Bilanzen, Compliance, Haftung

Fit für den Aufsichtsrat

Andrea König lebt als freie Journalistin in Hamburg. Arbeiten von ihr wurden unter anderem in der Süddeutschen Zeitung und im Focus veröffentlicht, seit 2008 schreibt sie auch für CIO.de. Die Schwerpunkte Ihrer Arbeit für die CIO-Redaktion sind Themen rund um Karriere, soziale Netzwerke, die Zukunft der Arbeit und Buchtipps für Manager.
Konzerne wie Telekom und RWE machen Managerinnen in Schulungen fit für Aufsichtsratsposten. Denn hier ist viel Spezialwissen gefragt.

Als T-Systems-Managerin Wenke Pfützner Ende 2014 gemeinsam mit 28 anderen Managerinnen aus dem Telekom-Konzern zusammentraf, hatten sie alle eines gemeinsam: Jede von ihnen war nominiert worden, an einem internen Schulungsprogramm für potenzielle Aufsichtsräte in in- und ausländischen Beteiligungsgesellschaften teilzunehmen. Und jede von ihnen hatte diese Nominierung angenommen und war nun zum Kick-Off-Termin in Berlin angereist. Pfützner beschreibt diesen Tag als "sehr inspirierend".

Börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen müssen für alle Aufsichtsratsposten, die ab 2016 zu besetzen sind, eine Quote von 30 Prozent einhalten.
Börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen müssen für alle Aufsichtsratsposten, die ab 2016 zu besetzen sind, eine Quote von 30 Prozent einhalten.
Foto: smagilov - shutterstock.com

Sie lernte die anderen Teilnehmerinnen kennen, von denen drei Viertel aus den internationalen Organisationen der Telekom stammen, und erhielt einen Einblick in die Aufsichtsratsschulung, die sie bis zum Sommer 2015 in drei Blöcken durchlaufen wird. Für die Schulung arbeitet der Konzern mit der European School of Management and Technology (ESMT) zusammen.

Etwa 250 Sitze in den internen Aufsichtsratsgremien vergibt der Telekom-Konzern regelmäßig neu. Aktuell ist jeder vierte Sitz an eine Frau vergeben. Der durchschnittliche Anteil von Frauen in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen in Deutschland liegt niedriger. Er betrug im Sommer vergangenen Jahres 18,9 Prozent, rechnet der Women-on-Board-Index der Initiative FidAR (Frauen in die Aufsichtsräte) vor.

Seit Ende vergangenen Jahres ist die Quote beschlossene Sache: Börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen müssen für alle Aufsichtsratsposten, die ab 2016 zu besetzen sind, eine Quote von 30 Prozent einhalten. Schaffen sie das nicht, bleiben die vorgesehenen Stühle leer. Gut 100 Unternehmen betrifft diese Regelung laut Bundesregierung. Weitere 3.500 Unternehmen müssen sich bis Mitte 2015 flexible Frauenquoten für Vorstand, Aufsichtsrat, oberes und mittleres Management selbst setzen.

Aufgaben eines Aufsichtsrates

T-Systems-Managerin Wenke Pfützner durchläuft bis Sommer 2015 ein internes Schulungsprogramm für potenzielle zukünftige Aufsichtsräte.
T-Systems-Managerin Wenke Pfützner durchläuft bis Sommer 2015 ein internes Schulungsprogramm für potenzielle zukünftige Aufsichtsräte.
Foto: T-Systems

Aufsichtsratsposten sind keine Vollzeitposten sondern Aufgaben in Kontrollgremien, die Manager zusätzlich übernehmen. Und diese Aufgaben unterscheiden sich inhaltlich häufig stark vom bisherigen Aufgabengebiet.

T-Systems-Managerin Wenke Pfützner ist studierte Elektrotechnikerin und arbeitet nach Stationen bei ATOS und IBM seit 14 Jahren bei T-Systems. Im Unternehmensbereich Systems Integration der T-Systems leitete sie zunächst einen Bereich für die Großprojektsteuerung und war in diesem Zusammenhang unter anderem für mehrere Monate in Südafrika, um ein in Schieflage geratenes kritisches Großprojekt zu sanieren.

