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Dawanda-Vorbild

Etsy und der Börsengang - im Spagat zwischen Kommerz und Kreativität

16.04.2015
"Do it Yourself" trifft auf die Wall Street: Der Online-Marktplatz Etsy, eine Art Indie-Ebay für Kunst und Handwerk, geht an die Börse. Die Bastelgemeinschaft und die Macht des Geldes - passt das?

Auf die Hipster folgt häufig der Ausverkauf. Das New Yorker Trendviertel Dumbo ist ein gutes Beispiel für das Phänomen - erst zog das Industrieflair am East River unter der Brooklyn- und der Manhattan-Bridge die Kreativen an, inzwischen folgen Geld, teure Neubauten und Schnösel. Dass Etsy hier seinen Hauptsitz hat, passt irgendwie ins Bild. Der Online-Marktplatz für Selbstgemachtes aller Art steuert auf ähnliche Konflikte wie der Stadtteil Dumbo zu. Die Firma zieht es an die Börse - dort treffen Kunst und Handwerk auf Kommerz und Kapitalmarkt.

Etsy-Büro im gentrifizierten New Yorker Dumbo-Viertel
Etsy-Büro im gentrifizierten New Yorker Dumbo-Viertel
Foto: Etsy

Etsy's Motto lautet: "Kauf gute Sachen von echten Leuten." Doch das Geschäft mit der Individualität ist nicht erst seit den Plänen für das Börsendebut auf dem Weg in den Massenmarkt. Diskussionen, wie weit sich die Firma bereits von ihren Idealen entfernt hat, führen die Nutzer schon länger. Berichte über ausgelagerte Massenfertigung und systematische kommerzielle Nutzung der Plattform durch Großhändler erhitzen die Gemüter.

Mit dem Sprung aufs Börsenparkett wird das Spannungsfeld noch deutlicher. Passt der gemeinnützige Zweckverband der Häkel-, Strick- und Bastelhobbyisten ins Haifischbecken Wall Street? Ähnlich wie der kleinere deutsche Wettbewerber Dawanda bietet Etsy Herstellern an, eigene Online-Läden aufzumachen und gestrickte, bedruckte, genähte oder anderweitig weitgehend selbstproduzierte Gegenstände verkaufen. Dafür kassiert das Unternehmen Provision. Von E-Commerce-Riesen wie Amazon oder Ebay distanziert es sich aber entschieden.

Chad Dickerson, CEO von Etsy
Chad Dickerson, CEO von Etsy
Foto: Etsy

Etsy wird unter dem Ticker-Kürzel "ETSY" als sogenannte B Corporation an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelistet. "B-Corps" sind in den USA zertifizierte Nonprofit-Firmen, die sich auf die Fahne schreiben, hohen sozialen, ökologischen und Transparenz-Standards zu folgen. Normalerweise handelt es sich um kleinere Firmen als Etsy, die sich nicht dem Wohl von Aktionären verpflichten. Etsy wird zum Börsenstart immerhin 1,8 Milliarden Dollar wert sein.

Etsy weiß um den Spagat zwischen "Shareholder Value", der Verpflichtung den Unternehmenswert im Sinne von Anteilseignern zu steigern, und seinem Kernkapital - den vielen kleinen Händlern, die ihre Artikel auf dem Portal verkaufen. "Unser Ruf würde in Gefahr geraten, wenn wir unseren Status als zertifizierte B Corporation verlieren würden", heißt es im Wertpapierprospekt für den Börsengang.

Etsy-Feed auf einem Notebook
Etsy-Feed auf einem Notebook
Foto: Etsy

Aus den beim Börsengang erlösten 167 Millionen Dollar gehen 300.000 Dollar an Etsy.org gehen, einen Fonds, der Frauen und Minderheiten den Aufbau eines eigenen Geschäfts beraten soll. Von den 1,4 Millionen Etsy-Händlern machen Frauen 86 Prozent aus.

Ob Investoren die Grundausrichtung gefällt, muss sich zeigen. Angestellten Fahrräder für den Weg zur Arbeit anzubieten oder Essensreste zu kompostieren - daran dürfte sich wohl kaum ein Aktionär stören. Aber Wachstum und Gewinn sind an der Börse in aller Regel gern gesehen und werden mitunter auch mit aggressiven Methoden eingefordert. Unter Etsy-Verkäufern geht deshalb die Angst um, das unter dem Druck der Aktionäre die Gebühren erhöht werden könnten.

Ende 2014 hatte die Plattform knapp 20 Millionen aktive Käufer. Die Firma steigerte ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 56 Prozent auf fast 196 Millionen Dollar. Das Wachstum ist beeindruckend - doch Geld verdient Etsy nicht. Der Verlust weitete sich von 800.000 Dollar auf 15,2 Millionen Dollar aus. "Wir haben eine Geschichte mit Verlusten und werden möglicherweise auch in Zukunft nie Profitabilität erreichen können", warnt Etsy im Börsenprospekt. (dpa/tc)