ERP: Der Mittelstand steht unter Modernisierungsdruck

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Mittelständler möchten individuell angepasste, aber moderne und Release-fähige ERP-Anwendungen – die Quadratur des Kreises.

Viele Firmen mit 1000 oder weniger Mitarbeitern haben die Nase voll von ihrer laufenden ERP-Software. Veraltete und unflexible Systeme, die Anpassungen und Erweiterungen schwierig machen, sind noch zuhauf im Einsatz. Sie führen zu großen Problemen, etwa wenn Teile der Geschäftstätigkeit ins Internet wandern oder Geschäftsprozesse auf ausländische Standorte angepasst werden sollen. Hierzu kommt die fehlende Branchenausprägung vieler Lösungen, die beim Anwender zu individuellen Anpassungen führt – auf Kosten der Release-Fähigkeit. Außerdem sind die Systeme meistens nicht flexibel genug, um veränderte Anforderungen zu erfüllen: Eine Software für die Fertigungssteuerung beispielsweise eignet sich oft nicht für Kundendienstprozesse und das Ersatzteil-Management. Eine weitere Sorge der Anwender: Kundenspezifisch programmierte Lösungen verteuern Wartung und Upgrades.

Altsysteme unterstützen XML und Web-Services nicht

Alte Softwareprodukte lassen sich zudem oft nicht mit modernen Anwendungen im Unternehmen integrieren. Sie stellen nur proprietäre Programmierschnittstellen zur Verfügung und unterstützen meist keine Industriestandards wie XML und Web-Services. Klassische ERP-Lösungen wurden lediglich dazu geschaffen, um die internen Prozesse eines Unternehmens zu steuern. Viele Betriebe müssen jedoch mit anderen Daten austauschen, seien es nun Kunden, Partner oder Lieferanten. Ihre Software ist dafür nicht ausgelegt.

Veraltete Oberflächen und komplexe Reporting-Tools

Genauso wenig eignen sich alte Geschäftsapplikationen dazu, rasch und unkompliziert Berichte zu erstellen, da vielfach nur Spezialisten die dafür vorgesehenen Werkzeuge bedienen können. Gleiches gilt für das Abrufen von vergleichsweise simplen Informationen, etwa dem Status eines Auftrags. Die Endanwender geben sich damit ebenso wenig zufrieden wie mit veralteten Oberflächen. Vor allem trifft dies auf jüngere Nutzer zu, die Internet-Dienste und Windows-Software gewohnt sind.

Mundpropaganda beeinflusst ERP-Auswahl

Umfragen von Forrester Research haben ergeben, dass mittelständische Firmen weltweit in diesem Jahr zehn Prozent mehr für neue Software ausgeben wollen als 2006. Bei ihren Investitionen lassen sie sich indes nicht nur von den Herstellerversprechen und Hypes der Branche leiten. Großen Einfluss auf die Systemauswahl hätten Erfahrungsberichte anderer Unternehmen, veröffentlichte Fallstudien und Mundpropaganda.

ERP zur Miete ist wenig gefragt

Auch wenn die Softwarebranche derzeit das Thema Software-as-a-Service hochkocht, taucht dieses Nutzungskonzept für Business-Software auf den Wunschzetteln der Anwender selten auf. Laut Forrester interessieren sich nur wenige Firmen für das On-Demand-Konzept, wobei die Analysten hier sowohl US-amerikanische als auch europäische Betriebe interviewt hatten. Ihre Ablehnung begründen Unternehmen mit Integrationsproblemen, Sicherheitsbedenken, Kosten, Zweifeln an der Leistungsfähigkeit und mangelnder Anpassbarkeit. Bisherige SaaS-Angebote zielen oft auf spezielle Geschäftsprozesse ab, etwa das Kunden-Management (CRM), den elektronischen Einkauf und das Personalwesen. Im September will SAP sein ERP-Produkt zur Miete präsentieren ("A1S") und nächstes Jahr Kunden zur Verfügung stellen. Andere Unternehmen wie Netsuite vermieten bereits eine ERP-Suite. Hierzulande zählt beispielsweise Myfactory.com zu den Firmen, die Miet-ERP-Software feilbieten.

Runderneuerte Benutzeroberflächen

Unterdessen putzen die Hersteller ihre Programme für die nach neuen ERP-Produkten Ausschau haltenden mittelständischen Unternehmen heraus. Dazu zählen neue Oberflächen, die nicht nur hübscher aussehen, sondern dem Nutzer ein aufgabengerechtes Navigieren gestatten sollen. Ferner arbeiten die Lieferanten an neuen Reporting-Funktionen, die es auch Laien ermöglichen sollen, Berichte aus ERP-Daten zu erzeugen. Microsoft stattet die nächsten Releases seiner Business-Software mit dem "Dynamics Client" aus. Anwender sollen ERP-Programme leichter bedienen können, da sie die für ihre Aufgaben relevanten Funktionen schnell finden, statt sich lange durch Menümasken quälen zu müssen. Auch SAP schreitet mit dem "Netweaver Business Client" in Richtung rollenbasierender Benutzerschnittstellen. Konkurrent Lawson, mittlerweile Eigentümer des ERP-Herstellers Intentia, entwickelt für diese Zwecke den "Smart Client".

