Forschung und Technologietransfer/Hilfestellung bei Firmengründungen

Fraunhofer-Institute: Wie aus Forschern Unternehmer werden

06.08.1999
"Sekt-Roboter" oder "virtuelle Amtmänner" können für ein Start-up-Unternehmen, das sich aus einer Forschungsinstitution heraus entwickelt hat, durchaus zur Cash-Cow werden, wenn sich der Neugründer neben seinen Entwicklerfähigkeiten auch noch Markt- und betriebswirtschaftliches Know-how aneignet. Wie ehemalige Forscher der Fraunhofer-Institute den Technologietransfer ins eigene Unternehmen bewerkstelligten, schildert Helga Ballauf* anhand unterschiedlicher Beispiele.

Christian Abt lernt die Sprache der Werbefachleute: "Die Roboter-Bar ist ein fesselndes High-Tech-Erlebnis." Solche Sätze muß formulieren können, wer Firmen einen Sekt-Roboter vermieten will, mit dem sie sich auf etwas andere Art auf Messen und bei Konferenzen präsentieren können. Das ist Neuland für Elektrotechnik-Ingenieur Abt. Der Jungunternehmer hofft, "daß sich aus dem Einsatz der Automatisierungstechnik für Marketing, Service und Entertainment ein neuer Markt entwickeln läßt." Seit Oktober 1997 betreibt er mit seinem Partner Erhardt die "Erhardt + Abt Automatisierungstechnik GmbH". Fünf Mitarbeiter planen und realisieren Fertigungs- und Dienstleistungs-Roboter in Geislingen an der Steige. Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart war für Abt und Erhardt das Sprungbrett in die berufliche Selbständigkeit.

Tausend hochwertige Arbeitsplätze geschaffen

Ein Beispiel für den Innovationstransfer von der Wissenschaft zur Wirtschaft, den die Fraunhofer-Gesellschaft unterstützt. Zum 50jährigen Jubiläum lobte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die Ausgründungspolitik der öffentlich geförderten Einrichtung für angewandte Forschung im ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Aus den 47 Fraunhofer-Instituten seien in den 90er Jahren mehr als hundert Firmen hervorgegangen, die annähernd tausend hochwertige Arbeitsplätze geschaffen hätten, rechnete Bulmahn vor. Der Pressesprecher der Fraunhofer-Zentrale in München, Franz Miller, spricht von "schlicht hochgerechneten und wahrscheinlich zu tief angesetzten Zahlen". Denn der Gedanke sei neu, genau Buch zu führen über jeden Wissenschaftler, der ein Institut verläßt, um sich mit seinem Know-how als Unternehmer selbständig zu machen. Gar nicht neu ist dagegen die Politik der Fraunhofer-Gesellschaft, Ausgründungen zu unterstützen. Miller nennt wesentliche Elemente dieser Förderung: Fraunhofer-Mitarbeiter dürfen in der Startphase ihrer eigenen Firma zweigleisig fahren, also parallel noch fürs Institut und schon auf eigene Rechnung arbeiten.

"Wir nehmen in Kauf, daß uns in dieser Zeit ein Teil ihrer Arbeitsleistung verlorengeht", sagt der Pressesprecher. Zusätzlich helfen die Forschungsinstitute den Existenzgründern, indem sie ihnen Geräte, Anlagen und Räume zu günstigen Konditionen überlassen.

Hinzu kommt häufig eine Kooperation bei Aufträgen zwischen den Instituten und ihren ehemaligen Mitarbeitern. Christian Abt beschreibt die Praxis zwischen seiner jungen Firma und dem IPA: "Das Institut baut den Prototyp eines Roboters. Wir übernehmen die Fertigung, wenn der Kunde das will. Andererseits schicken wir Auftraggeber, die eine wissenschaftlich vertiefte Technologieberatung brauchen, zu den Kollegen." Der Sekt-Roboter war ein Beitrag des IPA zur Hannovermesse 1996. Als erste Nachfragen kamen, ob dieses Ding auszuleihen sei, sprang die Firma "Erhardt + Abt" ein, verhandelte über den Preis, schloß Versicherungen ab und organisierte den Transport. Zunächst sei es ein Gag gewesen, erinnert sich Abt schmunzelnd, "inzwischen denken wir, daß der Mietservice unser zweites Standbein auf dem heiß umkämpften Automatisierungsmarkt sein könnte". Er gesteht zu, daß für einen Ingenieur der technische Reiz größer ist, aus einem Industrie-Roboter "auch das letzte Prozent an Verfügbarkeit und Geschwindigkeit herauszuholen". Doch es mache auch Spaß, "sich auf Messen zu bewegen und Marketing-Fachleute von der Schönheit unseres Produkts zu überzeugen".

