Web

 

Franzosen sind bei europäischer Multimedia-Suchmaschine Quaero vorgeprescht

17.01.2006
Mit Projekt Quaero hat sich eine deutsch-amerikanische Arbeitsgruppe zum Ziel gesetzt, eine eigene Multimedia-Suchmaschine zu bauen. Die deutsche Beteiligung am vermeintlichen Google-Konkurrenten ist jedoch noch unklar.
"Die wollen Mitte des Jahres schon online gehen, ohne dass bisher potenzielle Dienstleister und Technikpartner außerhalb von Frankreich eingebunden wurden." Stefen Karzauninkat, Seekport.
"Die wollen Mitte des Jahres schon online gehen, ohne dass bisher potenzielle Dienstleister und Technikpartner außerhalb von Frankreich eingebunden wurden." Stefen Karzauninkat, Seekport.

Als Präsident Jacques Chirac im französischen Fernsehen seiner Neujahresansprache verkündete, dass "mit Quaero die erste wirkliche Multimedia-Suchmaschine als Gegenbewegung zu den US-amerikanischen Search Engines" entstehen soll, schien der europäische Google-Konkurrent geboren.

Bei dem Projekt Quaero, lateinisch: "ich suche", soll es sich nicht nur um eine weitere textbasierende Suchmaschine handeln. Vielmehr dient die Technik dazu, Bilder sowie Video- und Audioinhalte zu identifizieren, zu beschreiben und zu indizieren. Eine Spracherkennung soll in Videos gesprochene Worte aufspüren und Inhalte in verschiedene Sprachen übersetzen. Anwender können das System sowohl am PC als auch am Mobiltelefon und Fernseher (via Settop-Box) bedienen. Neben der Suche geht es beim Projekt auch um den Schutz digitaler Inhalte. Eine nicht sonderlich detaillierte Beschreibung findet sich auf der Website der "Deutsch-Französischen Arbeitsgruppe" (letzter Link "Automatische Verarbeitung multimedialer Inhalte").

Erste Version soll Mitte des Jahres erscheinen

Zu den Lieferanten der zugrundeliegenden Technik zählt der französische Suchmaschinenspezialist Exalead, der sowohl Intranet- als auch Internet-Suchtechniken entwickelt. Der französische Ableger von AOL verwendet das Exalead-System, während der Online-Dienst weltweit Google nutzt. Exalead-CEO François Bourdoncle ist sich sicher, dass in etwa sechs Monaten eine Version der Quaero-Suchmaschine verfügbar sein wird. Bourcdoncle arbeitet mit der auf Bildanalyse spezialisierten französischen Firma LTU Technologies sowie mit der RWTH Aachen (automatische Sprachübersetzung) zusammen.

Obwohl es sich um ein erklärtermaßen deutsch-französisches Projekt handelt, wirft die deutsche Beteiligung Frage auf. Offiziell sind verschiedene europäische Unternehmen beteiligt, darunter der Elektronikkonzern Thomson als Konsortialführer, die France Télécom und die Deutsche Telekom. Empolis, eine auf Content- und Wissens-Management spezialisierte Tochter der zu Bertelsmann gehörenden Arvato AG, soll Berichten zufolge die Gesamtleitung des Projekts auf deutscher Seite zufallen.

Bertelsmann und Deutsche Telekom wiegeln ab

Auf Anfrage teilten aber sowohl der deutsche Telefonkonzern als auch die Bertelsmann-Tochter mit, dass ihr Engagement mitnichten den bekannt gewordenen Darstellungen entspreche. "Entgegen anders lautenden Medienberichte übernimmt Empolis nicht die Gesamtführung des Projekts, dies war auch nie so geplant", sagte ein Arvato-Sprecher gegenüber der COMPUTERWOCHE. Zudem gebe es weder eine formelle noch eine informelle Vereinbarung zu einer möglichen Projektbeteiligung. Man prüfe derzeit lediglich eine Mitarbeit an Quaero. Auch die Deutsche Telekom befindet sich noch in der Erkundungsphase und wollte sich nicht näher zu dem Sachverhalt äußern. Für weiterführende Informationen verweist man schmunzelnd auf den ehemaligen Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der die Bundesregierung in Technik- und Innovationsfragen berät. Von Pierer ist der der deutsche Leiter der Arbeitsgruppe "Innovation" innerhalb der deutsch-französischen Arbeitsgruppe.

Wie aus informierten Kreisen verlautet, wurde die Idee für das deutsch-französische Projekt vor der letzten Bundestagswahl geboren, ging auf deutscher Seite dann aber in dem Wahlturbolenzen unter.

Thomson schottet Web-Seite ab

Doch auch auf französischer Seite gibt es Ungereimtheiten. Der Thomson-Konzern hatte bis vor kurzem noch frei Informationen zu Quaero auf seiner Website angeboten. Nun ist diese Seite nur noch über ein Passwort nutzbar. Wie Thomson-Sprecher Philippe Paban der auf Suchmaschinen spezialisierten Website "Search Engine Watch" mitteilte, ziehe man es vor, sich bis zu einem geplanten offiziellen Ankündigungs-Event nicht mehr zu äußern.

Franzosen fürchten kulturelle Enteignung

Nach den Worten von Stefan Karzauninkat, ausgewiesener Suchmaschinenexperte und Director Quality Management beim Search-Engine-Anbieter Seekport, haben die Franzosen ein Interesse daran, ein Gegengewicht zu Google und Yahoo zu schaffen. Den Politikern im Nachbarland gefalle nicht, dass mit "Google Book Search" (vormals "Google Print", siehe Google Print heißt jetzt Google Book Search) Bestände auch von französischen Bibliotheken durch amerikanische Suchtechnik indiziert werden sollen (siehe Google öffnet Online-Bibliothek). Im März vergangenen Jahres warfen die Franzosen dem amerikanischen Suchmaschinenanbieter vor, Autoren- und Markenrechte zu verletzen sowie die Kulturvielfalt durch die Digitalisierung angelsächsischer Literatur zu gefährden.

Zwar lobt Suchmaschinenkenner Karzauninkat die Pläne der europäischen Nachbarn, hält sie aber für überaus ambitioniert. "Die wollen Mitte des Jahres schon online gehen, ohne dass bisher potenzielle Dienstleister und Technikpartner außerhalb von Frankreich eingebunden wurden." (fn)