Middleware im Eigenbau oder vom Partner

Eine weitere Baustelle der ERP-Anbieter ist die Middleware. Um die Integration mit anderen Produkten zu erleichtern und dem Anwender zu gestatten, ERP-Software einfach und vor allem weitgehend ohne Programmierung einzurichten beziehungsweise an neue Anforderungen anzupassen, entwickeln die Softwarefirmen eigene Infrastrukturplattformen. Beispiele sind SAP mit Netweaver, Oracle mit "Fusion Middleware" und Microsoft mit .NET. Doch nur die großen Player sind willens und in der Lage, sich eigene Middleware zu leisten. Das Gros der Anbieter passt seine Produkte an diese führenden Softwareplattformen an. Forrester führt hier beispielsweise Lawson an: Die beiden ERP-Linien des Anbieters verwenden "Websphere" von IBM als Middleware. Ein Teil der zahlreichen ERP-Produkte von Infor stützt sich ebenfalls auf Websphere, andere Softwarelösungen hingegen auf Microsoft .NET.

Forrester Research hat untersucht, welche Middleware unterschiedliche ERP-Anbieter nutzen. Da die Studie sowohl die USA als auch Europa betrachtet, tauchen Anbieter auf, die hierzulande kaum bekannt sind.
Forrester Research hat untersucht, welche Middleware unterschiedliche ERP-Anbieter nutzen. Da die Studie sowohl die USA als auch Europa betrachtet, tauchen Anbieter auf, die hierzulande kaum bekannt sind.
Foto: Forrester Research

Die schwedische ERP-Firma IFS hingegen hat sich für die Oracle-Plattform entschieden. Daneben nennen die Analysten eine Reihe von Softwarehäusern, die ihre Lösungen in Richtung .NET entwickeln oder dies bereits getan haben, beispielsweise Sage, QAD, Exact Software und Agresso. Diese Plattformsysteme bilden die Grundlage für Service-orientierte Architekturen, wobei der Mittelstand hier noch keinen Bedarf hat.

Nach Ansicht der Hersteller wollen Firmen ERP-Lösungen aber nicht nur mit anderen Geschäftsapplikationen und Datenbanken verbinden, sondern auch mit Microsoft Office. Forrester zählt IFS, Microsoft, SAP und Sage zu den Anbietern mit der tiefsten Integration in die Bürosoftware. Eine beliebte Funktion sei, Termine in Outlook mit dem ERP-eigenen Kalendersystem abzugleichen.

Kürzere Einführungsprojekte

Speziell für den Mittelstand erarbeiten die Anbieter Methoden, die Software rasch und vor allem zu geringeren Kosten einzuführen. Branchenspezifische Vorlagen sollen die Vorarbeiten zum Aufsetzen des jeweiligen Programms abkürzen. Hierzu entwerfen die IT-Firmen aus ihren Erfahrungen mit Kundenprojekten Einführungskonzepte. Auch SAP hatte unlängst einen weiteren Ansatz präsentiert, mit dem kleinere Firmen gemeinsam mit einem SAP-Partner ein Standard-ERP-System angeblich in kurzer Zeit aufsetzen können sollen (siehe auch SAP lockt den Mittelstand mit Festpreisen). Lawson verspricht, mit "Quickstep" die Implementierung von branchenspezifischen ERP-Lösungen abzukürzen. Microsoft hofft mit dem Programm "Dynamics Sure Step" die ERP-Einführung zu erleichtern. Da der Erfolg des ERP-Rollouts beim Kunden von dessen IT-Umgebung und natürlich von der Erfahrung und Kompetenz des Partners abhängt, soll Sure Step Werkzeuge und Konzepte bereithalten, um die Einführung neuer Software oder das Update einer bestehenden Installation möglichst zu standardisieren. Das Beratungshaus Gartner rät Microsoft-Kunden, bei Implementierungen oder Upgrades auf Sure Step beziehungsweise entsprechend zertifizierte Partner zu bestehen.

Einige ERP-Anbieter konzentrieren sich auf bestimmte Branchen. Zum Teil handelt es sich dabei um Lösungen von Partnern, die das Standardsystem des Softwarehauses um industriespezifische Merkmale erweitert haben. Beispiele sind unter anderem Microsoft (MBS) und SAP All-in-one.
Einige ERP-Anbieter konzentrieren sich auf bestimmte Branchen. Zum Teil handelt es sich dabei um Lösungen von Partnern, die das Standardsystem des Softwarehauses um industriespezifische Merkmale erweitert haben. Beispiele sind unter anderem Microsoft (MBS) und SAP All-in-one.
Foto: Forrester Research

Faktor Mensch beeinflusst ERP-Projekte

Doch Technik und Einführungskonzepte garantieren natürlich noch keine erfolgreichen ERP-Projekte. ERP-Experten zufolge spielen menschliche Faktoren oft eine weitaus wichtigere Rolle (siehe auch "Warum ERP-Projekte scheitern" und "Menschliche Faktoren bei der ERP-Auswahl"). Als problematisch erweist sich der Mangel an kompetenten Spezialisten. Wie das Beratungshaus Infosoft aus Hamburg festgestellt hat, macht sich der in den zurückliegenden Jahren bei den ERP-Herstellern vollzogene Personalabbau bemerkbar. Oft fehlten Fachkräfte beziehungsweise ausreichend ausgebildete Experten, um Projekte beim Kunden zu stemmen. Infosoft organisiert in Kooperation mit dem Portal Benchpark.com regelmäßig Zufriedenheitsumfragen zu ERP-Software. Die letzte Erhebung förderte zutage, dass Softwarenutzer ihre Lösungen schlechter bewerten.