Digitalisierung in der Energiebranche

Enel-CIO hievt die IT in die Amazon-Cloud

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Der italienische Energiekonzern Enel steckt mitten in der digitalen Transformation. Weil die IT dafür flexibler und effizienter werden muss, migriert CIO Carlo Bozzoli 9500 Server und 1700 Applikationen in die Public Cloud von Amazon Web Services.

"Die Migration unserer Infrastruktur in die Cloud passt perfekt zu Enels Digital-Transformation-Strategie", sagt Carlo Bozzoli, Global CIO des größten italienischen Stromversorgers. "Sie macht das Unternehmen agiler und erlaubt es, proaktiv mit Marktveränderungen umzugehen."

Bemerkenswert am Cloud-Projekt ist vor allem dessen Umfang. Es betrifft Standorte in 30 Ländern und mehr als 9500 Server. Bozzoli schiebt dabei rund sechs Petabyte Daten auf Storage-Systeme in der Amazon Cloud. Komplex geriet das Vorhaben auch durch die rund 1700 Applikationen, die der Konzern-CIO schrittweise in die Wolke verlagert. "Enel ist der erste unter den weltgrößten Energieversorgern, der für seine Infrastruktur in vollem Umfang auf die Cloud setzt", kommentiert IDC-Analystin Roberta Bigliani. In der Regel verlagerten Unternehmen lediglich das Testing oder Entwicklungsarbeiten in die Cloud.

Enel-CIO Bozzoli: Die Cloud-Migration macht den Konzern agiler.
Enel-CIO Bozzoli: Die Cloud-Migration macht den Konzern agiler.
Foto: Enel

Cloud als Enabling-Technik für die digitale Transformation

Den Rahmen für das Großprojekt schafft die Konzernstrategie für die Jahre 2015 bis 2019. Der Energieversorger mit rund 61 Millionen Kunden will sich neue digitale Geschäftsmodelle erschließen und zugleich das existierende Business mithilfe neuer Technologien digitalisieren, sprich: Prozesse verbessern und die Effizienz steigern. Der Konzernumsatz soll um 14 Prozent zulegen, die Kosten um acht Prozent sinken. CIO Bozzoli entwickelte dazu eine IT-Strategie, die unter anderem eine komplette Umgestaltung der IT-Organisation vorsieht. Als Enabling-Technik spielt Cloud Computing dabei eine tragende Rolle.

Digital Leader aufgepasst! - Foto: IDG

Digital Leader aufgepasst!

Wie die meisten Energieversorger betreibt Enel mächtige Rechenzentren, um die benötigten IT-Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Eines der größten Data Center steht in Italien; ein weiteres RZ in Spanien nutzte der Konzern im Rahmen eines Outsourcing-Abkommens. Nach einer aufwändigen Analyse der Sourcing-Optionen entschied die Konzernleitung im Frühjahr 2015, IT-Infrastruktur künftig in Form von Cloud-Diensten zu beschaffen.

Ausschlaggebend waren laut den Enel-Verantwortlichen die Aspekte Zuverlässigkeit, Flexibilität und Skalierbarkeit, aber auch die fortgeschrittenen Automatisierungsfeatures moderner Cloud-Plattformen. Unterm Strich sprachen die Argumente klar gegen einen Eigenbetrieb und auch gegen klassische Outsourcing-Alternativen. "Cloud first" lautet die Marschrichtung in der Firmenzentrale in Rom seither, wenn es um IT-Infrastruktur geht.

Von Oktober 2014 bis März 2015 entwickelte das Team um Bozzoli ein Transformationsprogramm für die Data Center und bewertete die Angebote diverser Cloud-Provider. Aus Compliance-Gründen präferierten die Projektverantwortlichen einen Anbieter, der Rechenzentren in Kontinentaleuropa unterhält. Dass die Entscheidung im April 2015 zugunsten von Amazon Web Services (AWS) fiel, lag deshalb auch an der physischen Präsenz des US-Anbieters im Raum Frankfurt. Der Cloud-Riese punktete den Angaben zufolge aber auch mit seinem breiten Angebot an Infrastrukturdiensten sowie mit "wettbewerbsfähigen" Preisen.

Enel-Kohlekraftwerk in Genua: Der Energiekonzern steckt mitten in der digitalen Transformation.
Enel-Kohlekraftwerk in Genua: Der Energiekonzern steckt mitten in der digitalen Transformation.
Foto: Riccardo Arata - shutterstock.com

Wie die Applikationen in die Cloud kommen

Für die Migration der Infrastruktur verfolgt Enel eine mehrstufige Strategie. Im ersten Schritt etwa ging es darum, im Rahmen der "Cloud-first"-Policy sämtliche neuen Systeme "cloud-native" zu entwickeln. Die größte Herausforderung aber lag darin, vorhandene Lösungen in die Cloud zu transferieren, zumal Bozzoli parallel ein Programm zur Standardisierung und Optimierung des Anwendungsportfolios aufgesetzt hatte. In diesem Kontext sollten auch einige Altanwendungen durch Cloud-native-Systeme ersetzt werden.