kultur" Bücher - "wenn es Zeit ist, einen Blick auf das große Ganze zu werfen".

Wenn vom Internet die Rede ist, denkt die in Frankfurt zum Abschluss der Buchmesse versammelte Verlagsbranche neben Google und Facebook vor allem an Amazon und dessen E-Book-Lesegerät Kindle. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, kritisiert, dass Anbieter von E-Book-Plattformen die Lesegewohnheiten ihrer Kunden analysieren, und fragt: "Wollen wir, dass der Autor das schreibt, was ankommt, oder wollen wir vielmehr, dass der Künstler das schreibt, was ihm Anliegen ist?"

Ein besonderes Anliegen ist für Lanier das Spiel auf der Khaen. Die traditionelle Bambusflöte aus Laos hat er mehrfach auf der Buchmesse hervorgeholt, erst auf einer Pressekonferenz, dann auf einem Empfang seines Verlags. Am Sonntag überrascht er die Frankfurter Festgemeinde mit einem abschließenden Flötenspiel und erklärt dann, dass das Spiel auf den 16 Röhren der Flöten als ein Zeichen mit einer Länge von 16 Bit verstanden werden kann: "Das ist der Ursprung des Computers!" Da wirkt der korpulente Mann mit den Rastalocken gar nicht mehr unsicher wie zu Beginn seiner Rede vor ungewohntem Publikum, mit seiner Flöte ist Lanier eins.

Was bleibt nun von dieser Preisverleihung und kann weiterwirken? Lanier nimmt den Friedenspreis entgegen "im Namen der Weltgemeinschaft der digitalen Aktivisten und Idealisten, auch wenn viele von uns nicht einer Meinung sind". Zu diesen gehört dann auch Edward Snowden, der sich auf seine Art gegen inhumanen Umgang mit Daten gestellt hat. In der Paulskirche geht der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) darauf ein: "Edward Snowden ist für mich einer der Helden unserer Zeit." Die vielstimmige Debatte über die Gestaltung der digitalen Zukunft und die Verfügung über unsere Daten hat gerade erst begonnen. (dpa/tc)