Erlebnisse im DV-Land: Zwischen Matsch und Mädchenhandel

10.07.1981

Erlebt haben die Leute in der Datenverarbeitung genug. "Noch heute", schmunzelt DV-Leiter Kurt Geiser, "glaubt der EDV-Chef der Liverpooler Hafengesellschaft, ich hätte ihm mit der Software auch seine Sekretärin abgekauft." Diese Begebenheit zählt der Bremer Datenprofi zu seinen positivsten Erlebnissen in der sonst so trockenen Datenverarbeitung. Jene Sekretärin nämlich habe er schließlich geheiratet. "Ganz schön ins Schwitzen" kam Rudi Werner, als er seinerzeit die DV der Rheinhütte Wiesbaden organisierte. Eine Lagerbestandsliste aus dem Computer führte Teile auf, die die Mitarbeiter nicht finden konnten. Im Vertrauen auf den Rechner (Werner: "lch war von der Richtigkeit der Computer-Aussage überzeugt") versorgte sich der sonst klimatisierte Räume gewohnte DV-Leiter mit Gummistiefeln und fand in Schnee und Matsch das Gesuchte. Einen "Tobsuchtsanfall" endlich verzeichnete Dr. Ernst-Heinrich Lammers von der Schmalbach-Lubecca in Braunschweig. Es traf ihn allerdings nicht selbst, sondern einen Anwender, der mit einem Computer-Ausdruck nicht klar kam.

Kurt Geiser

Leiter der Datenverarbeitung, Bremer Lagerhaus Gesellschaft, Bremen

Mein gravierendstes Erlebnis in meiner langjährigen DV-Laufbahn: Ich habe durch die EDV meine heutige Frau kennengelernt!

Im Jahre 1975 hatten wir uns entschieden, von der englischen Hafengesellschaft in Liverpool ein Software-Paket für Container zu kaufen. Dort stand die gleiche Hardware wie in Bremen, die Anwendung konnte also von uns übernommen werden.

Wie es bei solchen Dingen üblich ist, mußten vor Vertragsabschluß diverse Gespräche geführt werden, die Anwendung im praktischen Einsatz beobachtet und Details ausdiskutiert werden. Meine heutige Frau war damals die Sekretärin des Liverpooler EDV-Chefs, der auch heute noch der Meinung ist, daß ich mit dem Systempreis gleich seine Mitarbeiterin mitgekauft hätte.

Mein Rat: Trotz harter Arbeit - die wir alle sicherlich dort leisten mußten - und der "trockenen" Branche sollten in der DV-Beschäftigte nicht den Blick für schöne Dinge velieren.

Aber nicht nur ich hatte schöne Zeiten dort, auch die anderen Kollegen haben sich sehr wohl gefühlt. Das lag zweifelsohne an der Gastfreundschaft der nordenglischen EDV-Mannschaft, die in unserer Freizeit sehr viel mit uns unternommen hat.

Ein sehr angenehmer Nebeneffekt ist auch, daß ich heute eine Frau habe, die von Datenverarbeitung etwas versteht.

Dr. Ernst-Heinrich Lammers

Systembereichsleiter Datenverarbeitung, Schmalbach-Lubeca GmbH, Braunschweig

Mit dem zunehmenden Einsatz von Online-Anwendungen in der EDV gestaltet sich zwangsläufig auch das Verhältnis von Systementwicklung und Anwendern enger und problematischer.

Während früher der Fachbereichsvertreter das Anforderungsprofil verantwortlich festlegte und das Produkt in seinem Bereich vertrat, existiert dieser Vertreter wegen der vielfältigen und komplexen auf den Anwender selbst abgerichteten Dialogabläufe heute nur noch in den seltensten Fällen. Diese Aufgabe fällt mehr und mehr der EDV oder den der EDV nahestehenden Stabsabteilungen zu.

Wir hatten gerade in einem unserer Werke eine Online-Auftragsabwicklung eingeführt. Wie schon bei einer vorangegangenen Einführung des Systems begannen auch hier sofort die Diskussionen über fehlende oder nicht ausreichende Systemunterstützung für Funktionen, die von der EDV unserer Meinung nach hinreichend unterstützt waren, aus Sicht der Anwender aber ihre Tätigkeiten unbedingt stärker berücksichtigen sollten. In einem speziellen Fall ging es um die Online-Anzeige der verschiedenen Artikel eines Kunden, die der Sachbearbeiter zur Identifikation der internen Artikelnummern nutzen sollte.

