Nach Kartellbeschwerden

EU-Kommission schaut sich Google näher an

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Nach einer Beschwerde dreier Firmen, darunter die deutsche Microsoft-Tochter Ciao!, leitet die EU-Kommission eine vorläufige Kartelluntersuchung gegen den US-Internetriesen Google ein.
Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel
Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel
Foto: GFDL/Asterion

Die drei Beschwerdeführer bieten ähnliche Dienste an wie Google selbst und unterstellen, sie würden in den Suchergebnissen bei Google absichtlich schlecht gerankt, weil sie Konkurrenten sind. Google besteht naturgemäß darauf, dass es lediglich anbietet, was seine Nutzer wollen - nützliche Resultate nämlich.

Im Einzelnen handelt es sich um die britische Preisvergleichs-Seite Foundem, die französische juristische Suchmaschine ejustice sowie die inzwischen in Bing integrierte Verbraucher-Bewertungsseite Ciao!. Google schreibt in seinem European Public Policy Blog, dass sowohl Foundem als auch ejustice ins Feld führen, Google benachteilige sie in seinen Suchergebnissen, und zwar bewusst auf Ebene seiner Algorithmen.

Das Problem dürfte nach Einschätzung des Branchendienstes "Ars Technica" zumindest in Teilen darin liegen, dass sowohl Foundem als auch ejustice jede Menge Inhalte von Dritten aggregieren und demzufolge besonders viele Outbound Links auf ihren Seiten führen. Das sieht für Googles Methoden in jedem Fall schon einmal Spam-verdächtig aus; ganz sicher stellt es auch nicht die originären Inhalte dar, die laut Google besonders wichtig für die Einordnung seiner Suchergebnisse sind. Zumindest Foundem hatte auch im Dezember bereits in seinem Firmen-Blog geschrieben, dass seine "Such-Penalty" offenbar unerwartet aufgehoben wurde und sein Google-Traffic "über Nacht" um 10.000 Prozent gestiegen sei.

Bei Ciao!/Bing ist die Problematik eine andere - hier geht es um die Geschäftsbedingungen für Googles Vermarktungsprogramm "AdSense". Nach Angaben von Googles Senior Competition Counsel Julia Holtz hatten beide Firmen bis zur Übernahme von Ciao! durch Microsoft im Jahr 2008 eine erquickliche Geschäftsbeziehung. Seither war Ciao! mit den AdSense-Konditionen aber nicht mehr glücklich. Microsoft brachte die Angelegenheit zunächst vor das Bundeskartellamt, sie wurde nun nach Brüssel weitergegeben und mit den beiden anderen Fällen kombiniert.

Laut Informanten des "Wall Street Journal" steckt die Untersuchung der EU-Kommission noch in einem sehr frühen Stadium. Einem Bericht des "Telegraph" zufolge hat die Kommission Google verschiedene Fragen zu seiner Suchtechnik und seinen Richtlinien für Werbung zugestellt. In den vergangenen Jahren hatte sich Brüssel bereits mehrfach mit Google beschäftigt: 2008 wurde eine Untersuchung zur nie umgesetzten Suchpartnerschaft zwischen Google und Yahoo! eingeleitet, und 2009 gab es eine öffentliche Anhörung zum geplanten Google Book Settlement.

Google räumt in seinem Blogpost ein, dass seine Suche nicht perfekt sei, seine Algorithmen aber "versuchen, das zuoberst auszugeben, was die Nutzer am ehesten für nutzbringend erachten". Google besteht naturgemäß darauf, dass es den Wettbewerb nicht behindern wolle; die Kommission könnte aber natürlich zu anderen Ergebnissen kommen, nachdem sie die Antworten von Google auf ihre Fragen studiert hat.

Und auch wenn Fort- und Ausgang der Untersuchung noch vollkommen unklar sind: Kleine Firmen aus Europa können großen Konzernen aus den USA durchaus eine Menge Ärger bereiten - jüngster Beweis ist die Browser-Auswahl, die Microsoft künftig Windows-Nutzern in Europa präsentieren muss, nachdem die kleine norwegische Firma Opera sich bei der Kommission über die Benachteiligung ihres Browsers gegenüber der Windows-Dreingabe Internet Explorer beschwert hatte.