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Datenschutz, Social Media und AR

"Everything is going social"

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
In München hat der dreitägige Innovationskongress DLD (Digital, Life, Design) begonnen. Erstmals sind auch nachdenkliche Töne zum "Cult of Social" zu hören.

Eröffnet wurde DLD12 von den beiden Chairmen Hubert Burda und Yossi Vardi. Der israelische Investor und einst ICQ-Erfinder zeigte humorvoll auf, dass Netzwerk-Treffen im "wirklichen Leben" weiterhin unverzichtbar sind - zum Beispiel, weil man in sozialen Netzwerken wie Facebook einfach nicht wie die Eskimos die Nase an der des Nachbaren reiben kann. Burda zitierte Walter Benjamin mit der Aussage "Wenn sich die Medien verändern, dann verändert sich auch die Gesellschaft" und postulierte, dass Social Media ganz neue Möglichkeiten öffentlicher Meinungsbildung eröffnet. Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil sprach noch ein Grußwort mit allerlei Freistaats-Lobhuldelei, danach wurde es ernst.

EU-Kommissarin Viviane Reding will das Datenschutzrecht in Europa modernisieren und harmonisieren.
EU-Kommissarin Viviane Reding will das Datenschutzrecht in Europa modernisieren und harmonisieren.
Foto: Thomas Cloer (CC BY-NC-SA 2.0)

Die EU-Kommissarin Viviane Reding machte sich in ihrer Keynote für die von ihr geplante EU-weite zentrale Reform des Datenschutzrechts stark, die in den nächsten Tagen öffentlich vorgestellt werden soll. Im Grundsatz geht es dabei darum, eine EU-weit einheitliche Regelung und Regulierung durchzusetzen, um die Europäische Union mit ihren 500 Millionen Einwohnern zu einem "single digital market" zu machen. Dabei steht der Schutz persönlicher Daten im Vordergrund, der Umgang damit soll so transparent wie möglich werden - dafür bläst Reding bereits ordentlicher Gegenwind aus den eigenen Reihen und denen der "digitalen Wirtschaft" entgegen.

Reding forderte außerdem für das Internet ein "right to be forgotten", ein "Recht auf Vergessenwerden". Daten, die Menschen über sich nicht mehr im Netz haben wollten, sollten auch daraus gelöscht werden. Allerdings sei die Forderung nach so einem "digitalen Radiergummi" keine absolute, so die Kommissarin, sondern müsse natürlich mit anderen Rechten wie Meinungs- und Pressefreiheit in Einklang gebracht werden.

Falls Unternehmen die Daten von Nutzern auf welche Weise auch immer abhanden kämen, müssten die Betroffenen zukünftig umgehend - idealweise binnen 24 Stunden - darüber informiert werden, forderte Reding weiter. Eine entsprechende gesetzliche Publikationspflicht gibt es bislang beispielsweise in Deutschland nicht. Als vermutlich kleine Konzession an Verleger und Gastgeber Burda schloß Reding mit der Bermerkung, die Freiheit der Information und das Copyright dürften sich nicht feindlich gegenüberstehen, sondern müssten partnerschaftlich verbunden sein.

Twitter expandiert nach Deutschland

@jack bei DLD12
@jack bei DLD12
Foto: Hubert Burda Media (CC BY-NC-SA 2.0)

Später am Nachmittag stellte sich Twitter-Gründer Jack Dorsey den Fragen von Holger Schmidt, der als Experte für die Netzwirtschaft gerade von der "FAZ" zum "Focus" gewechselt ist. Dorsey erzählte dabei allerdings hauptsächlich das, was er im Moment allen erzählt: Man muss nicht unbedingt selbst Tweets schreiben um Twitter zu nutzen, Twitters Geschäftsmodell mit eingestreuter Werbung funktioniert, die USPs des Kurznachrichtendienstes sind seine universelle Distribtution und seine tollen Inhalte (als Beispiel musste dafür wieder einmal die Notwasserung eines Flugzeugs im Hudson River herhalten). Twitter trage damit dazu bei, die Welt ein bisschen besser zu machen, so Dorsey.

