4 Problemfelder

Forresters Abgesang auf die bimodale IT

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Ungewöhnlich deutlich hat sich Forrester Research gegen das Konzept einer IT der zwei Geschwindigkeiten ausgesprochen. Die bimodale IT führe zu Komplexität und diene nicht dem Ziel der Kundenorientierung.
Forrester ist gegen das Konzept einer IT der zwei Geschwindigkeiten und vermutet eine steigende Komplexität.
Forrester ist gegen das Konzept einer IT der zwei Geschwindigkeiten und vermutet eine steigende Komplexität.
Foto: Mr. SUTTIPON YAKHAM - shutterstock.com

Vielleicht liegt es ja daran, dass die bimodale IT - ähnlich wie der legendäre Hype Cycle oder der Magic Quadrant - ein Terminus des Erzrivalen Gartner ist. Jedenfalls hat sich Forrester Research in dem aktuellen Report "The False Promise Of Bimodal IT" scharf gegen die Idee ausgesprochen, IT-Organisationen in je einen auf Stabilität und auf Agilität fokussierten IT-Bereich zu spalten.

Wo die IT Einfachheit brauche, um innovativ zu sein, sorge ein "Zwei-Klassen-System" eher für Komplexität. Es gebe keinen Sinn, zwei IT-Shops zu unterhalten, die miteinander um Budget, Ressourcen, Skills und die Aufmerksamkeit des Business kämpften.

Analyst John C. McCarthy sieht - gestützt auf Umfragen - die großen Herausforderungen für Unternehmen und damit auch die IT-Bereiche in sich rasch wandelnden, steigenden Kundenerwartungen sowie im Zwang innovativer zu werden. "CIOs aller Branchen wissen bereits oder werden in Kürze merken, dass traditionelle IT-Delivery-Ansätze den gestiegenen Erwartungen der Kunden und der rasant steigenden Innovationsgeschwindigkeit nicht mehr gerecht werden können."

Keine Zwei-Klassen-Systeme

Eine bimodale IT kann CIOs demnach allenfalls kurzfristig weiterbringen, auf längere Sicht prägten sich aber vier große Problemherde aus:

1. Ein Zwei-Klassen-System sorgt für erhöhte Komplexität und eine schlechtere Kultur. In Zeiten, in denen Unternehmen schnell und agil handeln müssen, ist es den Analysten zufolge kontraproduktiv zwei IT-Gruppen zu unterhalten, die jeweils um Ressourcen und Anerkennung ringen. Zudem sei es wahrscheinlich, dass sich die Kollegen, die in der klassischen IT arbeiten, auf Dauer zurückgesetzt fühlten.

Digital Leader aufgepasst! - Foto: IDG

Digital Leader aufgepasst!

2. Die bimodale IT fußt laut Forrester auf einem technikzentrischen Denkmodell, nicht auf einem kundenzentrischen. Vorreiter in Sachen Digitalisierung - Forrester nennt hier die DBS Bank oder Schneider Electric - knüpften ihre Performance-Metriken heute an Kennziffern zur Verbesserung der Kundenzufriedenheit. Um dort voranzukommen, seien diese Unternehmen bereit, in einer abteilungsübergreifenden Anstrengung die Customer Experience zu verbessern und Silostrukturen einzureißen. Bimodale IT laufe aber der Idee zuwider, crossfunktionale Rollen zu schaffen und einen übergreifenden Omnichannel-Modus zu erreichen.

3. Forrester warnt weiter davor, dass eine bimodale IT die Neigung verstärke, Backend-Systeme unangetastet zu lassen. Tatsächlich gebe es in jedem Unternehmen Systeme, die man für eine Weile in Ruhe lassen könne - wenn sie aber dann angefasst werden müssten, sei meist höchste Eile geboten. Die Analysten plädieren dafür, alle operativen Systeme und Prozesse mit Fokus auf den Kunden auszurichten - auch die im Backend.

Die digitale Disruption zwingt Unternehmen zu organisatorischer Einfachheit und Agilität. Sie müssen auch kurzfristig Spin-offs ausgliedern und Kooperationen mit Dritten eingehen können, um neue Geschäftsfelder schnell zu erschließen. Das führt den Analysten zufolge zu einem kontinuierlichen organisatorischen Re-Engineering. Dafür müssten Tech-Management-Teams auch ältere Backend-Anwendungen vereinfachen und modularisieren.

4. Forrester warnt schließlich davor, dass IT-Organisationen mit einem bimodalen Ansatz am Ende alle konzernweiten Veränderungen auf den Tisch bekommen könnten. Die Business-Einheiten könnten sich aus der Verantwortung stehlen, am Ende sei eine Isolation der IT von den Business-Funktionen wahrscheinlich. Das Digitalzeitaler verlange aber, dass sich alle Unternehmensbereiche der Herausforderung stellen.

Inhalt dieses Artikels

 

Pat Potts

Es hängt vieles davon ab, welchen Zeithorizont die Verantwortlichen und deren Mitarbeiter haben; wer nur noch ein paar Jahre bis zum (Vor-)Ruhestand durchhalten muss, der fühlt sich in der "langsamen" IT vielleicht gut aufgehoben. Wer aber eine persönliche Perspektive sucht, um sich längerfristig weiterzuentwickeln, für den ist nur die neue, schnelle und moderne Seite der IT interessant. Es geht aber darum, die bi-modale IT der zwei Geschwindigkeiten als das zu begreifen, was sie darstellt - eine Übergangsphase, in der idealerweise die bestehende IT Organisation ihre Altlasten aufarbeitet, also modernisiert und nicht konserviert, während parellel dazu mit neuen Käften bereits die neue Welt entsteht. Das Ziel der Transformation muss natürlich - da kann man Forrester nur zustimmen - in einer vollständig auf das digitale Zeitalter angepassten, integrierten IT bestehen. Deshalb ist es falsch, die alten Backend-Systeme unangetastet zu lassen - am Ende auch noch bei einem Outsourcer zwischengelagert - und nur darum herum zu bauen. Das verzögert und verkompliziert nur den unausweichlichen Modernisierungsprozess.

Dominik Eul

Ich kann den Artikel so nicht stehen lassen. Bei
der bi-modalen IT geht es darum, insbesondere in kleinen Unternehmen,
altbewährtes zu erhalten und in Neues zu überführen, gleichermaßen für
Kundenerlebnis und Technologien. Auf dem vermeintlich Alten fußt mehr als 90%
des heutigen Geschäfts. Das neue braucht wenigstens 1-2 Jahre um signifikant
Umsatz zu erzielen und >5 Jahre um das Alte abzulösen. Da macht es Sinn
diesem auch organisatorisch Rechnung zu tragen. Wichtig ist den
Mitarbeitern mitzugeben und Perspektiven aufzuzeigen und den Weg nicht
gegen, sondern im Schulterschluss mit dem Business zu gehen. By the way: Nicht
jeder altgediente, und damit im Regelfall, wertvolle Mitarbeiter kann oder
möchte den Weg zu neuen Organisationsmodellen und Technologien
mitgehen.

comments powered by Disqus