Web

 

France Télécom dreht Mobilcom den Geldhahn ab

13.09.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Würfel sind gefallen. France Télécom, mit 28,5 Prozent an Mobilcom beteiligt, stellt seine Aktivitäten am deutschen Mobilfunkmarkt ein. Im Klartext heißt das: Mobilcom wird der Geldhahn abgedreht, weil die Franzosen laut Thorsten Grenz, Vorstand der Mobilcom, die einzige Finanzquelle des Unternehmens sind. Damit ist ziemlich sicher, dass in der Mobilcom-Zentrale im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf bald die Lichter ausgehen. Grenz hatte gestern gesagt, sein Unternehmen müsse im Falle eines Ausstiegs von France Télécom binnen weniger Tage Insolvenz anmelden, weil die für den Geschäftsbetrieb nötige Liquidität nicht mehr gewährleistet sei. Damit stehen 5000 Beschäftigte des einst am Neuen Markt gefeierten Börsenstars vor der Arbeitslosigkeit.

Die Entscheidung des Verwaltungsrats der France Télécom kam nicht überraschend. Seit Monaten suchte Michel Bon, Chef des französischen Carriers, nach einem Weg, um möglichst billig aus dem deutschen UMTS-Abenteuer mit Mobilcom herauszukommen. Zwischen ihm und Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid kam es seit letztem Jahr immer wieder zu heftigen Meinungsverschiedenheiten über die Zahlungsverpflichtung der Franzosen beim Aufbau der UMTS-Infrastruktur. Während Schmid, der im Juni als Mobilcom-Chef zurücktreten musste, einen schnellen UMTS-Ausbau forderte, trat Bon auf die Kostenbremse und drohte mit dem Ausstieg.

Diese Drohung hat Bon jetzt wahr gemacht. Es gelang ihm, die Regierung von dem kostspieligen Rückzug zu überzeugen. Das musste er, denn France Télécom ist noch zu 55 Prozent im Besitz des französischen Staats. Obwohl sogar auf Regierungsebene zwischen Berlin und Paris die Drähte glühten, um den Ausstieg vielleicht doch noch zu verhindern und Arbeitsplätze zu sichern, sagte der Verwaltungsrat gestern doch endgültig Nein zu Mobilcom. Von 21 Mitgliedern des Gremiums hatten nur die sieben Vertreter der Arbeitnehmer gegen den Rückzug votiert.

Mit der Absage an Mobilcom ist auch das Schicksal von Bon besiegelt. Er kündigte gestern seinen Rücktritt an, sobald ein Nachfolger gefunden ist. Bon zieht damit die Konsequenzen aus seiner gescheiterten Unternehmenspolitik. Den Konzern drückt eine Schuldenlast von rund 70 Milliarden Euro. Allein im ersten Halbjahr hat France Télécom einen Verlust von 12,2 Milliarden Euro geschrieben. Dieser resultiert laut Bon im Wesentlichen aus Rückstellungen von 11,1 Milliarden Euro für den deutschen Partner Mobilcom. Dem Carrier steht damit das Wasser selbst bis zum Hals und Bon musste die Notbremse ziehen. Mobilcom drohte angesichts der hohen Kredite und der unsicheren Zukunft von UMTS zu einem Fass ohne Boden zu werden.

Wie es nun in Büdelsdorf weitergeht, ist fraglich. Sicher ist, dass Mobilcom das UMTS-Projekt ohne die Franzosen nicht stemmen kann. Ein Interessent für die Anteile der France Télécom ist bei der desaströsen Marktlage natürlich auch nicht in Sicht. Damit ist so gut wie sicher, dass einer von sechs UMTS-Lizenznehmern vom deutschen Markt verschwindet, wobei auch das Aus von Quam als ziemlich wahrscheinlich gilt. Die Tochter der spanischenTelefonica hat ihre UMTS-Aktivitäten vorerst auf Eis gelegt. In den Konzernzentralen von T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 wird sich das Mitleid mit Mobilcom indes in Grenzen halten. Das Aus der Büdelsdorfer verschafft den Konkurrenten zumindest im Kampf um

zukünftige Kunden etwas Luft.

Ob Mobilcom in seinem eigentlichen Kerngeschäft als Service-Provider von Mobilfunkdiensten weitermachen kann, weiß zur Stunde niemand. Auf der CeBIT hatte Schmid - damals noch im Amt - erklärt, dass neun Prozent aller in Deutschland verkauften SIM-Karten auf Mobilcom entfallen. Im Vorjahr sei der Marktanteil noch bei sechs Prozent gelegen. Die Steigerung führte er auf eine stärkere Konzentration im Geschäfts- und Vertragskundensegment zurück. In dieser Zielgruppe zählte Mobilcom im März 3,36 Millionen Teilnehmer, insgesamt knapp fünf Millionen Kunden.

Als wahrscheinlich gilt jedoch, dass Schmid und Grenz France Télécom auf Schadenersatz verklagen werden. In einer heute verbreiteten Pressemitteilung der Mobilcom heißt es: "Die France Télécom verstößt mit der Aufkündigung der Geschäftsbeziehung eindeutig gegen die vertraglichen Bestimmungen des mit der Mobilcom vereinbarten Corporation Framework Agreements. Die MobilCom AG prüft deshalb zur Wahrung der Unternehmensinteressen Klage auf Schadensersatz einzureichen." Allerdings wird es über eine Klärung dieser Ansprüche vermutlich zu langen juristischen Auseinandersetzungen und Prozessen kommen. Schmid als Privatier wird sie vielleicht führen, einer insolventen Mobilcom nutzen sie kaum. (pg)