Heute betreut sie als Head of Service Delivery Management (SDM) Major Accounts mit ihrem Team mehr als 200 vor allem mittelständische Kunden. Fachlich ist sie für mehr als 200 Mitarbeiter verantwortlich.

Für die Aufsichtsratsschulung der Telekom befasst Pfützner sich unter anderem mit den folgenden Themen: Freigabe der strategischen Planung und Ausrichtung strategischer Organisationsänderungen, Prüfung der Einhaltung von Compliance-Regeln, Prüfung des Unternehmensergebnisses, Zustimmung zu außerordentlichen Transaktionen, Reporting an Unternehmens-Stakeholder, Berufung der Geschäftsführung und Vorstände. Die lange Liste zeigt: Ein Aufsichtsratsmitglied muss deutlich mehr investieren als viermal pro Jahr an Sitzungen teilzunehmen.

"Die Anforderungen an Aufsichtsräte sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, zum Beispiel im Hinblick auf die deutlich höhere Komplexität und Geschwindigkeit von unternehmerischen Entscheidungen, den rechtlichen Änderungen und Vorgaben, den gesellschaftlichen, gesetzlichen und Compliance-Anforderungen", erläutert Pfützner. Sie verfolgt ein klares Ziel: "Natürlich ist es mein Ziel, eine Position in einem Aufsichtsrat zu übernehmen. Ich bin sicher, dass mich dieses Programm in eine optimale Startposition bringt."

Sie und die anderen Schulungsteilnehmerinnen treffen sich im März in Wien wieder, um dann mehr über das Thema Jahresabschlussbericht zu erfahren. Im nächsten Schritt möchte der Telekom-Konzern sein Programm dann auch auf Männer ausweiten.

Wenige Tage Weiterbildung reichen nicht aus

Monika Schulz-Strelow ist Präsidentin von FidAR. Der Verein hat gemeinsam mit RWE ein Schulungsprogramm für potenzielle zukünftige weibliche Aufsichtsräte entwickelt.
Monika Schulz-Strelow ist Präsidentin von FidAR. Der Verein hat gemeinsam mit RWE ein Schulungsprogramm für potenzielle zukünftige weibliche Aufsichtsräte entwickelt.
Foto: Inga Haar

Ein weiteres Schulungsprogramm für potenzielle zukünftige weibliche Aufsichtsräte gibt es zum Beispiel bei RWE. Der Verein FidAR - Frauen in die Aufsichtsräte hat es zusammen mit RWE entwickelt. Mit seinen insgesamt 900 Gesellschaften ist RWE weit verzweigt, die Schulung greift diese vielfältigen Themen auf: Rechte und Pflichten von Aufsichtsräten, energiepolitische Themen, Kommunalthemen, Strategie, Steuern und Bilanzen.

FidAR-Präsidentin Monika Schulz-Strelow begleitet das Programm intensiv: "Es ist entscheidend, dass einem vor der Übernahme eines Aufsichtsratspostens klar ist, welche fachlichen Kompetenzen notwendig sind. Man muss zum Beispiel Bilanzen lesen können, die unterschiedlichen Sprachregelungen des Unternehmens beherrschen und sich mit dem Thema Haftung beschäftigen."

Ihr Verein selbst hat für das RWE-Programm ein zweitägiges Modul entwickelt, in dem die Managerinnen unter anderem erfahren, wie sie sich persönlich auf eine Aufsichtsratsaufgabe vorberéiten können und in einem Medientraining für Konfliktsituationen üben, auf kritische Journalistenfragen zu reagieren.

Persönlichkeit und Social Skills auch gefragt

Doch Monika Schulz-Strelow stellt klar: "Die fachlichen Kompetenzen sind das eine, für ihre Vermittlung gibt es mittlerweile mehrere Angebote auf dem Markt. Wichtig sind aber natürlich auch die Persönlichkeit, die Erfahrungen und die sozialen Kompetenzen. Ich würde keinem und keiner raten, nach nur wenigen Tagen Weiterbildung der Meinung zu sein, dass diese Weiterbildung ausreicht, direkt einen Aufsichtsratsposten zu übernehmen."

Informationen über die Aufgaben eines Aufsichtsrates bündelt zum Beispiel die PwC-Publikation Die Unternehmensüberwachung.