IT in Banken/Vom Host zum Main-Server

Erneuter Umbau: Banken-IT entwickelt sich in Richtung Network-Computing

07.05.1999
Noch immer gibt es zur Verwaltung der juristischen Bestände einer Bank im Großrechner keine brauchbare Alternative. Dennoch setzen sich Client-Server-Architekturen auf breiter Front durch. Sie ergänzen (in der Regel) oder ersetzen (zum Teil) die Host-Systeme. Johannes Kelch* skizziert den in vielen Geldinstituten erreichten Stand der Technik, der auf dem Weg zum Network-Computing einen Zwischenschritt darstellt.

Ob spartenübergreifende Großbank oder hochspezialisierte Bankenneugründung - nicht nur der Mainframe ist unentbehr- lich, fast überall sind inzwischen Client-Server-Landschaften aufgebaut und mit dem Großrechner über Terminalemulationen verknüpft.

Beispielsweise begann die Bayerische HypoVereinsbank bereits vor der Fusion der beiden Vorgängerbanken 1998 mit der Ausstattung ihrer Filialen mit einer neuen Client-Server-Lösung als Ergänzung der seit langem eingesetzten Großrechnersysteme. In dem Projekt "Einführung NT-Vertriebssysteme" installierten Mitarbeiter vom Münchner Debis Systemhaus PCM in den Filialen der Vereinsbank insgesamt 18500 PCs, 1200 Server und 12000 Drucker, vernetzten die Hardware und bestückten die Rechner mit Windows NT, Office 97 sowie den jeweils benötigten bankspezifischen Anwendungen.

Gegenwärtig ist der Aufbau der Client-Server-Systeme in den ehemaligen Filialen der Hypobank im Gange, deren Datenverarbeitung einem anderen Modell als dem der Vereinsbank folgte. Heute können die Mitarbeiter in den neu ausgestatteten Filialen auf die Welten beider Banken über den gleichen Bildschirm zugreifen.

Die Kommunikation mit den Großrechnern läuft sowohl über Terminal-Emulation als auch über indivduell für die Bank entwickelte Client-Server-Anwendungen und im Hintergrund ablaufende automatische Prozesse.

Mit dem Client-Server-Modell arbeitet auch die IT bei der 1998 neugegründeten, auf das Wertpapiergeschäft spezialisierten BWS-Bank in Frankfurt am Main. In ihren Geschäftsräumen ist eine Client-Server-Landschaft aufgebaut, die gegenwärtig aus 20 Servern, 650 Clients und 130 Netzwerkdruckern besteht.

Auf den Clients wurde als Standardsoftware ein Office-Paket installiert. Als hausinternes Mail-Produkt läuft auf den Rechnern Lotus Notes. Am selben Rechner können die Mitarbeiter mit dem Wertpapierverarbeitungssystem der Bank arbeiten, das auf Mainframes läuft, betont Stephan Seifert von der SCS-GmbH, die das gesamte Client-Server-System aufgebaut hat. Eine 3270-Emulation macht es möglich, am Bildschirm des Clients wie an einem Mainframe-Terminal zu arbeiten.

Nach diesem Muster funktioniert die Informationstechnologie seit 1998 auch bei der Norisbank. Mit Unterstützung von Siemens Business Services erweiterte die Bank ihre Infrastruktur um Client- und Server-Systeme.

Für Micha Stuiber, Mitarbeiter der Norisbank Organisation, ist das allerdings noch keine "echte Client-Server-Architektur", da die Kernsysteme nicht umgestellt worden seien. Stuiber: "Wir arbeiten nach wie vor mit einem klassischen Host-System und mit der entsprechenden Emulation auf den dezentralen Systemen."

Bei etlichen Geldinstituten bringt die Einführung von SAP R/3 den Zug in Richtung Client-Server in Fahrt. Sowohl bei der Deutschen als auch bei der Dresdner Bank steht die Migration von R/2 nach R/3 auf der Agenda.

Bei der DB wurde der internationale "Roll-out" des R/3 Moduls Finanzbuchhaltung/Controlling Anfang 1998 abgeschlossen. Für Bereichsleiter Jörg Hackel ist das schon die "Basis für eine weltweite Lösung".

So schnell wie sich die Client-Server-Architektur in den Banken breitmacht, genauso deutlich mehren sich die Anzeichen für einen erneuten Umbau der Bank-IT in Richtung Network-Computing. Dieter Bartl, Direktor und Leiter des Technologiekompetenzzentrums am Informatikzentrum der Sparkassenorganisation in Bonn, glaubt: "Dem Network-Computing gehört die Zukunft." Den "Mainstream" in diese Richtung erwartet Bartl bereits ab dem Jahr 2001. Das Konzept der Sparkassenorganisation sieht das Network-Computing als "eine evolutionäre Weiterentwicklung der bisherigen Client-Server-Architektur in kongenialer Verbindung mit den Möglichkeiten der Internet-Technologie", so Bartl. Das Client-Server-Know-how sei für das Network-Computing eine "zwingend benötigte Grundlage". Bisherige Investitionen seien bei einem Übergang zum Network- Computing geschützt.

Die "netzzentrierte Architektur der Zukunft" umfaßt laut Bartls Prognose neben dem Host als Main-Server dezentrale Server sowie Arbeitsplatzrechner. Anwendungen würden auf den Servern zentralisiert, dort ausgeführt oder als Applets an die Arbeitsplatzrechner verteilt. Diese moderne Architektur eröffne die faszinierende Vision, daß die Benutzer "unabhängig von Zeit und Ort auf Daten und Funktionen zugreifen sowie Transaktionen veranlassen" könnten.

Für den Wettbewerb entscheidend sei die Möglichkeit, "unabhängig vom Medium und der konkreten technischen Ausstattung bankfachliche Prozesse zu den Kunden hin zu verlängern". Die Formen der Kundenbeziehung würden sich durch das Network-Computing "signifikant verändern", so Bartl. Als Beispiele nennt der Fachmann videogestützte Informations- und Datenbankdienste sowie das Application-Sharing zwischen Sachbearbeiter und Kunde.

Ökonomisch lohne sich das Network-Computing vor allem aus zwei Gründen. Zum einen müßten die Server nicht mehr in 20 000 Filialen, sondern nur noch an wenigen Stellen gemanagt werden. Last, but not least, ließen sich durch die Wiederverwendung von Komponenten sowie durch den Einsatz ausgereifter Softwarebausteine und Entwicklungswerkzeuge die IT-Kosten ganz erheblich vermindern.

Angeklickt

Das Client-Server-Modell befreit die Arbeit in der Bank von den Fesseln einer Host-Session. Office-Programme und Groupware auf vernetzten PCs fördern die Kommunikation mit Kunden und Kollegen. Doch eine wirklich neue Qualität der Kundenorientierung und Kundenbeziehung entsteht erst mit Network-Computing.

*Johannes Kelch ist freier Journalist in München.