Big Data und Scrum

EOS entwickelt Kernsoftware mit agilen Methoden

Heinrich Seeger arbeitet als IT-Fachjournalist und Medienberater in Hamburg. Er hat über 25 Jahre IT-journalistische Erfahrung, unter anderem als Gründungs-Chefredakteur des CIO Magazins. Er entwickelt und moderiert neben seiner journalistischen Arbeit Programme für Konferenzen und Kongresse in den Themenbereichen Enterprise IT und Mobile Development, darunter IT-Strategietage, Open Source Meets Business, droidcon und VDZ Tech Summit. Zudem gehört er als beratendes Mitglied dem IT Executive Club an, einer Community von IT-Entscheidern in der Metropolregion Hamburg.
Der Finanzdienstleister EOS setzt auf Big Data und entwickelt im Zuge der Digitalisierung ein Bearbeitungssystem für das Forderungsmanagement. Verantwortlich für die Systementwicklung ist Lars Ludwig, der 2011 als CIO des Jahres ausgezeichnet wurde.

Laut der EOS Schulden-Studie 2015 fühlen sich 84 Prozent der Deutschen schlecht, wenn sie Außenstände nicht begleichen können. Dennoch kommt das vor, sei es durch einen längeren Auslandsaufenthalt, einen Umzug oder dadurch, dass unerwartet Kühlschrank oder Auto kaputtgehen. Hinter jedem Zahlungsverzug stecken individuelle Gründe. Darauf reagiert EOS und entwickelt ein neues Softwaresystem für die Forderungsbearbeitung. Das Inkassounternehmen will sich mit dem neuen Kernsystem in die Lage setzen, mehr auf die individuellen Bedürfnisse von Schuldnern einzugehen und sie in ihrer Situation zu unterstützen.

Der agilen Arbeitsweise entsprechend wirken an dem Softwareprojekt nicht nur Entwickler, sondern auch Usability Engineers, Product Owner, Quality Analysts, DevOps-Experten, Softwarearchitekten, Data Scientists und Scrum Master mit.
Der agilen Arbeitsweise entsprechend wirken an dem Softwareprojekt nicht nur Entwickler, sondern auch Usability Engineers, Product Owner, Quality Analysts, DevOps-Experten, Softwarearchitekten, Data Scientists und Scrum Master mit.
Foto: Rawpixel - shutterstock.com

Die Lösung unter dem Projektnamen "FX" nutzt einen Analytics-Ansatz auf Basis von Big Data und empfiehlt den Mitarbeitern von EOS automatisch für jeden säumigen Zahler eine maßgeschneiderte Kommunikation mit schuldnerindividuellen Angeboten. Sie wird gemeinsam von EOS IT Services, dem zentralen IT-Dienstleister der Gruppe und dem Fachbereich der deutschen Organisation entwickelt - und zwar in agiler Methodik.

Eines der größten Softwareprojekte im Norden

Die neue Software soll das bisherige System für das Forderungsmanagement "Fidibus" komplett ablösen. Im Frühjahr dieses Jahres ist der Startschuss für die Entwicklung gefallen. Ein 40-köpfiges Team aus IT- und Fachbereichsmitarbeitern arbeitet bereits an den ersten Umsetzungsschritten. "Das wird eines der größten und spannendsten Software-Entwicklungsprojekte, die gegenwärtig im norddeutschen Raum zu finden sind", sagt Roger Nolting, Geschäftsführer von EOS IT Services. Hierfür hat er sich Verstärkung an Bord geholt.

Lars Ludwig, der 2011 in der Kategorie "Mittelstand" zum CIO des Jahres gekürt wurde, leitet das Entwicklungsprojekt.
Lars Ludwig, der 2011 in der Kategorie "Mittelstand" zum CIO des Jahres gekürt wurde, leitet das Entwicklungsprojekt.
Foto: Lars Ludwig - EOS IT Services
Digital Leader aufgepasst! - Foto: IDG

Digital Leader aufgepasst!

Am Ruder des Entwicklungsprojekts sitzt seitens EOS IT Services Lars Ludwig, der Anfang des Jahrzehnts als CIO der Donner & Reuschel AG in einem einjährigen Projekt die komplexen IT-Landschaften der Privatbanken Conrad Hinrich Donner und Reuschel & Co. integriert hatte. Die erfolgreiche Integration brachte ihm 2011 eine Auszeichnung beim Wettbewerb "CIO des Jahres" im Bereich Mittelstand ein. Seine Aufgabe bei EOS IT Services nun: mit State-of-the-Art-Technologien (voraussichtlich ein Java-Stack), einem modernen Architekturansatz (Micro Services, Big Data) und agilen Arbeitsweisen (Scrum) ein neues Forderungsbearbeitungssystem bauen, dazu das heutige Kernsystem und dessen Mannschaft in die neue Lösungswelt transformieren - technisch, organisatorisch und kulturell.

Datenanalyse für individuelle Angebote

Ziel des Projekts ist ein schuldnerindividuelles Forderungsmanagement: Säumigen Zahlern sollen realistische, maßgeschneiderte Lösungen angeboten werden, wie sie ihre Schulden begleichen können. Was jeweils am besten ist, werde das Kernsystem den Mitarbeitern automatisch vorschlagen, erläutert Nolting. Während die bisherigen Mahnabläufe an Scoring-Modellen und Wahrscheinlichkeitsannahmen orientiert seien, werde das Motto künftig "Next Best Action" heißen: "Anhand täglich aktualisierter Informationen über Schuldner wird jeweils das Vorgehen entschieden", erläutert der Geschäftsführer.

Dazu bedient sich FX prädiktiver analytischer Verfahren, schließt also aus der Kenntnis des bisherigen Verhaltens einer Person, welche Art der Kontaktaufnahme der Betreffende bevorzugt, wann der Schuldner am ehesten Zeit hat, kontaktiert zu werden, und wie viel der- oder diejenige über welches Zahlungsmittel am wahrscheinlichsten bezahlen wird.

"Die Logik und die vorgeschlagenen Lösungsmuster des künftigen Systems", so Ludwig, "finden sich auch bei Fintechs, Tech-Companies oder im Handel, wo ebenfalls anhand von Kenntnissen über bisheriges Informations- und Konsumverhalten individuelle Kaufempfehlungen und Rabattangebote präsentiert werden."

Agile Methodik und modulare Systemarchitektur

Das FX-System wird agil nach der Scrum-Methode entwickelt. Das ist zwar nicht völlig neu für die EOS-IT-Mannschaft; aber die Erfahrungen mit agiler Softwareentwicklung und agilem Projektmanagement beschränken sich gegenwärtig noch auf einzelne Produktteams, die relativ autark arbeiten.

Das Projekt FX ist auf fünf bis sieben Jahre angelegt. Eine lauf- und testfähige MVP-Version (Minimum Viable Product) soll jedoch bereits viel früher live gehen. Die Ideen aus FX, so Nolting, werden der Kern des Lösungsangebots von EOS IT Services für die Ländergesellschaften in der Gruppe sein. Ergänzt wird es um mehrere Dutzend umgebende Systeme, von der Archivsoftware über Textverarbeitung bis hin zu einem Schuldnerportal, die einfach und modular an das Kernsystem angedockt werden können.

Die modulare Architektur hat ihren Grund in der Heterogenität der Gruppe, erläutert Nolting. "EOS ist ein internationaler Anbieter von Forderungsmanagement mit Tochterunternehmen in 28 Ländern." Das Ziel von EOS IT Services sei es natürlich, für eine möglichst intensive Nutzung der entwickelten Ideen und Lösungen auch im Ausland zu sorgen.