Da bei der Vielzahl der unterschiedlichen Artikel und Ausführungen sich die Auswahl bei der Online-Abwicklung als recht zeitaufwendig erwies, war eine Anlistung der Kundenartikel mit den für die Auftragsannahme und den zur Beantwortung von Anfragen wesentlichen Daten vorgesehen. Mit dieser Liste konnte der Sachbearbeiter nach eigener Aussage aber nichts anfangen.

Da dieser Punkt für die Akzeptanz des ganzen Systems sehr wichtig war, bemühte sich ein Mitarbeiter im direkten Gespräch mit dem Anwender, eine bessere Lösung zu finden. Das Ergebnis wurde in Form einer detaillierten Beschreibung festgehalten und zu Hause in das entsprechende Programm umgesetzt. Als die Liste in froher Erwartung dem Anwender erstmalig vorgelegt wurde, erlitt der arme Mann einen Tobsuchtsanfall - er konnte nicht verstehen, welcher Trottel eine derartige Anlistung veranlassen konnte.

Mittlerweile wird die Liste nach geringfügigen Änderungen im Aufbau als wertvolle Ergänzung der Online-Anzeige zur Auftragsannahme eingesetzt.

Klaus Jürgen Kupka

Leiter Datenverarbeitung, Elida Gibbs GmbH, Hamburg

Zu den häufigsten Organisationsformen der Konsumgüterindustrie gehört die zentrale Auftragsbearbeitung in Verbindung mit regionalen Auslieferungslägern. Die Abwicklung der Aufträge ist oft zeitkritisch, die Liefertermine sind kurz. Die Förderung hieß: Verkürzung der Zeit zwischen Auftragsentgegennahme und Auslieferung der Ware. Bisher wurden die Auftragsdaten der mehr als 100 Repräsentanten zentral in Hamburg erfaßt, nachts die Lieferscheine im Rechenzentrum gedruckt und am nächsten Tag auf dem langen Postweg zu den 13 Auslieferungslägern gebracht. Daraus ergab sich eine durchschnittliche Lieferzeit von sechs Tagen.

Den Ansatzpunkt für eine Verkürzung dieser Zeitspanne sahen wir darin, die Postbeförderung der Lieferscheine einzusparen. Die Idee war, in den 13 Speditionslägern die Lieferscheine aufzuzeichnen und auszudrucken. Wir suchten also quasi einen Kassettenrecorder mit einer Schreibmaschine. Die Suche nach einer solchen Primitivlösung blieb jedoch erfolglos, so daß wir doch letztlich auf einen Computer zurückgreifen mußten. Wir haben alle 13 Außenläger mit einem System Nixdorf 8820 mit Diskettenlaufwerk und Drucker ausgerüstet.

Diese Systeme wurden nachts per Telefon angewählt, wobei sie sich dann selbstkritisch einschalten und nach dem Aufzeichnen der Lieferscheindaten auf Diskette wieder auf Minipower abschalten. Morgens werden dann die Versandpapiere durch Betätigen von zwei Funktionstasten ausgedruckt. Außerdem erhalten die Lagerhalter täglich per DFÜ die neuesten Lagerbestandsprotokolle sowie die täglichen Speditionskostenabrechnungen. Die Lieferzeit konnte um zwei Tage verkürzt werden.

Am meisten beeindruckt hat mich bei diesem Projekt die Erkenntnis, daß eine angestrebte technisch einfache Lösung schließlich doch wieder nur durch ein relativ aufwendiges Computersystem realisiert werden konnte. In der Zwischenzeit - das System läuft nun seit gut drei Jahren - ist die Forderung nach kürzeren Lieferzeiten erneut auf dem Tisch. Der Ansatzpunkt für eine weitere Verkürzung ist in Sicht: Auch die Aufträge sollen künftig nicht mehr auf dem Postweg verschickt werden. Aller Voraussicht nach werden wir unsere Repräsentanten mit mobilen Datenträgergeräten ausrüsten, mit denen sie die Auftragsdaten erfassen und per Datenfernübertragung in die Zentrale senden. Theoretisch könnte dann schon am nächsten Tag ausgeliefert werden.

