Wenn das Wochenende naht

Endlich Freitag! Oder?

ist freie Wirtschaftsjournalistin in London.
Am Freitag scheiden sich in Deutschlands Büros die Geister. Chefs sehen ihn als vollen Arbeitstag, bei Mitarbeitern bricht das Wochenendfieber aus. Wir zeigen, wie der Drahtseilakt zwischen Output und Auszeit klappt.

Markus Peuler sagt einen Satz, der typisch ist für Chefs: "Freitage sind bei uns ganz normale Wochentage." Der Mit-Geschäftsführer der Fox Mobile Group in Berlin verweist auf die internationalen Verflechtungen des Klingeltonanbieters. Wenn der Arbeitstag in Berlin endet, kommen die Kollegen in Kalifornien erst ins Büro. "Gerade standortübergreifende Projekte erfordern auch an Freitagen die reguläre Anwesenheit der Mitarbeiter", so Peuler.

Für viele Mitarbeiter ist der Freitag eindeutig ein besonderer Arbeitstag. Bildquelle: Fotolia, Niceshot.
Für viele Mitarbeiter ist der Freitag eindeutig ein besonderer Arbeitstag. Bildquelle: Fotolia, Niceshot.
Foto: Fotolia, Niceshot

Stimmt das? Sind Freitage tatsächlich normale Arbeitstage? Weit gefehlt. Der letzte Wochenarbeitstag wirft vielmehr Probleme auf. Die Herausforderung lautet: Wie lassen sich Freitage so gestalten, dass gleichzeitig die Beschäftigten bei Laune und die Arbeitsleistung im Soll gehalten werden? "Im Freitag liegt innerbetrieblicher Zündstoff für Diskussionen", sagt Christian Schlottfeldt, Arbeitsrechtler und Consultant bei der Berliner Arbeitszeitberatung Dr. Hoff Weidinger Herrmann. Das Problem der Betriebe ist schnell umrissen: Arbeitnehmer wollen früh in den Feierabend starten, Arbeitgeber wollen auf den Umsatz nicht verzichten.

Lange Zeit setzte ein Großteil der Unternehmen auf das Modell Gleitzeit. Das Problem: "Gleitzeitregelungen wurden von den Mitarbeitern vor allem dazu genutzt, besser ins Wochenende zu gleiten. Ab Freitagmittag war keiner mehr erreichbar", erzählt Gerhard Bosch, Leiter des Instituts Arbeit und Qualifikation in Gelsenkirchen (IAQ). Das hat sich mittlerweile geändert. Heute hält - der Kundenorientierung sei Dank - oft eine Grundbesetzung bis 18 Uhr die Stellung.

Dienstag mit Freitag vergleichen

Doch Anwesenheit allein reicht nicht immer aus. 28 Prozent ihrer Zeit, so errechnete die Frankfurter Produktivitätsberatung b-k-p Consulting mit Daten aus 24 Firmen, verplempern Angestellte freitags mit Unproduktivem wie etwa Kollegentratsch ("Und? Schon Pläne fürs Wochenende?"). Dienstags oder mittwochs verbummeln die Mitarbeiter nur die Hälfte der Zeit mit solchen Aktivitäten. B-k-p-Geschäftsführer Thomas Kremer empfiehlt IT-Chefs, die Ergebnisse des Teams an allen Wochentagen zu messen. Im First-Level-Support etwa kann man die Zahl der bedienten Kunden vor Ort oder am Telefon zählen. Bei Projekten lassen sich die dem Kunden abgerechneten Stunden kontrollieren. Kremer rät, sich an den Kollegen aus der Produktion ein Beispiel zu nehmen. Dort liege die Produktivität freitags genauso hoch wie an anderen Wochentagen.

Kaum Zahlen bekannt

Derartige Berechnungen stellt sonst kaum jemand in Deutschland an. Erstaunlicherweise führen weder Statistikbehörden noch Arbeitgeberverbände oder die Betriebe selber Buch über ihre Produktivität nach Wochentagen. Auch die Aufteilung von Telearbeit und Teilzeit zwischen Montag und Freitag bleibt hierzulande im Dunkeln. "Bei Tarifverhandlungen wird lang und breit über dreiprozentige Arbeitszeiterhöhungen debattiert", so Kremer, "dabei könnte man viel mehr Produktivität erreichen, wenn an den Randtagen Montag und Freitag produktiver gearbeitet würde."

Die Unternehmen selber sehen freilich keinen Handlungsbedarf. Sie appellieren vielmehr an die eigenverantwortliche Zeiteinteilung ihrer Mitarbeiter. Beispiel allesklar.com: "Wir erwarten, dass unsere Mitarbeiter 40 Stunden in der Woche arbeiten. Wie sie das einteilen, ist weitgehend ihnen überlassen", so Manfred Stegger, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Internet-Medienunternehmens in Siegburg bei Bonn.

Ähnlich klingt es auch aus anderen Branchen. Fragt sich nur, wer dann eigentlich die Staus an Freitagnachmittagen verursacht. Denn die nachmittägliche Stoßzeit ist nach Berechnungen des ADAC an Freitagen bereits zwei Stunden früher erreicht als an anderen Wochentagen - nämlich schon gegen 15.30 Uhr statt zwischen halb sechs und sechs.

Das Wochenendfieber bricht jedoch nicht nur auf den Autobahnen aus, sondern genauso auf den Chefetagen der Unternehmen. "Auch viele Manager empfinden es als Opfer, am Freitag genauso lange arbeiten zu müssen wie an anderen Wochentagen", sagt Arbeits- und Wirtschaftssoziologe Bosch vom IAQ. Der Freitagnachmittag gilt auch IT-Führungskräften als Tor ins Wochenende. "Trotzdem harren viele von ihnen am Schreibtisch aus, um durch die abgesessenen Stunden ihre Unersetzlichkeit zu demonstrieren", so Bosch.

"Wer Karriere machen will, kann es freitagabends am besten zeigen", sagt Arbeitszeitberater Schlottfeldt. "Da zählt es in den Augen der Chefs doppelt - nach dem Motto ,Mensch, Herr Müller opfert sogar sein Wochenende`." Die üblichen Spielchen sind bekannt: Möglichst spät am Freitagabend geht noch eine E-Mail an einen Kunden raus - im cc selbstverständlich der Chef und möglichst viele Kollegen. ("Respekt, Herr Kollege, freitags um neun Uhr abends noch im Büro!")