Auf die Frage Schmidts, was Twitter denn zu tun gedenke, damit Deutschland nicht länger ein "Twitter-Entwicklungsland" bleibe, ließ Jack Dorsey dann aber zumindest doch noch ein Kätzchen aus dem sprichtwörtlichen Sack: Twitter plane eine offizielle Niederlassung in Deutschland und sucht dafür gerade die geeigneten Mitarbeiter - wer wolle, dürfe sich gern an @jack wenden. Wie groß die deutsche Mannschaft sein wird, darauf wollte sich Dorsey indes nicht festnageln lassen.

Neben seinem Job als Chairman von Twitter ist Jack Dorsey seit ein paar Jahren ja auch mit seiner neuen Firma Square unterwegs, die einen Kreditkartenleser mit passender App als iPhone-Erweiterung anbietet und damit jedes Apple-Smartphone zum Kreditkartenterminal macht. Mit Square würde er gerne auch nach Europa und speziell Deutschland kommen, erklärte der CEO. Momentan steht aber offenbar erst einmal die Expansion nach Asien und dort vor allem China auf der Square-Agenda.

Datenschutz und Recht auf Anonymität

Viviane Reding und Dean Hachamovitch bei DLD12
Viviane Reding und Dean Hachamovitch bei DLD12
Foto: Hubert Burda Media (CC BY-NC-SA 2.0)

Zwischen Reding und Dorsey widmeten sich eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen dem Thema "Privacy". Dean Hachamovitch, der bei Microsoft die Entwicklung des Browsers Internet Explorer leitet, wollte sich eigentlich primär dem Problem des Trackings von Internet-Nutzern widmen. Er zeigte anfangs, dass populäre Destinationen wie sueddeutsche.de oder "Spiegel Online" beim Surfer 14 beziehungsweise 15 externe Tracking Cookies setzen. Zwischenzeitlich kam Hachamovitch dann aber vom Thema ab und demonstrierte sein brandneues Windows-8-Tablet mit "Cut the rope" als IE-Browsergame.

Schlussendlich versuchte der Microsoft-Mann dann, die hauseigene Technik "Tracking Protection" mit kuratierten Blacklists zu bewerben und gegenüber dem von der gesammelten Browser-Konkurrenz favorisierten Opt-out-Ansatz "Do Not Track" (DNT) als überlegen darzustellen. Im Grunde ist es nur ärgerlich, dass sich die Branche hier wieder einmal nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen kann - immerhin sind Tracking Protection wie DNT offen und somit besteht Hoffnung, dass eines Tages vielleicht beide Techniken in jedem Browser zu finden sind.

Autor Andrew Keen konstatierte anschließend zunächst: "Everything in Silicon Valley is going social". Das sieht der Experte aber alles andere als positiv - er findet die Tendenz bedenklich, sich wissentlich im Netz zu entblößen. Es gelte, so Keen, den "Cult of Social" zu bekämpfen, nicht zuletzt weil in den Sozialen Netzwerken, allen voran Facebook, der Kunde (und dessen Daten) das Produkt geworden sei. Als Warnung gab er dem Auditorium in Anspielung auf George Orwells "1984" den Satz "Wir als kleine Brüder sind der kollektive Große Bruder des 21. Jahrhunderts" mit auf den Weg.

