Untypisch "Unicorn"

Evernote tritt auf die Wachstumsbremse

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Evernote wurde vor drei Jahren ein "Einhorn", ein Hightech-Startup mit mehr als einer Milliarde Dollar Bewertung.

Jetzt macht Evernote den für den "Billion-Dollar Club" ungewöhnlichen Schritt, einen Gang zurückzuschalten. Gestern wurden 47 Mitarbeiter oder 13 Prozent der Belegschaft entlassen; außerdem wurden die verbleibenden Mitarbeiter informiert, dass die Evernote-Büros in Taiwan, Singapur und Moskau geschlossen werden.

Evernote hatte kürzlich bereits seine Geschäftsstrategie bescheidener formuliert; Mitgründer und CEO Phil Libin trat zurück und wurde durch den früheren Google-Manager Chris O'Neill ersetzt. "Eine kleinere und fokussiertere Truppe heute stellt uns auf für Wachstums und Expansion morgen", schreibt der neue Evernote-Chef in einem Blogpost. Evernote werde sich auf grundlegende Verbesserungen seiner Kernfunktionen (rück-)besinnen und bei Initiativen den Stecker ziehen, welche die Mission der Firma nicht unterstützten.

Neuer und alter Evernote-CEO: Chris O'Neill und Phil Libin
Neuer und alter Evernote-CEO: Chris O'Neill und Phil Libin
Foto: Joshua Kidwell, Evernote

Aus Sicht des "Wall Street Journal" könnten die Entlassungen bei Evernote als Warnung für die aktuell mehr als 120 nicht börsennotierten Firmen sein, die mit über einer Milliarde Dollar bewertet sind (auch wenn derzeit im Schnitt zwei neue "Unicorns" pro Woche hinzukommen).

Das "WSJ" verweist hierbei auch auf das E-Commerce-Startup Fab.com, das 2013 mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet und früher in diesem Jahr für einen kleinen Bruchteil dieser Summe verkauft wurde, nachdem die Company zu schnell ins Ausland expandiert hatte und damit ihre Barmittel durchbrachte - dagegen halfen auch mehrere Entlassungsrunden nicht.

Features wie Evernote Work Chat soll vor allem (zahlende) Nutzer in Firmen ansprechen.
Features wie Evernote Work Chat soll vor allem (zahlende) Nutzer in Firmen ansprechen.
Foto: Evernote

Evernote jedenfalls versucht, mehr zahlende Firmenkunden zu gewinnen. Abonnenten berappen bei Evernote bis zu 50 Dollar per annum für mehr Cloud-Speicherplatz und Zusatzfunktionen wie Scannen von Visitenkarten und Software für Präsentationen. Laut O'Neill wurden in den letzten zwölf Monaten 40 Prozent mehr Subscriber gewonnen.

Eine Consumer-App, "Evernote Food" zum Sammeln von Rezepten, hat Evernote jetzt eingestellt. Auf seiner Webseite bietet die Firma aber immer noch ein breites Produktspektrum von einem Web-Clipping-Dienst über Scanner bis hin zu speziellen Moleskine-Notizbüchern an.

In der Vergangenheit hatte Evernote über 300 Millionen Dollar Wagniskapital von Investoren wie DoCoMo Capital, Meritech Capital Partners, Sequioa Capital und R. Rowe Price eingesammelt. Mitgründer Libin, der Evernote die meiste Zeit über geleitet hatte, ist diesen Monat zur VC-Firma General Catalyst Partners gestoßen. Er bleibt aber Executiv Chairman von Evernote.