Smart Living

Eine Messehalle unter Strom

Alexander Freimark
Alexander Freimark ist freier Journalist in Bad Aibling.
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Smarte Stromnetze und Wohnungen sind die Zukunft. Ohne IT-Unterstützung löst sich die Vision aber rasch in Luft auf. In Halle 19 zeigen innovative Aussteller, wie die Welten nahtlos und nachhaltig zusammenwachsen.

Strom, lange Jahre als austauschbares Gut „aus der Steckdose“ abgetan, erlebt eine Renaissance. Der Markt und die Nachfrage sind in Bewegung, Unternehmen sehen sich mit veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert, innovative Technologien auf der Erzeugerseite üben Druck auf die klassischen Netzbetreiber aus. Neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten brechen die alten Strukturen auf und leiten Wettbewerb auf allen Ebenen ein. Das Wissenschaftsjahr 2010 war das „Jahr der Energie“, und 2011 wird dem Trend auf der CeBIT erneut Rechnung getragen.

Die Häuser der Zukunft werden intelligent.
Die Häuser der Zukunft werden intelligent.
Foto: Deutsche Telekom

Entscheidend für die Akzeptanz der smarten Lösungen durch den Verbraucher sind das Einsparpotenzial, die Mehrwertdienste und der Benutzerkomfort. Überhaupt ist der Kunde der Schlüssel zum Erfolg, denn die Barrieren für einen Wechsel des Lieferanten sinken. Reichte früher mit der Abrechnung ein einziger Kontakt pro Jahr aus, um die Beziehung zu erhalten, sind heute andere Werte gefragt: Kunden wollen mehr Transparenz über ihren Verbrauch und die Preise, und auch Gewerbekunden reicht das klassische Lastgangprofil einmal pro Monat nicht mehr aus. Lastvariable und tageszeitabhängige Tarife sollen Kunden anregen, ihren Verbrauch bewusst zu steuern, um ihn letztlich durch intelligente Technik zu reduzieren – das geht nur, wenn mehr Informationen als bisher zur Verfügung stehen.

Damit smarte Technik und Transparenz möglich werden, muss die Energiewirtschaft in Vorleistung gehen. Laut Greenpeace kostet die Modernisierung der europäischen Stromnetze zum „Smart Grid“ über 200 Milliarden Euro, andere Beobachter gehen von noch höheren Summen aus. Der Trend zur dezentralen Stromerzeugung und Einspeisung stellt traditionelle Netze vor Probleme, große gewerbliche Verbraucher können heute selbst als Erzeuger auftreten. Hinzu kommen eine Vielzahl von Kleinstkraftwerken in privater Hand sowie der Bedarf, Strom zwischenzuspeichern oder über weitere Distanzen als bisher zum Abnehmer zu übertragen – Stichworte sind „Solarkraftwerk in der Wüste“ und „Windpark vor der Küste“.

Auch im direkten Kundenkontakt muss sich einiges tun, wenn sich der Rechnungsempfänger von einst zum mündigen Energie-Manager entwickeln soll. Schließlich liegt der Mehrwert für den Verbraucher nicht im Produkt Strom, sondern in den begleitenden Services. Dies erfordert Investitionen in die Kundenansprache, also in CRM-Lösungen, in Prozesse und die Integration der Daten über die Wertschöpfungskette. „Die Energieversorger stehen vor der enormen Herausforderung, sehr schnell flexible und verständliche Tarife auf den Markt zu bringen, sonst verlieren sie viele zahlungskräftige Kunden“, warnte im vergangenen Jahr schon Martin Jetter, Präsidiumsmitglied des IT-Branchenverbands Bitkom.

Das CeBIT-Musterhaus

Um das breite Spektrum der intelligenten Heimvernetzung und der smarten Netze zu veranschaulichen, zeigt die CeBIT in Halle 19 als Sonderschau ein technologie- und generationsübergreifendes Musterhaus mit den drei Wohnszenarien "Single", "Familie" und "Best Ager" auf einer Grundfläche von über 200 Quadratmetern. Hier können sich Besucher an konkreten Beispielen über Nutzen und Technologien informieren. Visionen für das Jahr 2020 werden im Obergeschoss des Hauses präsentiert. Umgesetzt wurde die Sonderschau in Zusammenarbeit mit dem Innovationszentrum Connected Living. Neben Alcatel-Lucent, der AOK, der Bundesdruckerei, Cisco und der Deutschen Telekom sind dort unter anderem Firmen wie E.ON Metering, EnBW, Loewe, Miele und Vattenfall organisiert.

Intelligente Stromablesung per E-Metering zuhause.
Intelligente Stromablesung per E-Metering zuhause.
Foto: Deutsche Telekom

Traditionelle IT-Systeme und Prozesse sind häufig zu starr für die neuen Anforderungen, innovative Geschäftsmodelle und Best Practices haben sich noch nicht etabliert. Auch Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit müssen geklärt werden, ebenso die Einbindung externer Partner und Dienstleister. Die Strom- und IT-Netze müssen aber nicht nur beim Energielieferanten zusammenwachsen, sondern auch beim Kunden. Voraussetzung für die Transparenz sind intelligente Zähler, neudeutsch „Smart Meter“. Sie speichern und übertragen Messdaten, zeigen sekundengenau Strompreise an und sollen als Grundlage für die Hausautomatisierung dienen.

Allerdings: Laut einer Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Jahr sind nur 18 Prozent der befragten Verbraucher bereit, hierfür Geld zu bezahlen. Jeder Fünfte lehnt ein derartiges Messgerät ab. Und wenn EU-Kommissar Günther Oettinger – wie im Februar geschehen – davor warnt, dass der Ausbau der Netze die Energiekosten für Bürger in die Höhe treiben wird, ist das sicher nicht förderlich für die Akzeptanz. Zudem sind die Herausforderungen und Vorteile der Heimvernetzung bei vielen Bürgern noch gar nicht bekannt, und der Beratungsbedarf auf allen Seiten ist immens. Gerade eine Messe wie die CeBIT kann da helfen, das diffuse Bauchgefühl mit handfesten Entscheidungskriterien zu unterfüttern.

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