Philosophin Barbara Strohschein

"Entwertung macht Menschen krank"

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Wie können Führungskräfte alltägliche Kränkungen vermeiden und welche Themen deckt eine gute Unternehmensberatung ab? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Philosophin Barbara Strohschein. Sie arbeitet als Coach und Autorin.

Führungskräfte suchen ebenso wie ganze Teams ihren Rat: die Berlinerin Barbara Strohschein arbeitet in ihrer philosophischen Praxis als Coach, außerdem schreibt sie Erzählungen und Theaterstücke. Ihr neues Buch "Die gekränkte Gesellschaft" ist eine Auseinandersetzung mit dem Leiden an Entwertung und dem Glück durch Anerkennung. Strohschein will das Buch als philosophische Anleitung verstanden wissen. Mit CIO.de sprach sie über Kränkungen im Arbeitsleben - und darüber, was man dagegen tun kann.

CIO.de: Frau Dr. Strohschein, über den Humor von TV-Serien wie Stromberg, in denen ein Kotzbrocken von Chef die Hauptrolle spielt, oder T-Shirts mit dem Aufdruck "Ich Chef, Du nix" lässt sich streiten. Sie zeigen aber eines: Viele Menschen scheinen zu glauben, dass Kränkung und Entwertung zum Arbeitsleben "nun mal dazugehören". Warum ist das so?

Barbara Strohschein: "Die fehlende Anerkennung belastet Mitarbeiter und auch Führungskräfte mehr als das Arbeitspensum."
Barbara Strohschein: "Die fehlende Anerkennung belastet Mitarbeiter und auch Führungskräfte mehr als das Arbeitspensum."
Foto: Kirsten Hense

Barbara Strohschein: Grundsätzlich ist Humor eine gute Sache. Wird er aber mit Abwertung verknüpft, bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Es hat nichts mit Humorlosigkeit zu tun, abwertende Witze nicht lustig zu finden. Solche Fernsehsendungen oder Shirts zeigen: Entwertungen passieren einfach so und unbemerkt, dass sie widerspruchslos hingenommen werden. Kränkung und Abwertung gelten deshalb als etwas Selbstverständliches.

CIO.de: Manche Experten führen Burnout-bedingte Krankheiten nicht nur auf ein zu großes Arbeitspensum zurück, sondern auch auf Schwierigkeiten zwischen Mitarbeitern und ihren Vorgesetzten. Was können Führungskräfte tun?

Barbara Strohschein: Das Arbeitspensum stellt in der Tat nicht das Problem dar. Das weiß ich aus Beratungsgesprächen mit Führungskräften. Belastend für alle ist vielmehr die fehlende Anerkennung in der Arbeitswelt. Der erste Schritt zur Lösung wäre, dass sich die Vorgesetzten bewusst machen, dass nicht nur ihre Mitarbeiter, sondern natürlich auch sie selbst sich Anerkennung wünschen. Denn das ist zutiefst menschlich.

CIO.de: Wie geht es dann weiter?

Barbara Strohschein: Wenn dies bewusst wird, kann ein weiterer Schritt folgen: Die Mitarbeiter nicht als bloße Funktionsträger zu sehen, sondern als lebendige Menschen mit eigener Biographie. Die Lebensgeschichte wird nicht an der Tür ins Büro abgegeben, sondern in den Arbeitsprozess hineingetragen. Frühere familiär bedingte Kränkungen werden in Konfliktsituationen am Arbeitsplatz reaktualisiert - und schon entstehen Probleme. Ein wunder Punkt ist getroffen. Um die aktuellen Konflikte auf eine sachliche und produktive Weise zu lösen, können Führungskräfte sich Unterstützung durch einen Berater holen.

CIO.de: Woran erkennt man einen guten Berater?

Barbara Strohschein: Ein guter Berater ist empathisch, analysiert die Konflikte, hat eine gute wissenschaftlich fundierte Ausbildung, orientiert sich an ethischen Prämissen und respektiert jeden, mit dem er zusammenarbeitet. Sein oberstes Ziel: Die Ursachen von Konflikten zu erkennen, sie gemeinsam mit den Betroffenen zu lösen, die Mitarbeiter zu ermutigen und fördern und sie nicht lediglich als Leistungsträger zu "trainieren". Das wäre eine Reduktion und Funktionalisierung, die mit verkappten Entwertungen gleichzusetzen sind. Anerkennung, faire Kritik und authentische Kommunikation sind Ziele, die allen zugute kommen und die Motivation und die Freude an der Arbeit erhöht. Mit Gutmenschentum hat dies nichts zu tun, sondern mit "gesundem Menschenverstand" - für den Erfolg eines Unternehmens.

CIO.de: Was beinhaltet für Sie eine gute Unternehmensberatung?

Barbara Strohschein: In meinem Werte-Modell konzentriere ich mich auf fünf Themenfelder, das heißt, Schwerpunkte mit entsprechenden Methoden und Übungen:

  1. Menschenbilder und der Wert des Menschen: Welche Vorstellungen vom Menschen prägen das unternehmerische Handeln?

  2. Wertschätzende Kommunikation: Wie kann kommuniziert werden, um Probleme zu lösen und Aufgaben zu bewältigen?

  3. Werteorientierte Unternehmenskultur: Welche gemeinsam gelebten Commitments tragen zu einer guten und vertrauensvollen Atmosphäre bei?

  4. Sinngebende Philosophie: Hier geht es darum, herauszuarbeiten, welche Sinnorientierung die Mitarbeiter motiviert.

  5. Verantwortungsbezogene Visionen: Ein Unternehmen, das sich gesellschaftlich verantwortlich zeigt und zukunftsorientiert handelt, fördert Zusammenhalt und Engagement der Mitarbeiter.