Decision Support Systems (DSS) - nötiger denn je:

"Entscheidungswerkzeug" schützt vor Konkurs

12.11.1982

Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation, komplexen werdender Marktbedingungen und sich verschärfender Wettbewerbsverhältnisse sind Manager und Fachkräfte auf allen Ebenen darum bemüht, die Planungs- und Kontrolleffizienz in ihren Unternehmungen zu erhöhen. Ungenügende betriebliche Planung oder Planungsfehler waren in den vergangenen Jahren allzu oft Ursache dafür, daß Unternehmungen aus dem Markt ausscheiden mußten. In diesem Jahre wird die Zahl der Konkurse und Insolvenzen in der Bundesrepublik noch einmal dramatisch auf rund 15 000 ansteigen.

Um so erstaunlicher ist der nach wie vor nur geringe Bekanntheits- und Nutzungsgrad von Decision Support Systems (DSS) in deutschen Unternehmungen. DSS können in entscheidendem Maße dazu beitragen, betriebliche Planungsentscheidungen durch die Ermittlung der Konsequenz von Alternativen in ihrer Wirksamkeit zu verbessern. Angesichts von Anwendererfahrungsberichten, die zeigen, daß sich durch den Einsatz von DSS "Ergebnisverbesserungen von mehreren Millionen Mark jährlich" erzielen lassen, erscheint die verstärkte Nutzung von DSS in Unternehmungen sehr empfehlenswert.

Die große aktuelle Bedeutung betriebswirtschaftlicher Planungs- und Kontrollprozesse spiegelt sich wieder in einem umfangreichen Angebot an Entwicklungsinstrumenten und Instrumente-Kombinationen, das von Planungssprachen bis zu komplexen Systemen, das heißt aufeinander abgestimmten "Entwicklungsumgebungen" für Planungssysteme reicht. Bei den funktional am stärksten ausgebauten DSS handelt es sich inzwischen um integrierte Software- und Methoden-Systeme, durch die der Entwicklungsprozeß und die Wartung von betrieblichen rechnergestützten Planungs- und Kontrollsystemen wirksamer unterstützt werden kann als durch solftwaretechnologische Entwicklungsumgebungen mit Allgemeingültigkeitsanspruch. Vielfach wird ein solches vom Anwender entwickeltes unternehmungsspezifisches computergestütztes Planungs- und Kontrollsystem aufgrund der ihm eigenen Flexibilität ebenfalls zu Recht DSS genannt. Diese Systeme lassen den Anwendern viel Freiheit im Hinblick auf die Abbildung unternehmungsindividueller Strukturen und Prozesse in einem Modell.

Das DSS-Angebot ist im Verlaufe der letzten beiden Jahre stark gewachsen. Aktuelle und erfolgreiche DSS auf dem deutschen Markt sind beispielsweise

- CPL TACTICS von General Electric

- EPS (Evaluation and Planning System) von EPS Consultants

- IFPS = (Interactive Financial Planning System) von der Execucom Systems International Corporation Austin, Texas, vertrieben in Deutschland von Gesma (= Gesellschaft für Software und Marketing, Frankfurt)

- Wizard von Comshare

Der Leistungsumfang von über 50 angebotenen DSS, sowohl extern über Timesharing als auch auf dem eigenen Rechner einsetzbar, ist unterschiedlich und für potentielle Anwender nur schwer überschaubar. Aufgrund des nur geringen Bekanntheitsgrad der meisten Systeme ist daher eine problemgerechte Auswahl geeigneter DSS durch Anwender schwierig.

Welche Komponenten sollte nun ein funktional leistungsstarkes DSS unbedingt aufweisen? Die wichtigsten sind:

- Problemformulierungssprache

Der Kern vieler DSS ist eine sehr schnell erlernbare "Planungssprache". Diese Sprachen, die Anwender nach wenigen Tagen in ihrer ganzen Mächtigkeit nutzen können, zeichnen sich insbesondere dadurch aus, daß sie die Problemformulierung weitgehend auf der Basis der dem Planer geläufigen Fachsprache gestattet (so EPS und IFCS).

-Methodenbank

Durch den Aufruf von Standardmethoden entfällt für Benutzer die Eigenprogrammierung von häufig in Planungssystemen anzuwendenden Algorithmen. Solche Standardroutinen sind beispielsweise:

- Risiko- und Wahrscheinlichkeitsanalyse (Monte Carlo Simulation),

- Goal Seeking Analysis (welches Verkaufsvolumen ist notwendig, damit die Nettoeinnahmen eine vorher angegebene Höhe erreichen?)

- unterschiedliche Abschreibungsverfahren.

