Flache Hierarchien sind eine Illusion

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Einfache Lösungen sind Stefan Kühl suspekt. Populäre Management-Theorien zerpflückt der Soziologe und Organisationsberater in seinem neuen Buch „Sisyphos im Management“. Die perfekte Organisation sei eine Illusion.

CW: Sie vergleichen die Anforderungen an Manager mit denen von Sisyphos, einem tragischen Helden der griechischen Mythologie, der einen Felsbrocken einen Berg hochhieven muss und immer wieder kurz vor dem Ziel scheitert. Sieht Ihrer Meinung nach so der Arbeitsalltag eines Managers aus?

KÜHL: Das Management muss immer Sisyphosarbeit leisten, es hat keine andere Wahl. Sorgen über ihre Existenzberechtigung müssen sich Manager erst dann machen, wenn sich der Eindruck einstellt, dass alles wie am Schnürchen läuft. Widersprüche und Paradoxien in ihrer Organisation gehören dagegen zum Arbeitsalltag, damit müssen sie zurechtkommen und Lösungen dafür finden.

CW: In Ihrem Buch kritisieren Sie flache Hierarchien, mit denen sich sowohl junge als auch etablierte Unternehmen gleichermaßen schmücken. Sie schreiben, dass Teams immer hierarchische Strukturen hervorbringen. Worauf stützen Sie Ihre Erkenntnis?

KÜHL: Streichen Unternehmen die erste und zweite Führungsebene und setzen dafür über verschiedene Ebenen gestaffelte Teamarbeit ein, führt das zu einer Zentralisierung von Entscheidungen. Diesen Nebeneffekt hatte niemand eingeplant. Flache Hierarchien heißt im Unternehmensalltag, dass sich andere, striktere Hierarchien herausbilden. Wird die Entscheidungskompetenz an ein Team delegiert, kommt es oft zu Machtkämpfen innerhalb der Gruppe, da nicht klar ist, wer Entscheidungen treffen darf. Die Teammitglieder müssen sich untereinander absprechen und einigen, die Entscheidungswege werden deshalb länger, die Machtverhältnisse diffuser. Oft verlagern sich die Entscheidungen auf die nächsthöhere Führungsebene, und es entsteht eine Zentralisierung, die niemand wollte. In meiner Beratertätigkeit habe ich ein mittelständisches Unternehmen kennen gelernt, das Führungsteams gebildet hatte und solche Probleme erlebte.

Plötzlich musste der Werksleiter über Urlaubsanträge von Mitarbeitern aus der Fertigung entscheiden; vorher wickelte der Meister diese Dinge selbständig ab.

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