Gero Waschütza arbeitet derzeit noch beim Fraunhofer-Institut für Grenzflächen und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Hannover als Biochemiker. Gleichzeitig baut er mit seiner Frau und einigen Mitarbeitern seit einem guten Jahr die Firma "Adnagen" auf. Sie vertreibt neuartige Systeme zur Früherkennung von Krankheiten. In der Biotechnologie kann man keine Firma gründen, wenn man nicht in ein wissenschaftliches Netzwerk eingebunden ist. "Wer mit der Pharmaindustrie erfolgreich verhandeln will", sagt Waschütza, "muß in beiden Welten - in Wirtschaft und Wissenschaft - zu Hause sein."

Ans Fraunhofer-Institut für Lasertechnik (ILT) in Aachen ist ein Anwenderzentrum angeschlossen - ein günstiges Umfeld für Existenzgründer. Winfried Barkhausen und Edwin Büchter haben sich mit ihrer Firma "Clean Lasersysteme GmbH" aufs Reinigen und Entschichten metallischer Bauteile mit Hilfe von Laserlicht spezialisiert. Die "Prolas Produktionslaser GmbH" von Thomas Ebert, Peter Ott und Dirk Hänsch vermarktet unter anderem ein Verfahren, das es erlaubt, Diodenlaser mit Kunststoffen und Metallen zu verbinden. Die "Naixus" Lasertechnik GmbH" ist Spezialist für den Korrosions- und Verschleißschutz im Werkzeug- und Maschinenbau. Vor einem knappen Jahr haben Ralf Strohmeyer, Gerhard Backes und Andres Gasser die Firma gegründet. Gasser ist noch am ILT angestellt; Backes will seinen Aachener Lehrstuhl für Lasertechnik noch eine Weile behalten. "Er ist unser Entwicklungsmann und garantiert, daß wir die neuesten Entwicklungen in der Wissenschaft mitkriegen", weiß Strohmeyer, der bislang als "Mädchen für alles" die Geschäfte führt, seinen Partner zu schätzen. "Ich habe keine Familie und muß kein Haus abbezahlen. Ich trage kein hohes Risiko. Wenn''s nicht klappt mit der Firma, suche ich mir etwas anderes." Mit Hilfe von Laserbeschichtung Motoren instandsetzen, Spritzgußwerkzeuge reparieren, Schiffsteile regenerieren - all das soll zum Dienstleistungsspektrum der jungen Firma gehören. Noch mietet Naixus die Büroräume und die Anlagentechnik vom ILT. Strohmeyers Hauptaufgabe besteht inzwischen darin, Kapital aufzutreiben und Investoren zu suchen. "Ein Sprung ins kalte Wasser für einen Wissenschaftler", gibt er zu, "Wir können uns noch keinen Betriebswirt leisten. Da muß ich schon selber schauen, woher ich die Infos bekomme." Geholfen haben die Teilnahme an einem Business-Plan-Wettbewerb und die Forschungs- und Entwicklungskooperation mit dem Fraunhofer-Institut. Trotz all der fremdartigen Aufgaben, die ihn derzeit beschäftigen, freut sich Strohmeyer: "Mein eigener Chef zu werden - das ist ein reizvolles Abenteuer."

Der Weg in die umgekehrte Richtung - von der Wirtschaft zurück in die Wissenschaft - wird "leider viel zu selten gemacht", bedauert Fraunhofer-Sprecher Miller. Es werde zunehmend schwieriger, für die Leitung der einzelnen Institute ausgewiesene Fachleute mit Industrieerfahrung zu gewinnen. Nach Millers Einschätzung liegt das einmal am Geld: "Wissenschaft ist zu schlecht bezahlt." Noch mehr jedoch schrecken Vorschriften und Verfahren erfahrene Bewerber ab. Nun hofft der Pressesprecher der Forschungseinrichtung, daß die Bundesbildungsministerin die Zügel für die Forschungsinstitute lockert, "Risiko mit Freiraum zuläßt und so mehr Durchlässigkeit ermöglicht".

