Barc-BI-Kongress

Eine neue Ära der Business Intelligence bricht an

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Die immer stärker um sich greifende Digitalisierung von Geschäftsmodellen und Prozessen erfordert eine tiefere Verankerung von Business Intelligence (BI) in den operationalen Abläufen der Unternehmen, stellen die Analysten von Barc fest. Doch um ein datengetriebenes Unternehmen zu werden, müssten viele Firmenlenker noch etliche Hausaufgaben erledigen - technisch wie organisatorisch.

"Die Digitalisierung von Geschäftsmodellen und Prozessen wird immer weiter um sich greifen", prognostizierte Carsten Bange, Geschäftsführer des Business Application Research Center (Barc), anlässlich der Eröffnung seines BI-Kongresses am 18. November in Frankfurt am Main. Für seine These führte der IT-Experte verschiedene Belege an. Beispielsweise drehe sich im Zusammenhang mit selbstfahrenden Autos alles um deren Steuerung. Aspekte wie der Motor oder das Chassis, Bereiche in denen gerade die deutsche Automobilindustrie ihre Stärken habe, spielten in Zukunft nur mehr eine untergeordnete Rolle. Das zweite Beispiel: Im Handel würden sich zukünftig vermehrt dematerialisierte Shop-Umgebungen breit machen, also virtuelle Auslagen ohne Waren und Lager dahinter - beispielsweise in Bahnhöfen -, in denen Kunden die gewünschten Produkte über ihr mobiles Device orderten und diese dann nach Hause geliefert würden.

Carsten Bange, Geschäftsführer des Business Application Research Center (Barc)
Carsten Bange, Geschäftsführer des Business Application Research Center (Barc)
Foto: Barc

Dies seien nur zwei Beispiele unter vielen, sagte Bange. "Jede Branche ist betroffen". Er identifizierte die Digitalisierung als einen maßgeblichen Treiber für die tiefere Verankerung des operationalen BI in den Prozessen der Unternehmen. Denn im Zuge der Digitalisierung resultiere die Wertschöpfung weitgehend aus Daten. "Am Ende steht das datengetriebene Unternehmen."

Unternehmen brauchen eine Informationskultur

Doch davon sind die meisten Unternehmen offenbar noch ein ganzes Stück weit entfernt. Beispielsweise habe eine Barc-Untersuchung zum Thema "Information Culture" ergeben, das etwa vier von zehn Unternehmenslenkern mehr als die Hälfte ihrer Entscheidungen nach wie vor aus dem Bauch heraus träfen, berichtete Bange. Auch die Verbreitung von BI-Tools in den Organisationen hinkt allem Anschein nach den Erwartungen hinterher. Mit Bezug auf die eigenen BI-Surveys berichtete Bange, dass der Anteil der BI-Nutzer in den Unternehmen zwischen 2010 und 2012 zwar leicht von knapp zehn auf elf Prozent gestiegen sei, dann aber im Folgejahr stagnierte und 2014 sogar eine leicht rückläufige Tendenz aufweise. "Dieser Trend ist ein Alarmsignal", warnt der BI-Spezialist. Auf der einen Seiten würden viele Unternehmen ihre BI- und Analytics-Strategien forcieren, doch erreichten diese Programme offensichtlich immer weniger Anwender.

An dieser Stelle müssten die Verantwortlichen gegensteuern, fordert der Barc-Geschäftsführer. Informationen sollten einfacher und leichter zur Verfügung gestellt werden. Dafür müsste beispielsweise die Bedienung der BI-Systeme vereinfacht und die Ergebnisse der Analysen verständlicher präsentiert werden. Unternehmen sollten in diesem Zusammenhang dem Information Design einen höheren Stellenwert einräumen. Außerdem würden Aspekte wie das "Data-Storytelling" immer wichtiger, stellte Bange fest. "Es geht schließlich darum, mit den Daten eine Nachricht zu transportieren."

Prozesse im Blick behalten

Für eine stärkere Akzeptanz der BI-Systeme im Kreis der Unternehmensmitarbeiter könnten darüber hinaus flexiblere Nutzungsmöglichkeiten sorgen, beispielsweise im mobilen Umfeld. Zudem gehe es darum, die Analysemöglichkeiten zu erweitern, forderte der Barc-Experte und führte an dieser Stelle Aspekte wie verbesserte Visualisierungsmöglichkeiten, Big Data sowie genauere Prognosen mit Hilfe von Predictive Analytics an.

