ERP: SAP ist mit TomorrowNow gescheitert

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Der Rechtsstreit mit Oracle zwingt die Walldorfer zum Strategiewechsel. Zudem ist SAP offensichtlich mit dem Versuch gescheitert, über Drittwartung dem ERP-Konkurrenten Kunden abspenstig zu machen.

Vorbei die Hoffnungen, über alternative Wartungsangebote von Geschäftsapplikationen des Konkurrenten Oracle neue Kunden an Land zu ziehen. Das SAP-Management erwägt neben anderen Optionen den Verkauf der in Ungnade gefallenen Tochter TomorrowNow. Teile des Führungsstabs, darunter Firmenchef Andrew Nelson, haben ihren Hut genommen. Mark White, der im Sommer als Executive Chairman installiert wurde, soll die Geschäfte bis auf weiteres fortführen. Oracle hatte SAP des Datendiebstahls beschuldigt und verklagt. Nachdem sich SAP anfangs noch kämpferisch gegeben hatte, musste die Konzernleitung wenig später kleinlaut ein Fehlverhalten der Firmentochter einräumen.

Die Geschäftsprozesse von TomorrowNow werden als Folge der Oracle-Klage seit Juli überprüft. Im Zuge dieser noch andauernden Untersuchungen wurden "nicht angemessene Downloads" von Oracle-Servern festgestellt. Zudem wird Material eingesammelt, das den US-amerikanischen Justiz zur Verfügung gestellt werden muss.

TomorrowNow bietet alternative Wartung für Softwareprodukte von den zu Oracle gehörenden Softwarehäusern Peoplesoft, J.D. Edwards und Siebel an. Neben der Drittwartung bietet SAP den Oracle-Kunden im Rahmen des Angebotes "Safe Passage" den Umstieg auf SAP-Lösungen an. Um Support zu leisten, benötigen die TomorrowNow-Mitarbeiter Daten und Software von Oracle. Sie dürfen zwar im Kundenauftrag auf Oracle-Server zugreifen, haben dabei jedoch in der Vergangenheit offenbar mehr mitgenommen als erlaubt war. Daraufhin reichten Oracle-Manager im Frühjahr diese Jahres Klage gegen SAP in den USA ein. Wie der Rechtsstreit ausgeht ist ungewiss. In etwa einem Jahr soll es in den USA einen ersten Versuch einer außergerichtlichen Einigung geben.

SAP zufolge haben die Überlegungen zum Verkauf des Tochterunternehmens indes keinen Einfluss auf den Prozess. Der Konzern müsse für Schäden auch dann geradestehen, wenn TomorrowNow nicht mehr zur Firma gehöre.

Unterdessen stellt TomorrowNow seine Geschäftspraktiken um. Einem SAP-Firmensprecher zufolge werde im Zuge dieser Maßnahme die Softwarewartung für Oracle-Anwender bis Ende November komplett auf die IT-Infrastruktur der Kunden überführt. Bisher wurden die Daten der Oracle-Kunden mit Drittwartungsvertrag auf Servern der SAP-Tochter gepflegt, dies findet nunmehr ausschließlich auf kundeneigenen Systemen statt. Dem SAP-Sprecher zufolge zielt auch diese Maßnahme in die Richtung, potenziell strafbare Handlungen zu verhindern, etwa einmal von Oracle-Systemen heruntergeladene Daten mehrfach für TomorrowNow-Kunden zu verwenden.

Unabhängig von dem Rechtsstreit haben sich die Erwartungen der SAP offensichtlich nicht erfüllt. "Das Geschäft mit Softwarewartung von Drittprodukten ist nicht das Kerngeschäft von SAP", meint der Firmenvertreter. Die Oracle-Kunden, die sich für alternative Wartung interessieren, aber keinen Umstieg auf SAP-Produkte anstreben, sind für die Walldorfer wenig interessant. Teure Experten für alte Software vorzuhalten, dürfte wenig einbringen, denn die besagten Oracle-Anwender wollen kostengünstige Drittwartung. Eine von mehreren Optionen ist für SAP daher der Verkauf des vor zweieinhalb Jahren erworbenen Unternehmens. In welchem Zeitraum eine mögliche Trennung erfolgen könne, stehe noch nicht fest. Neben Drittwartung für Oracle-Anwender bietet SAP ähnliche Leistungen auch für Nutzer von Baan-Software an. Zudem gibt es auch hier Safe-Passage-Offerten, um dem Wettbewerber Infor Kunden abzujagen. (fn)