Grid von Slack

Endlich ein Enterprise-geeignetes Produkt?

Maximilian Hille ist Analyst des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research. Seine inhaltlichen Schwerpunkte sind Cloud Computing, Social Collaboration und Mobile Innovations.
Mit der Ankündigung der Enterprise-Plattform Grid hat Slack einen weiteren Schritt zu einem echten Enterprise-Angebot gemacht. Dennoch sollten die Entscheider aufpassen.
Slack Enterprise Grid macht die Plattform etwas mehr “enterprise-ready”
Slack Enterprise Grid macht die Plattform etwas mehr “enterprise-ready”
Foto: Crisp Research AG, 2017

In den letzten drei Jahren ist Slack vom kleinen Chat-Startup zu einem der heißesten Collaboration-Anbieter im Markt geworden. Getrieben von einer guten Idee zur rechten Zeit, guter Usability und einem frischen Image konnte Slack schnell die Gunst vieler User gewinnen, die zum Teil auch ohne Erlaubnis und Projekt der IT-Abteilung und Unternehmensführung ihre virtuellen Meeting-Räume eröffnet haben. Heute zählt Slack über fünf Millionen täglich aktive Nutzer, 1,5 Millionen zahlende Nutzer und besitzt eine Firmenbewertung von knapp vier Milliarde Dollar.

Die jüngste Ankündigung vom 31. Januar 2017 ist die wohl größte und wichtigste, die Slack – um es vorweg zu nehmen – zumindest noch einen Schritt näher an einen Technologie-Anbieter für Enterprise-Unternehmen bringt.

Denn mit Slack Grid kommen neue Admin-, Security- und Machine Learning-Funktionen hinzu, die aus der integrierten, aber dennoch schlanken, leichtgewichtigen Chat Plattform etwas mehr ein echtes Business-Angebot formen.

Unter anderem dienen die neuen Features dazu, die integrierten Apps (mittlerweile über 900 von verschiedenen Anbietern) noch besser über die Plattform nutzen zu können, die Suchfunktion zu optimieren und Intelligenz und selbstständiges Lernen des Bots zu vertiefen. Weitere Analytics-Funktionen auf dieser Basis wurden angekündigt, kommen aber erst im Laufe des Jahres für die Nutzer auf die Plattform.

Stärkere Ausrichtung an Enterprise-Anforderungen

Was Slack bislang aber vor allem gefehlt hat, war eine echte Enterprise-Ausrichtung. Das Startup-Image einer neuen Kommunikationsplattform war der ideale Einstieg, um schnell und auch an üblichen Compliance-Richtlinien vorbei in die Unternehmen zu gelangen, jetzt ist es allerdings an der Zeit gewesen, die primäre User-Schicht zu verlassen und auch im Interesse der Unternehmen zu denken und das Produkt bzw. die Business-Variante entsprechend auszugestalten:

  • Administration: Bislang waren Gruppenmitglieder bei Slack alle gleichberechtigte Administrationen. Neue Mitglieder, Rechte, Channels, Apps und Dateien unterlagen der Verwaltung aller. Fortan gibt es für die Grid-Variante eine Admin-Oberfläche, welche die Mehrheit der o.g. Aufgaben einer zentralen Instanz zuordnet. So können nicht nur mehrere und gemessen an der Personenzahl große Teams und Gruppen einheitlich verwaltet werden, sondern vor allem auch Zugriffsrechte und Richtlinien zentral gemäß der Unternehmensvorgaben verwaltet werden.

  • Sicherheit: Neben der ohnehin schon standardmäßig gebotenen End-to-End-Verschlüsselung kommen auch mit Hilfe der Partnerangebote weitere Features, wie insbesondere Identity-Management, Data Loss Prevention (DLP), eine Form von E-Discovery sowie Backup-Funktionen.

  • Organisation & Struktur: Slack Grid ist explizit für große Unternehmen ausgerichtet. 500 bis 500.000 Mitarbeiter sollen über die Plattform vernetzt werden können. Die neue Oberfläche erlaubt es, so viele Benutzer wie gewünscht zentral hinzuzufügen. Außerdem können eigene Workspaces und Kategorien leichter erstellt und besser administriert werden. Dies sorgt dafür, dass die Oberfläche für die Nutzer immer gleich bleibt, im Hintergrund aber mehr kontextbasierte Business-Logik verankert werden kann, ohne dass die Integration aller Anwendungen dabei eingeschränkt wird.

Zusätzlich dazu intensiviert Slack auch seine Partnerschaften zu anderen Technologie-Unternehmen und Dienstleistern. Mehrere Millionen Dollar werden pro Jahr über den eigenen Slack Fund in Startups investiert. Darüber hinaus werden auch die Partnerschaften mit etablierten Playern intensiviert. Zusätzlich zu den bestehenden kommt nun auch SAP hinzu, die insbesondere die Chatbot-Technologien von Slack in die eigene Produktfamilie um HANA integrieren möchten.

