"Es geht um mehr als den Browser-Markt"

30.08.1996

Schenkt man den Vorwürfen von Netscape Glauben (siehe Seite 1), schreckt Microsoft nicht vor wettbewerbswidrigen Praktiken zurück, um im Internet-Markt eine dominante Position zu erreichen. Der Softwareriese, so die Beschwerde des unter Druck geratenen Highflyers beim Department of Justice (DOJ), locke Internet- Provider und Hardwarehersteller mit Geld und anderen Vorteilen, damit sie ihren Kunden anstelle von Netscapes "Navigator" den "MS- Explorer" anbieten.

Mit der Aufforderung an das Justizministerium, das Verhalten der Gates-Company zu untersuchen, reiht sich Netscape in eine lange Liste von Beschwerdeführern ein, die seit 1990 immer wieder versuchten, Microsofts monopolistischem Gebaren Einhalt zu gebieten. Bis dato haben allerdings weder das DOJ noch die Federal Trade Commission große Erfolge erzielt. Selbst seit dem 1994 geschlossenen Consent Decree muß Bill Gates nur wenige Auflagen beachten, die den oft unfairen Umgang mit der Konkurrenz kaum verhindern.

Manche finden das nicht schlimm. Die Großen fressen die Kleinen oder lassen sie am ausgestreckten Arm verhungern. Das war schon immer so, warum also die Aufregung? Zumal Netscape auch seinerseits wettbewerbsrechtlich bedenkliche Aktionen gegen Microsofts Explorer angezettelt hat. Der Ruf nach dem Schiedsrichter beweise doch nur, daß der Clique um Netscape-Chef Marc Andreessen die innovativen Ideen ausgegangen seien, kommentiert ein englischer Wirtschaftsanalyst.

Aufregung ist aber deshalb angebracht, weil es um mehr geht als um die Vorherrschaft bei Web-Browsern. Es geht um die Macht im Internet. Der Explorer ist lediglich der für alle sichtbare Teil. Web-Server, das Betriebssystem NT, der OLE-Nachfolger Active X und sämtliche Applikationen, die Web-tauglich gemacht werden sollen, gehören zu dem Schlachtplan, mit dem Microsoft die Konkurrenz aus dem Feld schlagen will. Ähnlich ist Gates im PC-Markt vorgegangen. Heute kommt hier niemand mehr an Microsoft-Produkten vorbei. In einigen Jahren könnte das - mit NT - auch auf den Server-Markt zutreffen. Wie gesagt, es geht nicht um die Browser. Es geht darum, in Zukunft noch eine Wahl zwischen Produkten verschiedener Hersteller zu haben.