- Eigene Benutzerbausteine

In einigen Fällen ist es erforderlich, daß dem Benutzer die Möglichkeit offensteht, eigene Benutzerbausteine in das System der standardmäßig zur Verfügung stehenden Routinen einfügen zu können. Nutzern von DSS stehen für die Erstellung eigener Benutzerbausteine die wichtigsten strukturierten Softwareentwicklungsmethoden als Tool zur Verfügung.

- Datenbank, Datenbank-Software und Data Dictionary

In den meisten Fällen ist es sinnvoll, Daten für Planungszwecke in eine separate Datenbank abzuspeichern. Darüber hinaus können üblicherweise Datenverwaltung, Datenabfrage und Datenwartung komfortabel unterstützt werden. Ebenso besitzen viele DSS bis auf die Ebene elementarer Dateneinheiten hinunterreichende Beschreibungs- oder Definitionssystematiken, um die Beziehungen der Datenelemente untereinander sowie der Datenelemente zu Funktionen, Programmen, Aufgabenträgern, Hardware-/Software-Komponeneten und Kommunikationseinrichtungen flexibel abbilden zu können und jederzeit zugreifbar zu halten.

- Reportgeneratoren

Flexible, in der Handhabung leichte, aber dennoch leistungsfähige Reportgeneratoren ermöglichen die Erstellung individueller Berichte.

- Editing-Möglichkeiten

Insbesondere eine Planungsmodellstruktur muß häufig geändert werden. Fortschrittliche DSS stellen Editoren zur Verfügung, die sowohl die Änderung der Modellstruktur als auch die Erstellung von Reports und im Hinblick auf das Dateihandling wirkungsvoll unterstützen. Die Handhabung solcher Editor-Tools ist normalerweise ohne umfassende DV-Kenntnisse möglich.

- Graphik-Programme

Umfangreiche graphische Ausgabemöglichkeiten (Plotprogramme) stehen zur Verfügung.

- Screen Formating und Mapping Funktionen

Zur benutzerfreundlichen Gestaltung von Bildschirmmasken müssen sie vorhanden sein.

Durch Kombination dieser Tools, die in ihrer Gesamtheit ein umfassendes Support System bilden, können Informationssystementwicklungsprozesse wesentlich rationalisiert werden. Viele Fachabteilungen stehen aber diesen neuen Möglichkeiten des "Programmerless Programming", der Erstellung von Informationssystemen ohne Unterstützung der Experten der DV-Abteilung, noch abwartend gegenüber, weil Aussagen über die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit solcher Systeme zwar von Anbietern vorliegen, Anwendungserfahrungen jedoch noch weitgehend unbekannt sind.

Mittlerweile werden eine Reihe von "Fourth Generation Languages" angeboten. Dies sind Programmiersprachen für den Endbenutzer von existierenden DB/DC-Systemen.

Hierzu gehören:

ADF für IMS

- Natural für Adabas

- Mantis für Total

- ADS für IDMS

Hierzu kommen seit einiger Zeit verschiedene APL-Versionen, durch die in Verbindung mit Datenbanken und speziellen Software-Tools ähnliche Wirkungen erzielt werden können. Auch solche Sprach- und Werkzeugkombinationen können zum Aufbau von flexiblem DSS benutzt werden.

Neben den Vorteilen, die DSS im Hinblick auf die Entwicklung und Wartung von computergestützten Planungs- und Kontrollsystemen bietet, sollte zusammenfassend mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, daß der primäre Vorteil des Einsatzes von DSS im betriebswirtschaftlichen Bereich liegt. Durch ihren Einsatz lassen sich vor allem Ergebnisverbesserungen in Unternehmungen erzielen.

Die erhöhte Transparenz der Planungsprozesse, die flexible Generierung und Bewertung von Alternativen und das schnelle Reagieren auf Umwelt- oder Marktänderungen sind die Gründe, auf die solche Ergebnisverbesserungen zurückzuführen sind. Demgegenüber stehen oftmals vergleichsweise geringe Software-Anschaffungskosten. Besonders in Anbetracht der äußerst schwierigen wirtschaftlichen Situation vieler Klein- und Mittelbetriebe erscheint eine breitere Nutzung von DSS auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sehr wünschenswert. Die aktuelle Bedeutung solcher Systeme kann unter anderem darin gesehen werden, daß viele Banken für eine Kreditgewährung Planungsrechnungen (so in Form von Planbilanzen, Plan-G+V) fordern. Viele kleine und mittlere Unternehmungen müssen hier passen.

* Prof. Dr. Dietrich Seibt ist ordentlicher Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Essen-GHS und assoziiertes Mitglied der BIFOA-Institutsleitung, Diplom Kaufmann Bernhard Langen arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am BIFOA-Institut.