ERP als digitale Verhandlungsmasse

24.02.2003
Von Norbert Hilger
In Deutschland wechseln im Durchschnitt knapp 2000 Unternehmen jährlich den Eigentümer. Meist sind die Käufer andere deutsche Unternehmen - trotz Wirtschaftsflaute ein milliardenschwerer Markt. Die Informationstechnik der Unternehmen ist ein häufig unterschätzter, heikler Verhandlungspunkt.

Ein mittelständischer Industriebetrieb optimiert sein Geschäftsmodell. Die neue Unternehmensstrategie gibt vor, einige Bereiche, die nicht zur Kernkompetenz passen, abzuspalten. Das ist keine Seltenheit in Deutschland. Ein Käufer ist meist schnell gefunden - jetzt wird verhandelt. Doch hier stößt man oft auf mehr Komplexität als ohnehin schon erwartet. Denn in den seltensten Fällen wird die Informationstechnologie früh genug in die Überlegungen zu einem Unternehmensverkauf einbezogen. Und das, obwohl sie ein wichtiger Vertragspunkt ist. Die Folge: Am runden Tisch fehlen wichtige Informationen. Das kann sowohl den Käufer als auch den Verkäufer viel Geld kosten und die Anwälte beider Seiten lange beschäftigen. Nachlässiges Verhandeln im IT-Bereich kann nämlich ungeplante Kosten im sechs- bis

siebenstelligen Bereich verursachen.

Ein ERP-System verrät alles über ein Unternehmen

Die IT-Landschaft - vor allem das ERP-System - ist in der modernen Produktion und Dienstleistung zu einem ausschlaggebenden Faktor geworden. Enterprise Resource Planning (ERP) bedeutet die Zusammenführung aller Unternehmensbereiche in einem IT-System, das auf einem gemeinsamen Informationspool basiert. Was trocken klingt, ist im Alltag nicht mehr wegzudenken und Basis für einen milliardenschweren Markt in Deutschland. Als zentral angelegtes System bildet ERP eins zu eins die Prozesse des Unternehmens ab und enthält alle kritischen Daten etwa zu Kunden, Rechnungswesen oder Produktion. Ein ERP-System hat also starke Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Fällt es aus, verliert es alle wichtigen Informationen und ist so gut wie handlungsunfähig. Das System muss also lauffähig an den Verkäufer übergeben werden, andernfalls ist er regresspflichtig. Wird hier keine klare Regelung im Vertrag getroffen, kann es teuer werden. Denn bei einem

Unternehmen mit 5000 bis 10 000 Mitarbeitern kann eine SAP-Migration schnell bis zu zwölf Monate dauern und bis zu zwei Millionen Euro kosten.