Doch zunächst müssten die Verantwortlichen ihre Aufmerksamkeit auf das Monitoring der aktuellen Prozesse richten, mahnte Bange und forderte von den Unternehmen mehr Anstrengungen hinsichtlich eines Prozess-orientierten BI. Wenn es gelinge, die aktuellen Abläufe mit Hilfe von Realtime Dashboards beziehungsweise Systemen für das Complex Event Processing (CEP) genauer im Blick zu behalten, ließen die Organisationen auch besser und zielgerichteter steuern. Dafür brauche es allerdings stärkere Automatismen, um die Ergebnisse aus den analytischen Systemen in konkrete Maßnahmen umzusetzen. "Unternehmen müssen Entscheidungsmaschinen in ihre Abläufe implantieren", empfiehlt Bange.

Datenarchitekturen im Umbau

Angesichts dieser Entwicklungen würden sich die BI- und Daten-Management-Umgebungen der Unternehmen in den kommenden Jahren deutlich verändern, ist sich Bange sicher. Künftig müssten beispielsweise keine Daten mehr weggeworfen werden. Niedrige Speicherkosten und Systeme wie das Framework Hadoop erlaubten es, sämtliche Daten aufzuheben, auch wenn die Verantwortlichen derzeit noch keine Idee hätten, was sie damit einmal anfangen sollten. Firmen, die ihre Daten schon seit ein oder zwei Jahren sammelten, könnten heute bereits die ersten Früchte ernten, berichtete der Barc-Chef aus seiner Praxiserfahrung. Aus technischer Sicht werde darüber hinaus das Thema Datenintegration zunehmend an Relevanz gewinnen. Außerdem würden sich analytische (OLAP) und transaktionale (OLTP) Systeme immer mehr ineinander verzahnen.

Neben der Technik müssten sich die Unternehmen auch in ihrer Organisation und Aufstellung hinsichtlich der künftigen BI-Nutzung neu orientieren. Analysethemen würden in Zukunft noch stärker aus den Fachabteilungen heraus getrieben, ist sich Bange sicher. Die klassische Rollenverteilung zwischen IT- und Fachabteilung werde so nicht mehr lange Bestand haben.

Foto: Barc

Best Practices Awards 2014

Im Rahmen des BI-Kongress hat das Business Application Research Center zudem die "Best Practice Awards Business Intelligence und Analytics 2014" vergeben. In den beiden Kategorien Mittelstands- und Konzernprojekte traten in Frankfurt am Main jeweils drei Anwenderunternehmen im Finale an.

In der Kategorie Mittelstand gewann Sennheiser den diesjährigen Best Practice Award und verwies die weiteren Finalisten Tobaccoland und Roeser Medical auf die Plätze. Der Soundspezialist überzeugte mit seinem BI-Projekt "Polaris", das spezifischen Anwendergruppen dediziert die von ihnen benötigten Informationen, Dashboards und Apps zur Verfügung stellt. Eingebettet ist Polaris in eine bereits seit Jahren laufende "Roadmap BI", die eine höhere Transparenz und verbesserte Entscheidungsgrundlagen zum Ziel hat.

In der Kategorie Konzernprojekte entschied der Versandhändler Otto das BI-Finale für sich und setzte sich damit gegen Festo und die Sparkassen Versicherungen durch. Der Versandhändler, der die Transformation von einem klassischen Kataloghändler ins Internet-Zeitalter im Gegensatz zu manch anderen Handelshäusern offenbar gut gemeistert hat, präsentierte ein Prognoseverfahren, mit deren Hilfe sich der Absatz von Produkten exakter vorhersagen lässt. Damit lassen sich die Kundenzufriedenheit erhöhen, indem die nachgefragte Ware auch verfügbar ist, und zudem erhöhter Lagerbedarf vermeiden, wenn zu viel eingekaufte Ware aufbewahrt werden muss. Neben der genaueren Absatzprognose erlauben die neuen Modellierungs- und Steuerungsinstrumente den Otto-Verantwortlichen mit "Dynamic Pricing" mehr Möglichkeiten bei der Preisgestaltung und -findung sowie eine Optimierung bei den Retouren.