Market Quick Check – Wer kommt, um zu bleiben?

Slack ist aber bei weitem nicht mehr der einzige Anbieter, der sich in diesem Markt bewegt. Wenn auch die Marketing Power und das Momentum derzeit noch klar für den Brand spricht, gibt es zumindest eine Reihe potentieller Konkurrenten, die ebenfalls auf der Startrampe für Chat-based Workspaces und neue Kommunikationsplattformen rund um Chatbots und Machine Learning stehen.

Neben den üblichen Verdächtigen wie Cisco (Spark), IBM (Connections), Microsoft (Teams) oder auch SAP, Salesforce und VMware mit ähnlichen Angeboten, sind viele verschiedene Anbieter derzeit in einer spannenden Entwicklungsphase. So hat auch Facebook seine Enterprise Version Workplace zunehmend als integrierte Chat-Plattform weiterentwickelt.

Der Markt für Chat-based Workspaces und Kommunikationsplattformen rund um Chatbots und Machine Learning wächst.
Der Markt für Chat-based Workspaces und Kommunikationsplattformen rund um Chatbots und Machine Learning wächst.
Foto: Crisp Research AG, 2017

Daneben gibt es aber auch spezialisiertere Anbieter wie Jive, Circuit, BlueKiwi oder Atlassian, die mit unterschiedlichen Ansätzen dennoch die ähnliche Idee der Chat-based Workspaces verfolgen. Letzterer, Atlassian, hat beispielsweise erst kürzlich den Collaboration- und Projektmanagement-Anbieter Trello gekauft, um das Portfolio zu erweitern und nach eigenen Angaben konkret Business Riesen wie Microsoft zu attackieren.

Wohin geht die Reise die kommenden Monate – Auch Slack ist noch nicht am Ziel angekommen

Als Microsoft seine Lösung Teams vorgestellt hat, verfiel Slack mit einer vollen Print-Seite auf der New York Times mit einem offenen Brief an Microsoft der Versuchung, die Aufmerksamkeit schnell auf sich zu lenken. Wenngleich dies erfolgreich war, wirkte die Aktion für den ein oder anderen entgegen des Inhalts der Anzeige wie ein Hilferuf.

Nun aber, mit dem Grid-Announcement, zeigt sich, dass Slack schon damals genau wusste, dass eine kleine Abkehr vom Startup-Image hin zum Enterprise-Technologie-Lieferanten folgen wird.

Und wenngleich sich Microsoft und Co. sicher sein können, dass Enterprise Grid nicht der Weisheit letzter Schluss ist und damit die einzig wahre Chat-Plattform begründet wurde, wird diese Ankündigung schon für kleines Kopfzerbrechen sorgen.

Denn was nun offensichtlich ist, dass Slack die Strategie ein wenig verändern wird und viele der eigentlichen Zielkunden von Microsoft und Co. auf die Alternative setzen könnten. Dass dieses Szenario nicht abwegig ist, zeigt vor allem ein unerwartet aktiver Slack-Referenzkunde. 30.000 Mitarbeiter von IBM nutzen Slack und waren innerhalb der Testphase von Slack Grid stark beteiligt. Noch heute ist das Unternehmen überzeugt, obwohl mit Connections und Watson ebenfalls zwei Technologien bereitstünden, die Chat und Bot-Technologien verbinden können (ist allerdings derzeit nicht standardmäßig verfügbar).

Dennoch und trotz aller Euphorie muss Slack sich auch früher oder später eingestehen, dass eine One-Size-Fits-All-Lösung nicht alles ist. Zum einen müssen spezifische Branchen mit ganz speziellen Anforderungen adressiert werden. Hier ist auch die Chance für den ein oder anderen Newcomer unter dem Radar, sich schnell für eine bestimmte Klientel zu positionieren, bevor Slack auch hier nachzieht. Daneben bleiben auch auf der Feature-Seite noch einige Möglichkeiten, das Portfolio auszubauen. Ganz besonders im Umfeld von Chatbots und digitalen Assistenten sind hier noch einige Potentiale nicht ausgeschöpft.

Für die deutschen Entscheider hat Slack vor allem auf der länderspezifischen Ebene noch einiges an Individualisierungs- und Anpassungsbedarf. Gerade viele Entscheider deutscher Unternehmen sind auf Basis dieser Ankündigungen sicherlich bei weitem noch nicht überzeugt. Denn Slack stellt derzeit zwar die geeignete Administrations-Fähigkeit sicher, um tatsächlich „business-ready“ zu sein. Die Standard-Policies und Security-Features genügen aber derzeit vor allem den US-amerikanischen Standards.

Insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele der Entscheider derzeit und zukünftig prüfen, derlei Plattformen als Standard-Medium zum Austausch der fast gesamten Intellectual Property des Unterenhmens einzusetzen, genügen DLP, Verschlüsselung, Back-Up-Funktionen und ein umstrittenes eDiscovery-Feature nicht. (mb)