Digitalisierung in Zeitlupe

Energieversorger drohen abgehängt zu werden

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Die deutsche Energiewirtschaft weiß um die Notwendigkeit der digitalen Transformation, doch die Energieversorger tasten sich nur zaghaft an das Thema heran. Lieber beobachten sie erst einmal, wie Wettbewerber oder neue Herausforderer vorangehen.

Für zwölf Prozent der Unternehmen aus der Energiewirtschaft ist die Digitalisierung "das zentrale Thema", weitere 65 Prozent sprechen von einem "wichtigen Thema" - aber es gebe auch "andere, ebenso wichtige Themen". Das berichten die Berater von Ardour Consulting, die im Rahmen einer ausführlichen Studie 61 Vorstände und Geschäftsführer aus der Branche befragt haben - mehrheitlich Versorger, die einer oder mehreren Kommunen gehören. Gut die Hälfte der Befragten ist Vorstandsvorsitzender oder Geschäftsführer, 54 Prozent haben das IT-Ressort unter ihrer Fittiche.

Einsatzpotenziale der Digitalisierung in der Energiewirtschaft
Einsatzpotenziale der Digitalisierung in der Energiewirtschaft
Foto: Ardour Consulting

Was treibt die Vorstände besonders um? Rund 86 Prozent sorgen sich vor einem höheren Wettbewerbsdruck durch neue Marktteilnehmer. Dabei haben die Befragten vor allem internationale Konzerne auf dem Schirm, die neue Energiedienstleistungen entwickeln und anbieten. Genannt werden Firmen wie Google, Bosch, Samsung und Volkswagen, aber auch kleinere Startups, die beispielsweise virtuelle Kraftwerke betreiben. Hier fallen Namen wie Next Kraftwerke aus Köln und econeers aus Dresden.

Weniger Subventionen?

Drei Viertel gehen zudem davon aus, dass die Subventionen gekürzt werden dürften, und 46,6 Prozent glauben, dass die Versorger genötigt sein werden, mehr an die Eigentümer auszuschütten. Außerdem erwarten 73 Prozent, dass sie neue Geschäftsfelder erschließen müssen, um erfolgreich zu sein.

Dabei wird IT als entscheidender "Veränderungstreiber" gesehen, der etablierten Unternehmen wie Herausforderern neue Handlungsspielräume eröffnen kann. Die Befragten glauben mehrheitlich, dass sie ihr Kommunikationsverhalten gegenüber Kunden verbessern, ihre Geschäftsprozesse optimieren, sich mit externen Partnern vernetzen und die IT-Agilität erhöhen müssen.

Doch wie heißt es in der Studie: "Die gegenwärtige Praxis sieht oftmals anders aus: Jede Abteilung, jeder Bereich werkelt vor sich her." Den Aussagen der Vorstände zufolge finden die notwendigen Markt- und Technologiebeobachtungen "isoliert, überlappend und unsystematisch" statt. Selten gebe es einen bereichsübergreifenden Austausch, gemeinsame Bewertungen, Machbarkeitsstudien oder Pilotprojekte.

Den Energieversorgern ist die interne IT zu komplex

Zwei Drittel der Befragten erkennen zudem eine zu hohe Komplexität in der internen IT. Redundant vorliegende Anwendungen, veraltete IT-Systeme, konkurrierende Geschäftsprozesse etwa um Dienstleister abzurechnen - das sind Alltagsprobleme, mit denen Versorger umgehen müssen.

Die befragten Manager der Energieversorgungsunternehmen (EVU) sind - vielleicht auch aufgrund der schwierigen Ausgangssituation - überzeugt, dass die Digitalisierung ein zentrales (12 Prozent) oder wichtiges (65 Prozent) Thema ist. Andererseits bezeichnen sich gerade mal vier Prozent als "Pionier" oder "First Mover", weitere 39 Prozent sehen sich als "Early Follower" und 34 Prozent als "Late Follower".

Erstmal ein Workshop…

Geht es um den aktuellen Stand der "Digital Journey", ergibt sich ein trauriges Bild: 18 Prozent haben sich noch gar nicht damit beschäftigt, 52 Prozent sind über erste Gespräche und Workshops nicht hinausgekommen. Erste Maßnahmen angestoßen oder erfolgreich umgesetzt haben nur 19 Prozent der Vorstände.

Gap-Analyse zur Digitalisierung in der Energiewirtschaft
Gap-Analyse zur Digitalisierung in der Energiewirtschaft
Foto: Ardour Consulting

"Lediglich mittelgroße EVU scheinen der Branche ein paar kleine Schritte voraus zu sein und sich bereits intensiver mit dem Thema beschäftigt zu haben", heißt es in der Studie. Größere hätten vermutlich mit der Komplexität des Themas und ihrer IT-Organisation zu kämpfen, um unternehmensweite Ansätze für eine durchgängige Digitalisierung zu finden. Die kleineren hinken ebenfalls hinterher - vermutlich, weil sie nicht die Größe oder "kritische Masse" haben, um bestimmte Fähigkeiten aufzubauen.

Bessere Prozesse in Marketing und Vertrieb angestrebt

Welche konkreten Potenziale versprechen sich die Vorstände von digitaler Technik? Zuvörderst werden effizientere Geschäftsprozesse in wertschöpfenden Bereichen wie Marketing, Vertrieb oder Technik genannt. Es folgt die potenziell bessere Kundenbetreuung und die Vernetzung mit Lieferanten und Kooperationspartnern. Viele Befragte glauben zudem an neue IT-basierte Produkte und Dienstleistungen, etliche sogar an ganz neue Geschäftsmodelle, um dem offenbar unausweichlichen Umsatz- oder Margenverlust entgegenzuwirken.

In Sachen Kundenbetreuung erwarten knapp 80 Prozent der Befragten, dass es dringend an der Zeit sei, den eigenen Webauftritt leicht bedienbar und "responsiv" zu gestalten, so dass sich die Gestaltung der Oberfläche automatisch an die mobilen Endgeräte der Besucher anpasst. "Da draußen wächst gerade eine Generation neuer Kunden heran, die vollkommen anders mit uns kommunizieren will, als wir es bislang kennen. Wir müssen das vorausdenken", zeigt sich ein Umfrageteilnehmer einsichtig. Auch schüfen hier Künstliche Intelligenz und moderne Chat-Roboter ganz neue Voraussetzungen.