Willms Buhse im Gespräch

Enterprise 2.0 - das mittlere Management ist das Nadelöhr

Heinrich Vaske
Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Dieser Aufgabe widmet er sich in enger, kooperativer Zusammenarbeit mit dem Redaktionsteam. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Privat gehört sein Herz seiner Familie und dem SV Werder Bremen.
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Ein bisschen Wiki, ein bisschen Bloggen - fertig ist das Enterprise 2.0. Ganz so einfach ist es dann doch nicht, wie wir im Interview mit Willms Buhse erfahren.

CW: Bei Enterprise 2.0 geht es im Kern um einen Mentalitätswandel: weniger Kontrolle, mehr Transparenz, mehr Offenheit, mehr Partizipation. Wie weit sind wir in Deutschland?

"Das mittlere Management muss anders führen", meint Willms Buhse, Geschäftsführer von Doubleyuu
"Das mittlere Management muss anders führen", meint Willms Buhse, Geschäftsführer von Doubleyuu
Foto: Doubleyuu

Buhse: Viele Unternehmen nehmen heute wahr, dass es bei ihnen Inseln gibt, auf denen das Thema lebt. Das findet etwa in Projektgruppen statt, wo mit einem Wiki gearbeitet wird, oder auf Abteilungsebene etc. Doch die vorhandenen Wikis und Blogs sind eher Insellösungen. Damit das Potenzial wirklich gehoben werden kann, braucht es einen unternehmensweiten Ansatz. Oft gibt es eine Bottom-up-Bewegung, die dann beim Middle-Management hängen bleibt. Auf der anderen Seite ist oft das Top-Management grundsätzlich interessiert, weil es mehr Produktivität will und besser informiert sein möchte.

CW: Will das Top-Management auch seinerseits mehr informieren?

Buhse: Grundsätzlich schon. Meistens ist es die mittlere Ebene, wo es brennt, wo beide Bewegungen nicht zueinanderfinden. Komme ich als Berater in ein Unternehmen, setze ich meist ein Kernteam auf, das den Gedanken des Enterprise 2.0 nahe steht und vielleicht auch schon danach arbeitet. Dieses Team macht das Thema relevant für das Topmanagement, etwa in Form eines Vortrags oder eines Workshops mit den Vorständen.

CW: Sind es die viel zitierten Digital Natives, die diese Bewegung auslösen?

Buhse: Häufig ja. Sie stellen andere Anforderungen an den Arbeitsplatz der Zukunft und wollen beispielsweise nicht mehr via E-Mail kommunizieren, sondern im Social-Network. Und sie wollen ganz anders geführt werden als die Führungskräfte es bisher kennen. Vertrauen, Offenheit, Transparenz, Vernetzung - das spielt für diese Generation eine ganz wichtige Rolle.

Die Vita

Willms Buhse

  • Dr. Willms Buhse ist Enterprise-2.0-Experte und Gründer von doubleYUU, einem Beratungsunternehmen, das auf die Einführung von Prinzipien des Web 2.0 in Unternehmen spezialisiert ist. Er setzt dabei auf aktive Partizipation der Mitarbeiter - frei nach dem Motto: "Wahre Schönheit kommt von innen”.

  • Von 2003 bis 2008 saß Buhse in der Geschäftsleitung von CoreMedia, einer Beteiligung der Deutschen Telekom. Zuvor war er über fünf Jahre bei der Bertelsmann AG in Gütersloh, Hamburg und New York im Bereich Technologiestrategie tätig. Weitere Stationen seiner Karriere waren Technologie- und Strategieberatung bei Roland Berger & Partner sowie die Technologieentwicklung der Reemtsma GmbH.

  • Buhse hat einen Lehrauftrag an der Hamburg School of Business Administration und ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher. Erst kürzlich erschien von ihm die englische Version von "Enterprise 2.0 - die Kunst loszulassen".

  • Er referiert seit fast 10 Jahren regelmäßig auf internationalen Konferenzen über die Medienindustrie, Open Standards, Marketing 2.0 und Enterprise 2.0. Als Diplomingenieur und Diplomökonom der Leibniz Universität Hannover und Madrid (ICADE) promovierte Buhse Ende 2003 an der TU München.

  • 2005 und 2006 wurde er in den Kreis der "Top 50 Most influential People in Mobile Entertainment” weltweit gewählt. 2008 war er Finalist des Covergators Award in München.

CW: Die meisten Unternehmen haben aber eine lange Geschichte. Dort gibt es gewachsene Hierarchien, Regeln, fixe Arbeitszeiten etc. Mit Enterprise 2.0 hat das alles nicht viel zu tun.


Buhse: Man muss den goldenen Weg zwischen beiden Extremen finden. Einerseits sind ja auch künftig Verantwortungsstrukturen oder auch klassische Hierarchien nötig, um effizient Projekte abzuwickeln. Andererseits brauchen Sie aber Netzwerkstrukturen, die ebenso bewusst gemanagt werden müssen. Deshalb gibt es auch kein Patentrezept zur Einführung von Enterprise 2.0 - sondern es gilt sich an die jeweilige Unternehmenskultur, die strategischen Ziel und die Marktgegebenheiten individuell anzupassen.

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