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Das "andere" soziale Netzwerk

Ello bekommt weitere 5 Millionen Dollar - und eine App

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Das Startup Ello ist als eine Art werbefreier Gegenentwurf zu Facebook angetreten. Es hat jetzt weitere 5 Millionen Dollar Finanzierung bekommen - und seine iPhone-App so gut wie fertig.

Das berichtet der "Observer". Ello ist tatsächlich so etwas wie gemeinnützig und hat sich verpflichtet, niemals bezahlte Werbung anzuzeigen, Nutzerdaten zu verkaufen oder die Firma an jemanden zu veräußern, der so etwas tun würde. Trotzdem braucht Ello natürlich Geld, zum Beispiel für seine Infrastruktur und Weiterentwicklung. Aktuell hat die mittlerweile rund 30-köpfige und auf zwei Standorte verteilte Company dafür noch einmal 5 Millionen Dollar angenommen. Mittelfristig soll ein Freemium-Geschäftsmodell für Einnahmen sorgen - Nutzer dürfen dann für Extra-Features wie gleichzeitige Anmeldung mit mehreren Konten oder ein invertiertes Farbschema einen einmaligen Obolus entrichten.

Die Ello-App für das iPhone steht in den Startlöchern.
Die Ello-App für das iPhone steht in den Startlöchern.
Foto: Ello

"Angesichts unserer wachsenden Nutzerzahl äußern die Menschen das Verlangen nach einen werbefreien Netzwerk, wo personenbezogene Daten nicht gekauft oder verkauft werden, um Profit zu machen", erklärt Mark Solon, Managing Partner bei Techstars und Ello-Investor. "Das ist die These für unser Investment: Dafür sind die Leute bereit zu zahlen."

Ello ist auch nach einem halben Jahr mit einer Menge anfänglichem und mittlerweile abgeflautem Hype weiter eine Produkt-Dauerbaustelle (und immer noch nur auf Einladung zugänglich). "Der Anfangserfolg ist für Ello beinahe ein Fluch, weil gar nicht dazu kamen, die reichen Features auszurollen, die Ello für die breite Masse interessant gemacht hätten", sagt Solon. "Der Medienrummel und der resultierende Erwartungsdruck waren für eine Firma im Beta-Stadium nicht fair."

Die Ello-Entwicklerteams sitzen für das Front-end in Vermont und für das Back-end in Colorado. Gemeinsam haben sie das Netzwerk komplett neu geschrieben. "Ello V2" soll im Laufe der kommenden Woche sukzessive für die komplette Nutzerbasis ausgerollt werden. Zu den Neuerungen gehören ein Vollbildmodus, private Nachrichten und Gruppen, die Möglichkeit, Posts zu "lieben", eine robustere Suche sowie last, but not least Kommentare mit Fotos und Videos. Die mobile App - für Solon die schönste Social-App, die er je gesehen hat - soll Ende Mai erscheinen.

Ello-Gründer Paul Budnitz ist übrigens dem Bericht zufolge eine Art verrücktes Genie. Budnitz war der erste, der je einen Spielfilm an einem Computer geschnitten hat. Kunst von ihm findet sich in der Dauerausstellung des MoMA in New York City. Und mit unter anderem Kidrobot und Budnitz Bicycles hat er mehrere erfolgreiche Firmen gegründet. "Da ist eine Menge Steve Jobs drin", bescheinigt Geldgeber Solon. "Er ist brilliant und er ist verrückt - auf gute Weise verrückt. Und Menschen wie Paul sind verrückt genug, um die Welt zu verändern."