Die meisten der befragten Jungunternehmer können sich einen Wechsel vom eigenen Geschäft an die Spitze eines Fraunhofer-Hauses nicht vorstellen. "Ich möchte nicht dauernd in Gremien um mein Budget kämpfen müssen", begründet beispielsweise Klaus Weyer. Bereits 1984 gründete er mit Günter Zimmer und Norbert Ellenberger die "Elmos GmbH" in Dortmund. Das Unternehmen mit 480 Mitarbeitern zählt heute zu den führenden Herstellern von Spezialchips für die Autoindustrie. "Die Firma ist wie ein Kind, das man großgezogen hat; da läßt man nicht so schnell los" - ein weiterer Grund, warum es Weyer nicht in ein Wissenschaftsinstitut zurückzieht. Fünf Jahre brauchte die Firma, bis sie schwarze Zahlen schrieb, berichtet er: "Die Forschungs- und Entwicklungsallianz mit dem Duisburger Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme war entscheidend."

Drei Dinge sind wichtig, wenn Techniker unter die Unternehmer gehen, weiß der Elmos-Mitbegründer aus eigener Erfahrung: "Man muß Förderprogramme gnadenlos ausnützen, um finanzielle Defizite aufzufüllen. Man muß rechtzeitig Kaufleute einbinden; das ist für Techniker oft der größte Graben, über den sie zu springen haben. Und man braucht einen langen Atem. Zum Beispiel bei der Mikrosystemtechnik - da kann es bis zum Geschäftserfolg schon acht bis neun Jahre dauern."

Von Aerosolforschung bis Ökotoxologie, von Festkörpertechnologie bis Graphische Datenverarbeitung - das Forschungsfeld der dezentral im ganzen Bundesgebiet verstreuten Fraunhofer-Institute ist breit. Ähnlich vielfältig ist das Firmenspektrum der Ausgründungen. Frauen als Unternehmerinnen sucht man bislang allerdings vergebens. "Es gibt nicht so viele Forscherinnen in den Ingenieurwissenschaften. Bei einigen unserer Institute klappt die Frauenförderung jedoch schon vorzüglich", macht Pressesprecher Miller den weiblichen Kandidaten Mut.

Kaum Forscherinnen in den Ingenieurwissenschaften

Das Fraunhofer-Institut Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart gehört zu den Einrichtungen, die inzwischen über ihre Ausgründungen Buch führen. Mitarbeiter des Instituts haben seit 1984 insgesamt 16 Unternehmen gestartet und mehr als 400 Arbeitsplätze geschaffen. Dazu gehört die Firma "Informationsmanagement GmbH", die seit sieben Jahren am Markt ist und derzeit rund 45 Mitarbeiter beschäftigt. "Zukunftsgerichtete Kommunikationslösungen für Wirtschaft und Verwaltung" - so lautet die Eigenwerbung. "Wir sind keine schlichte Unternehmensberatung", beschreibt der Bereichsleiter für "Mediasolutions", Erich Koetter, "sondern ein Haus, das Analysen und Konzepte macht und diese realisiert, das Design eingeschlossen." Zu den Kunden zählen Großunternehmen wie Allianz, Hewlett-Packard und Telekom ebenso wie Mittelständler. Derzeit entwickeln die Stuttgarter ihr erstes eigenes Produkt, eine technische und organisatorische Lösung, um Internet, Intranet und Telephonie zu verzahnen. Nach wie vor laufen gemeinsame Arbeiten mit dem IAO, aber auch mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen, berichtet Koetter. Aktuelles Kooperationsprojekt mit dem Fraunhofer-Institut: der "virtuelle Amtmann". Physiker Koetter erklärt: "Es geht um eine Lösung, wie ich mir den Weg zur Zulassungsstelle erspare und statt dessen daheim ins Internet gehe, um dort meinen Pkw anzumelden.

Angeklickt

Die Fraunhofer-Institute unterstützen Neugründungen von Unternehmen, die Forschungsergebnisse der Institute vermarkten. Nicht nur, daß die (Ex-) Mitarbeiter in der Startphase parallel arbeiten dürfen, nämlich für sich und das Institut, auch Geräte, Anlagen und Räume der Gesellschaft können zu günstigen Konditionen genutzt werden. Wenn das neue Unternehmen dann für seine Kunden eine vertiefte Technologieberatung braucht, kommt andererseits wieder das Forschungsinstitut zum Zuge.

*Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.