Rudi Werner

vorm. Leiter Datenverarbeitung und Organisation der Rheinhütte Wiesbaden jetzt Kompetenzleitung für Anwendungen in der Industrie EDV-Studio Plönzke KG, Wiesbaden

In meiner nun insgesamt über zwanzigjährigen Erfahrung in der Datenverarbeitung gibt es drei unterschiedliche "Ebenen", in denen ich meine gravierendsten Erlebnisse hatte: Einmal die Hardware, zum anderen die Software und zum dritten die menschlichen Reaktionen auf die beiden vorgenannten Gruppen.

Mein größtes Erlebnis in Sachen Hardware: In meiner Funktion als DV-Chef der Rheinhütte war ich einer der ersten europäischen Anwender, die Anfang der 70er Jahre wagten, mit IBM-fremdem Zusatz-Speicher die Speicher-Limits des Computerherstellers zu überschreiten. Damals wurde eine IBM 360/30 von 64 K auf 96 K erweitert. Bevor ich diesen Schritt gehen konnte, mußte ich natürlich den Hardware-Hersteller von meinem Vorhaben informieren. Ergebnis: In den IBM-Reihen gab es ein großes Lamento, mit der Folge, daß man die Wartung der CPU nur noch mit bestimmten Einschränkungen durchführen wollte. Ich habe das in Kauf genommen, und der Kernspeicher lief - bis zum Abbau nach etwa drei Jahren - fast einwandfrei verursachte keine Störungen an der IBM-CPU, war 30 Prozent billiger als der Hersteller-Speicher und senkte die DV-Kosten beträchtlich.

Zur Software: Ich war schon relativ früh ein Fan von Standard-Software für integrierte Produktions-Planungs- und Steuerungssysteme in der Fertigungsindustrie. Daß ich diese Anwendungen bis zu meinem Abschied vom EDV-Leiter-Dasein weitestgehend realisieren konnte, erfüllt mich mit Stolz.

Wesentlich in meiner beruflichen Laufbahn war auch das Zusammenführen von Mensch und Technik, das nicht immer nur positive Seiten brachte: Im Zuge der DV-lntegration wurden im Betrieb Fertigungserfassungs-Terminals installiert. Am nächsten Morgen - nach erfolgter Inbetriebnahme war das Gerät in einer Fertigungsstätte demoliert. Die dort beschäftigten Arbeiter fürchteten sich davor, daß ihnen der Lohn gekürzt werden könnte, weil das Gerät genau verfolgen kann, wann welcher Mann welche Arbeit verrichtet. Diese Informationen benötigten wir aber nicht nur für die Lohnabrechnung, sondern vor allem zur Rückmeldung für den Auftragsbestand im EDV-System. Nach diesem Vorfall mußte über die Tastatur eine abschließbare Blechschutzhaube angebracht werden, die jeden Abend nach Arbeitsende verschlossen wurde. Nach vier Wochen konnte das Ding wieder abgebaut werden weil die Mitarbeiter sich mit dem System angefreundet und keine Abzüge auf ihrem Lohnzettel festgestellt hatten.

Eine weitere kleine Episode fallt mir ein, bei der ich als EDV-Chef ganz schön ins Schwitzen kam: Im Rahmen des integrierten Produktionsplanungs- und -steuerungssystems haben wir natürlich auch die Lagerbestände per Computer geführt. Da bei uns jedes Teil wichtig und auch teuer war, hatte ich in meinem System auch zwei Gehäuse für einen bestimmten Auftrag gespeichert und zum entsprechenden Zeitpunkt der Montage per Liste zugeteilt. Leider haben die Monteure die Gehäuse im Lager nicht finden können. Natürlich hieß es gleich: "Der Werner führt da in seinem Computer Bestände, die es gar nicht gibt . ... ,. . . der teuere Auftrag, jetzt muß man wieder eine hohe Konventionalstrafe zahlen ..."

Was blieb mir anderes übrig da ich ja von der Richtigkeit meiner Computer-Aussage überzeugt war - als mir selbst die Gummistiefel anzuziehen und mich in den teilweise im Freien lagernden Teilen auf die Suche nach den beiden Gehäusen zu machen. Ich habe sie dann auch in Matsch und Schnee gefunden und hatte so das Gelächter wieder auf meiner Seite, weil ich beweisen konnte, daß die Bestandsführung per EDV doch richtig war und man den Aussagen der Datenverarbeitung schon trauen konnte.