Gartner rät CIOs

Einfluss statt Kontrolle - Vertrauen statt Paranoia

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Nexus of Forces und Consumerization waren vorgestern, Digitalisierung ist ebenfalls schon "Second Season". In diesem Jahr ruft Gartner auf seinem europäischen Symposium IT/Expo das "algorithmische Business" aus. Und das bedingt - Überraschung! - auch wieder eine Rollenveränderung für den CIO.

Big Data bringt nichts. Mit diesem Statement konnte Peter Sondergaard, Senior Vice President Gartner Research, das Auditorium nur noch milde überraschen. Denn inzwischen hat sich das Wort des Jahres herumgesprochen: "Algorithmus". Nicht in den Daten oder ihrer bloßen Analyse liege der Mehrwert, sagte Sondergaard bereits auf dem Gartner-Symposium in Orlando, sondern in der Art und Weise, wie Daten in Aktion umgesetzt werden, also den Algorithmen und darauf basierenden "smarten Agenten". Die werden, so Sondergaard, spätestens 2020 die heute noch üblichen Apps ersetzen.

Algorithmen - Was soll das denn jetzt? - Diese Handlungsanweisungen für Softwareprogramme kennt die IT-Industrie doch bereits seit Anbeginn ihrer Zeit. Bislang hielt sie außerhalb der Entwicklergemeinde kaum jemand auch nur der Erwähnung wert. Und die sollen jetzt plötzlich eines der wertvollsten Unternehmens-Assets sein?

Ja und nein! Für sich genommen ist auch der Wert eines Algorithmus überschaubar. Entscheidend ist, was die Unternehmen damit anstellen: Geben, nehmen und verbreiten. Und hier kommt der CIO ins Spiel. Er sollte sich und seinen Verantwortungsbereich nicht allein über sein Unternehmen definieren, sondern sich als Teil eines wirtschaftlichen Ökosystems betrachten.

Besser verbreitet als diskret

Für die Algorithmen bedeutet das: Besser, als sie geheim zu halten, ist es, sie zu teilen und dafür zu sorgen, dass sie sich verbreiten. Zwei Beispiele dafür nannte Daryl Plummer, Vice President und Fellow bei Gartner: Der Elektroauto-Pionier Tesla habe seine "Supercharger"-Technik für den Mitbewerb freigegeben, das Investment-Bankhaus Goldman Sachs seinen Handelsalgorithmus veröffentlich - beide in dem Bestreben, einen Standard für die jeweilige Branche zu schaffen: "Auf diese Weise kann es viel lukrativer sein, etwas zu verschenken als es für sich zu behalten", sagte Plummer.

Daryl Plummer stellte Beispiele für das Sharing-Prinzip vor.
Daryl Plummer stellte Beispiele für das Sharing-Prinzip vor.
Foto: Gartner

Der CIO sollte verstehen, dass Beziehungen und Verbindungen herzustellen ein wesentlicher Teil seines Beruf sind. Damit verliert er zwar an Kontrolle, aber er gewinnt an Einfluss. Und der sei - im Gegensatz zur Kontrolle - skalierbar, konstatierte Sondergaard.

Digital Leader aufgepasst! - Foto: IDG

Digital Leader aufgepasst!

Indem er darauf abzielt, seinen Einfluss auszuweiten, statt Kontrolle auszüben, steige der CIO vom bloßen "Partner" zum "vertrauenswürdigen Verbündeten des Business" auf, ergänzte Lee Weldon, Managing Vice President bei Gartner. Und nur in dieser Position könne er der "Herr über alle digitalen Initiativen" im Unternehmen werden - eine Rolle übrigens, die Gartner vor zwei Jahren noch dem "Chief Digital Officer" zuschustern wollte.

Drei Tipps an CIOs

Dazu gab Plummer den CIOs noch drei Ratschläge mit auf den Weg. Sie lauten sinngemäß:

  1. Lernen Sie loszulassen. Trennen Sie sich von allem, was niemand mehr will oder braucht. Legacy ist kein Schicksal, sondern ein Mangel an Entscheidungskraft.

  2. Man muss nicht alles selbst machen. Ownership für Algorithmen und Prozesse ist sinnvoll, weil die Verantwortung damit klar ist. Andererseits muss einem nicht alles "gehören", was man einsetzt.

  3. Überwinden Sie Ihre Abneigung gegen die Cloud. Die ist erwiesenermaßen sicherer als ein On-Premise-System. Und die Angst vor dem Patriot Act sei in diesem Zusammenhang ebenfalls unsinnig, denn entscheidend für die Neugier der US-Behörden sei nicht, wo die Daten gespeichert sind, sondern mit wem man Geschäfte mache. (sh)