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Fragiler Friede bei Infineon - Neue Enthüllungen befürchtet

29.07.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der skandalgebeutelte Chipkonzern Infineon hofft nach turbulenten Wochen auf die Rückkehr zur Normalität. "Wir schließen jetzt die Reihen", heißt es im Unternehmen. Nach der ausgiebigen Debatte des Schmiergeldskandals im Aufsichtsrat sollen die Grabenkämpfe eingestellt werden. Schließlich hat das Unternehmen angesichts hoher Verluste auch operativ genug zu tun. Allerdings fürchten einige bei Infineon, dass in den kommenden Wochen und Monaten weitere Enthüllungen drohen, die den fragilen Frieden wieder gefährden könnten.

Der Aufsichtsrat hatte sich am Donnerstag nach mehrstündiger Debatte demonstrativ hinter den in die Kritik geratenen Gremiumshef Max Dietrich Kley gestellt. "Letztendlich fiel diese Entscheidung einmütig", erfuhr die dpa. Zwar gebe es durchaus Vorbehalte am Auftreten Kleys in den vergangenen Wochen. Nach Angaben aus Branchenkreisen war auch Großaktionär Siemens darüber irritiert und habe daher das Gespräch mit Kley gesucht.

Das Kontrollgremium sei aber letztendlich überzeugt davon, dass die Schmiergeldvorwürfe gegen den inzwischen zurückgetretenen Vorstand Andreas von Zitzewitz nicht unter den Teppich gekehrt worden seien, heißt es aus dem Aufsichtsrat. Kley hatte von den Anschuldigungen gegen Zitzewitz schon vor mehr als einem Jahr erfahren und interne Untersuchungen eingeleitet, die Behörden aber nicht informiert. Nach Bekanntwerden der Affäre ritt Kley heftige Attacken gegen Ex-Chef Ulrich Schumacher, der nach derzeitigem Stand mit dem Skandal nichts zu tun hat.

Ein Rücktritt Kleys, für den auch nicht so leicht auf die Schnelle ein Nachfolger zu finden wäre, war bei der Sitzung kein Thema. Der Aufsichtsrat ließ sich von Kleys Argumentation überzeugen, dass die Zeugen nicht sehr glaubwürdig und keine Belege zu finden gewesen seien. "Da muss dann schon die Unschuldsvermutung gelten", meinte ein Aufsichtsrat. Nach seiner Einschätzung wäre es Rufmord gewesen, auf so dünner Indizienlage die Staatsanwaltschaft gegen einen Vorstand einzuschalten, dem bisher alle vertraut hätten.

Auch der Aufsichtsrat unterstützt aber die externe Untersuchung, mit der nun noch einmal die internen Kontrollsysteme unter die Lupe genommen werden sollen. Zudem will sich dem Vernehmen nach auch Audi-Chef Martin Winterkorn intensiv für eine lückenlose Aufklärung der Affäre einsetzen. Winterkorn wurde als neues Mitglied in den Präsidialausschuss gewählt, dem auch noch Kley selbst und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Luschtinetz angehören.

Ob die Rückkehr zur Normalität wirklich gelingt, wagt niemand zu beurteilen. Einige im Aufsichtsrat und im Umfeld des Unternehmens rechnen mit weiteren Enthüllungen.

Die Staatsanwaltschaft hat zwei Wochen nach einer umfangreichen Durchsuchungsaktion noch keine neuen Erkenntnisse. Zitzewitz hat nach ihren Ermittlungen 259.000 Euro Schmiergeld im Zusammenhang mit Motorsport-Sponsoring angenommen. Derzeit warte man noch auf Unterlagen aus der Schweiz, wo die Agentur BF Consulting ihren Sitz hat, die das Schmiergeld gezahlt haben soll, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld am Freitag der dpa. Er könne es nicht ausschließen, dass sich die Affäre noch ausweite. "Derzeit gibt es aber keine konkreten Anhaltspunkte dafür." (dpa/tc)