Andrew Keen warnte, dass wir alle gemeinsam mit Facebook-Chronik und Co zum "Big Brother des 21. Jahrhunderts" werden.
Andrew Keen warnte, dass wir alle gemeinsam mit Facebook-Chronik und Co zum "Big Brother des 21. Jahrhunderts" werden.
Foto: Thomas Cloer (CC BY-NC-SA 2.0)

Aufgrund der Kürze relativ wenig erhellend verlief ein Panel mit XING-Chef Stefan Groß-Selbeck, dem Vorsitzenden der Piratenpartei Sebastian Nerz und dem Gründer des für seine "Meinungsfreiheit" berüchtigten Bulletin Boards 4Chan, Chris Poole, bei dem das Recht auf Anonymität im Netz im Vordergrund stand. Pirat Nerz forderte unter anderem, dass wenn man einen Webdienst zwangsläufig benutzen müsse, dies auch anonym möglich sein müsse. Groß-Selbeck hielt dem entgegen, dass in manchen Kontexten - wie beispielsweise XING - die verifierte Identität des Nutzers grundlegend und Anonymität dann eben sinnlos sei.

Inbesondere in Gesprächen mit Aufsichtsbehörden müsse er immer wieder feststellen, dass diese noch nicht begriffen hätten, dass "Daten das Öl des 21. Jahrhunderts" seien, beklagte der XING-Chef. Das müsse man aber keinesfalls immer negativ betrachten, sondern als wirtschaftliche Chance und Möglichkeit sehen, die Welt ein Stück besser zu machen.

Nerz erklärte, ein sicherer Umgang mit Kundendaten sollte eigentlich im ureigensten Interesse von Unternehmen sein, deren Geschäftsgrundlage letztlich das Vertrauen der Nutzer sei. Im Falle von gravierenden Verstößen allerdings müsse andernfalls der Staat regulatorisch eingreifen.

EEG für jedermann und Augmented Reality

Verschiedene Firmen zeigten in Kurzvorträgen des Nachmittags außerdem neue Hightech-Gadgets und -Anwendungen. Jawbone zum Beispiel sein Sensorarmband "Up Band", mit dem der Nutzer verschiedene Vitaldaten sammeln, an eine iPhone-App übertragen und nach ihrer Analyse sein Leben hoffentlich gesünder gestalten kann. Tan Le von Emotiv präsentierte ein vergleichsweise günstiges "Headset", mit dem sich Hirnströme erfassen und drahtlos in die Cloud übertragen lassen. Die so gesammelten Daten sollen bei der Erforschung und Behandlung von Krankheiten wie Epilepsie, Alzheimer oder Parkinson helfen.

Matt Mills von Hewlett-Packard zeigte die Augmented-Reality-Lösung "Aurasma" - zu der kam HP wie die Jungfrau zun Kinde, nämlich durch die Übernahme von Autonomy. Die iPhone-App verschmilzt das Kamerabild mit zusätzlichen Informationen aus dem Netz und ermöglicht vielfältige neuartige Anwendungen. Im Vergleich zu anderen AR-Applikationen zeichnet sich Aurasma offenbar dadurch aus, dass zum einen Endnutzer sehr leicht eigene Applikationen ("Auras") erstellen und zum anderen Entwickler Aurasma sehr leicht (und kostenlos) in ihre Programme integrieren können.

"Unabsichtliche Blindheit"

Linda Stone ist mittlerweile eine feste Instanz bei DLD.
Linda Stone ist mittlerweile eine feste Instanz bei DLD.
Foto: Thomas Cloer (CC BY-NC-SA 2.0)

Zu den Highlights des ersten DLD-Tages gehörte zweifellos der abendliche Vortrag der Technikphilosophin Linda Stone, die unter anderem lange Jahre in den Forschungabteilungen von Apple und Microsoft gearbeitet hat. Stone zeigte anhand verschiedener Experimente und Daten auf, dass unsere Beziehung zu Technik in einer 24/7, mobilen und Immer-online-Welt die Gefahr birgt, uns übermäßig auf unsere Bildschirme zu fokussieren und für die restliche Welt um uns herum blind zu werden.

Der spannende Vortrag von Linda Stone wird wie alle anderen auch später auf der DLD-Webseite als On-demand-Video abrufbar sein. Morgen früh um 8:30 geht DLD12 weiter - und wer nicht in München dabei sein kann, der kann die Veranstaltung zumindest im Live-Stream mitverfolgen.