CW-CSE-Symposium belebt die Diskussion:

Entwurfstool ist Voraussetzung für DB-Aufbau

09.12.1983

MÜNCHEN - "Datenbanken in der Praxis" war das harmlos klingende, aber brisante Thema des internationalen Symposiums das die Seminargruppe der COMPUTERWOCHE CW-CSE Ende November in München veranstaltete (siehe auch CW Nr. 50/83, Seite 10). In Plenumsvorträgen berichteten international renommierte Referenten über den aktuellen Stand sowie über Entwicklungstendenzen in diesem die Datenverarbeitung revolutionierenden Gebiet. Die Teilnehmer nutzten die Gelegenheit zu teilweise sehr kritischen Fragen und kontroversen Diskussionen. Über das Symposium berichtet Sylvia Winkelmann, Projektleiterin der Gedo GmbH. Bielefeld.

Nicht in erster Linie die Theorie, sondern deren Umsetzung in die Praxis ist das größte Problem. Auf dem Symposium wurde deutlich, daß sich unabhängig von der Wahl des DB-Systems die Einsicht für die Notwendigkeit eines logischen Datenbankmodells weitgehend durchgesetzt hat.

Wegen des Mengenproblems sind leistungsfähige Werkzeuge zur Unterstützung des Datenbankentwurfes zwingend erforderlich. Der Normalisierungsprozeß läßt sich ab einem gewissen Volumen (zum Beispiel über 100 Attribute) auf manuelle Weise nicht mehr durchführen. Deshalb wird auch die Anwendung so fortschrittlicher, relationaler Datenbanksysteme, wie etwa SQL von der IBM, sehr problematisch bleiben, solange ein einsatzfähiges Tool für den Datenbankentwurf nicht zur Verfügung steht.

Wichtig ist, daß ein solches Werkzeug benutzerfreundlich ist, das heißt, allein die Beschreibung von Datenbeziehungen muß für die automatisierte Bildung von Relationenen in dritter Normalform ausreichen.

Der von Dr. Max Vetter, IBM Schweiz, propagierte Weg besteht darin, zunächst unabhängige Objekte und deren Attribute zu definieren, dann Beziehungen zwischen den Objekten herzustellen und schließlich zu normalisieren. Ein alternativer häufig von Praktikern vertretener Standpunkt ist, ausgehend von externen Benutzersichten (also losgelöst von Objektbetrachtungen) Beziehungen zwischen Attributen abzulesen und dann zu normalisieren.

Wir meinen, daß ein Tool von diesem vorgelagerten kreativen Prozeß unabhängig sein sollte. In unserer Arbeit haben wir die Erfahrung gemacht, daß die Praxis wesentlich komplizierter ist als die meist sehr einfachen Beispiele in der Literatur.

Dr. George Schussel von der Digital Consulting Associates Inc. aus Wakefield betonte in seinem Vortrag, daß eine Datenbank nicht isoliert als Systemkomponente behandelt werden darf, da der Benutzer das System als eine Einheit betrachten will. Daraus leiten wir ab, daß ein unterstützendes Tool in eine bestehende Datenbank integrierbar sein muß. Somit muß es auch in der Lage sein, Informationen aus einem Data Dictionary aufzunehmen und an dieses abzugeben.

Eine der offenen Fragen auf dem Symposium war die nach der Einbindung semantischer Abhängigkeiten in das Relationenmodell. Beispielsweise darf es nach der reinen Lehre nicht vorkommen, daß neben vielen Einzelbeständen das Attribut "Gesamtbestand" als Summe der Einzelbestände existiert (Konsistenzprobleme!). Andererseits machen aber Performance-Gründe die Speicherung des Gesamtbestandes erforderlich. Aus diesen praktischen Erwägungen muß ein leistungsfähiges Tool auch semantische Abhängigkeiten zulassen und überwachen.

Eine weitere wesentliche Aufgabe ist die automatische Transformation des logischen DB-Entwurfs in physische Strukturen. Als wichtiger Parameter braucht in dieser Phase lediglich noch die Art des gewünschten DB-Systems (hierarchisch, netzwerkartig, relational, invertierte Listen) vom Benutzer angegeben werden.

Insgesamt wurde in allen Vorträgen und Diskussionen deutlich, daß ein DB-Entwurfstools für den Praktiker eine Grundvoraussetzung für den Aufbau von Datenbanken darstellt. Wir hoffen, daß die Impulse dieses Symposiums in starkem Maße die Entwicklung derartiger Werkzeuge fördern werden.