Recruiting

Firmen locken Absolventen mit allen Tricks

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Hochschul-Marketing ist wieder en vogue. Viele Unternehmen buhlen um die Gunst der jungen Akademiker.

Seit 2007 geben die Firmen wieder mehr für Hochschul-Marketing aus. Momentan übertreffen sich viele gegenseitig", so die Beobachtung von Ansgar Kinkel. Er leitet das Personal-Marketing und Recruiting von Cirquent, vormals Softlab Group. Kinkels Team stellt pro Jahr rund 300 neue Mitarbeiter ein, darunter etwa 100 Hochschulabsolventen. Studierende während des Studiums zu begleiten und an das Unternehmen heranzuführen hält er für den idealen Weg. "Wenn jemand bei uns ein Praktikum absolviert, anschließend als Werkstudent arbeitet und seine Abschlussarbeit bei uns schreibt, dann sind die Chancen besonders gut, dass er bleibt", meint Kinkel. Damit der Kontakt zu denjenigen nicht abreißt, die auch in anderen Unternehmen Praxisluft schnuppern, will der Personalexperte eine eigene Community über Newsletter und einen (Online-)Stammtisch aufbauen.

Firmen suchen Nähe zu Hochschulen

Möglichst früh Studierende an sich zu binden gilt als besonders erfolgreich. "25 bis 30 Prozent der Absolventen haben vor Studienabschluss Vertragsangebote vorliegen", weiß Jens Plinke von Terra Personalmarketing, einer Tochtergesellschaft der Unternehmensberatung Kienbaum in Gummersbach. "Persönliche Kontakte und Kooperationen mit Lehrstühlen sowie gemeinsame Projekte sind erfolgreiche Methoden." Kein Wunder also, wenn viele Unternehmen enge Bande zu Hochschulen knüpfen.

Ansgar Kinkel, Cirquent: "Wir haben in Second Life ein Recruiting-Event organisiert und waren zufrieden."
Ansgar Kinkel, Cirquent: "Wir haben in Second Life ein Recruiting-Event organisiert und waren zufrieden."
Foto: Ansgar Kinkel

Audi in Ingolstadt kooperiert mit 20 Hochschulen in Deutschland. Intensiviert wird die Zusammenarbeit durch gemeinsam betriebene Forschungseinrichtungen wie die mit der Technischen Universität in München sowie der Universität Erlangen und den Universitäten in Karlsruhe und Stuttgart. "Das ermöglicht einen guten Austausch", so Yvonne Herbst, zuständig für das Hochschul-Marketing bei Audi, und fügt hinzu: "Der enge Kontakt und die guten Beziehungen zu Hochschulen und Studierenden sind uns extrem wichtig, deshalb investieren wir hier besonders." Auch die Ingolstädter Autobauer möchten potenzielle Bewerber so früh wie möglich an das Unternehmen binden. Gegenüber Beratungsfirmen hat Audi einen klaren Vorteil: Die Produkte ziehen in der Zielgruppe große Aufmerksamkeit auf sich. Daran knüpft das Marketing-Team an.

Den Kontakt zu den Hochschulen suchen auch kleinere und mittelständische Firmen. Das Beratungsunternehmen Syngenio beschäftigt deutschlandweit 100 Mitarbeiter. Zum Sommersemester möchte Personalvorstand Michael May sein Engagement an Fachhochschulen ausbauen. "Wir haben angeboten, dass unsere Berater als Lehrbeauftragte Kurse zu Themen wie Bewerbertrainings, Soft Skills oder Fachinhalten anbieten. Mit unserem Angebot haben wir dort offene Türen eingerannt", erzählt May. Dagegen sei das Interesse der Universitäten verhalten. "Dort mahlen die Mühlen langsamer."

Kleine Firma mit großer Idee

Das Beratungsunternehmen Syngenio AG begann vor einem Jahr zusammen mit einem Telekommunikationsanbieter eine besondere Ausbildungsinitiative. "Es war eine spontane Idee", erinnert sich Personalvorstand Michael May. Ein Kunde klagte, dass er aufgrund des enormen Kostendrucks durch Offshore-Verlagerungen keine neuen Positionen ausschreiben könne, aber dringend Personal benötige. Daraus entstand die Idee, Studenten anzusprechen, die in ein bis zwei Jahren ihr Examen ablegen. Parallel zum Studium wolle man ihnen ein Ausbildungsprogramm offerieren. Die Studierenden erhalten nach einem Auswahlverfahren einen festen Vertrag für ein bis zwei Jahre. Sie verpflichten sich, während der vorlesungsfreien Zeit und stunden- oder tageweise während des Semesters in Projekten des Unternehmens mitzuarbeiten. Als Vergütung erhalten sie für die komplette Vertragslaufzeit, je nach Vorkenntnissen, bis zu 1000 Euro pro Monat. Sie verpflichten sich, nach Studienabschluss den gleichen Zeitraum für Syngenio zu arbeiten, allerdings zu einem marktüblichen Gehalt. "Wer sich für einen anderen Arbeitgeber entscheidet, muss einen Teil der Förderung zurückzahlen", sagt May.

Momentan plant der Personalvorstand eine neue, zweijährige Ausbildung für Studienabgänger aus den Natur-, Wirtschaftswissenschaften und der Informatik. Sie sollen direkt in Projekten zu Business-Analysten in den Bereichen Telekommunikation und Finanzen mit dem Schwerpunkt IT geschult werden.

Damit Universitäten vom großen Firmeninteresse und von Kooperationswünschen nicht überflutet werden, gibt es an manchen Hochschulen eigene Büros, die sich als Bindeglied zwischen Studenten, Alumni, Fakultäten und Firmen verstehen. An der Technischen Universität München betreut Amelie Lemke den Bereich "Career Center". "Unsere Dienstleistung wird gut angenommen", so Lemke. Für ihre Referentendatenbank sucht sie immer wieder Industriepartner, die über interessante Projekte referieren können.