"Es gibt auch Freizeit unter der Woche"

06.05.2009
Von Gabi Visintin 
Berater sind ständig unterwegs, die Arbeitsbelastung ist stark. Groß ist die Versuchung, die freie Zeit ganz dem Job zu opfern.

Viele Arbeitgeber verlieren in Krisenzeiten softe Themen wie Work-Life-Balance aus den Augen. Sie übersehen, dass ausgeglichene Beschäftigte mehr zum Unternehmensergebnis beitragen als Workaholics oder gestresste IT-Berater. Das Negativbeispiel liefert dafür den besten Beweis: "Bis sich ein Mitarbeiter von einem Burnout oder Herzinfarkt erholt hat, können Monate vergehen", sagt Sandra Eggelhöfer, Inhaberin der Beratung Talent Management Service. Laut Kienbaum-Studie ist in jeder zweiten Firma das Gleichgewicht zwischen Beruf- und Privatleben kein Thema.

Jobs haben keine Grenzen mehr

Dank Handy und der Möglichkeit, zu jeder Zeit und von jedem Ort aus zu arbeiten, verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Freizeit immer mehr. Die ständige Verfügbarkeit wird für viele zur Verpflichtung, der sie sich nicht mehr zu entziehen trauen. Klaus Blaschek, Geschäftsführer der IT-Beratung b.telligent aus Garching, sieht hier die Führungskräfte in der Pflicht. Diese müssten Antennen dafür entwickeln, ob ein Mitarbeiter zeitlich überfordert wird.

Oft müssen auch die Mitarbeiter erst für Work-Life-Balance sensibilisiert werden. Auf die Aufforderung, sich für eine Work-Life-Balance-Schulung anzumelden, erhielt Elmar Borgmeier, Manager bei der IT-Beratung Syngenio, einmal die Antwort: "Dafür habe ich keine Zeit." Silvia Löcher von IDS Scheer weiß, dass Selbstbeschränkung eine große Herausforderung, aber auch eine Frage der Einstellung und Planung ist.

Mona Mayer, die bei Accenture arbeitet, betont: "Es gibt auch Freizeit unter der Woche!" Die IT-Beraterin quartiert sich darum bewusst nicht im Hotel ein, sondern wohnt in einer Projektwohnung, um von dort zu ihrem Kunden zu gelangen. In jeder Stadt, in die sie ein Kundenprojekt betreut, sucht sie sich einen Schlagzeuglehrer und nimmt einmal in der Woche Unterricht. Eine solche aktive Freizeitgestaltung helfe, die "Nachlässigkeit des Individuums" zu überwinden, das gerne seine freie Zeit dem Job opfert, sobald es nicht anderweitig verplant ist. Freizeittermine wie Jobtermine planen, heißt denn auch Eggelhöfers Tipp, der auch für die Urlaubsplanung gilt. Syngenio-Manager Borgmeier sieht es als größte Gefahr an, ständig das Handy anzulassen. Deshalb plant er seine Urlaube am liebsten an Orten, an denen er nicht erreichbar ist – zum Beispiel mitten in Afrika. (am)

Beraterin und Mutter

Sechs Wochen nach der Babypause und der Rückkehr an den alten Arbeitsplatz musste die IT-Beraterin Silvia Löcher von IDS Scheer improvisieren: An dem Morgen, als sie zum Kunden fahren wollte, um den Blueprint für die Buchhaltungslösung zu diskutieren, lenkte sie ihren Wagen in eine andere Richtung. Ihr knapp zehn Monate alte Baby hatte sich einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und musste ins Krankenhaus.

"Von der Klinik aus habe ich dann schweren Herzens alle Teilnehmer angerufen und den Termin abgesagt", erzählt sie. Mit so einer Situation hatte die junge Mutter und Beraterin nicht gerechnet. Als Löcher erst zwei Wochen später wieder ins Team zurückkehren konnte, war sie "schon ein wenig verunsichert". Doch die Reaktion beim Auftraggeber wischte ihre Sorgen beiseite: "Alle fragten, wie es dem Nachwuchs geht", erinnert sich Löcher, und ihr ist die Erleichterung immer noch anzumerken, als sie sagt: "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen."

Die IDS Scheer AG setzte bereits vor zehn Jahren ein Programm für junge Mütter und Väter auf, das den Mitarbeitern ermöglicht, auch in der Phase der Familiengründung weiterzuarbeiten. Dazu gehört es, Teilzeitberater für Kundenprojekte im Duo einzuplanen. So übernahm Löchers Kollege ihre Aufgabe beim Kunden, solange sie ihr Kind pflegte. Mittlerweile hat sie zwei Kinder von zwei und vier Jahren und arbeitet 50 Prozent, seit Anfang 2009 auch wieder bei Kunden. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes fing sie mit weniger Stunden an und kümmerte sich um Angebote, Pre-Sales-Aktivitäten und Recruiting.

"Ich habe keine Feigenblattfunktion", betont Löcher, die sich darüber freut, dass junge Frauen mit dem Thema "Kinder und Arbeit" offensiver als früher umgehen.