Gastkommentar

"Enronitis und die Folgen"

22.02.2002
Daniel Evensen Analyst bei der Stock-World Media AG, Leverkusen

An der Wallstreet hat sich die so genannte "Enronitis" ausgebreitet. Die Pleite des US-Mischkonzerns offenbarte beispiellose Bilanzfälschungen des Managements. Angebliche Milliardengewinne wurden nie erwirtschaftet und angesehene Wirtschaftsprüfer deckten die kriminellen Machenschaften der Chefetage.

Seither werden täglich neue Schreckensmeldungen über vermeintlich dubiose Bilanzen und Unternehmen mit finanziellen Schieflagen veröffentlicht.

Dem Netzwerkausrüster Cisco wird zum Beispiel vorgeworfen, die US-GAAP-Bilanzierungsregeln äußerst aggressiv auszulegen. Cisco mache intensiv von der Möglichkeit Gebrauch, Pro-forma-Zahlen zu veröffentlichen, die außerordentliche Kosten nicht beinhalten. Diese Vorgehensweise von Cisco ist in der Tat kritikwürdig, da der Konzern durch seine zahlreichen Zukäufe, Abschreibungen oder Restrukturierungsmaßnahmen praktisch ständig "einmalige Kosten" hat. Allerdings ist die Bilanzkosmetik bei Cisco seit langem bekannt.

Bei anderen Unternehmen stört plötzlich die Komplexität der Berichte. Citigroup und AOL Time Warner würden unverständliche Bilanzen vorlegen, beschwerten sich einige Fachleute zuletzt.

Teilweise dürften Gerüchte über Bilanzmanipulationen jedoch auch gezielt gestreut werden, um die Kursentwicklung zu beeinflussen. Harley Davidson, EMC, Qualcomm, Microsoft - die Liste der "Enronitis"-Infizierten ist auffallend lang. Fest steht indes nur eines: Das Problem wäre wohl bald ausgestanden, wenn die gemeldeten Unternehmensdaten wirklich tadellos wären. Doch die Vorwürfe der Schönfärberei sind in vielen Fällen leider gerechtfertigt.

Die US-Börsenaufsicht SEC plant nun, die Kreativität der Unternehmen bei der Buchführung durch neue Regeln deutlich einzuschränken. Eine Verschärfung der Bilanzierungsrichtlinien ist zu begrüßen. Es ist allerdings zu befürchten, dass ohne Bilanzkosmetik viele Ergebnisse weit weniger attraktiv ausfallen dürften.