I Forgot My Phone

Ein Video wider die Smartphone-Obsession

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
2007 hat Apple den Smartphone-Boom so richtig losgetreten. Heute, sechs Jahre später, hat der längst unschöne Formen angenommen.

Das fällt insbesondere auf, wenn man öffentliche Verkehrsmittel benutzt: Immer mehr Menschen starren die ganze Zeit über nur noch auf den kleinen Bildschirm ihres Telefons oder drücken hektisch mit beiden Daumen auf ihrem virtuellen Tastatürchen herum. Dabei haben sie oft noch irgendwelche Kopfhörer in den Ohren stecken oder darauf sitzen. Niemand schaut mehr den anderen an oder unterhält sich.

Das selbstverständliche Hantieren mit dem Smartphone macht selbst vor Situationen nicht mehr halt, wo dergleichen früher einfach tabu war - beim Candle-Light-Dinner mit der oder dem Liebsten zum Beispiel oder gar im Bett. Und die Unsitte greift immer weiter um sich.

Wie sehr sich Smartphones in unseren Alltag eingeschlichen haben, zeigt das Video "I Forgot My Phone" der US-amerikanischen Komikerin und Schauspielerin Charlene deGuzman, den sich bei YouTube mittlerweile mehr als 17 Millionen Menschen angesehen haben. "Die Idee zu dem Video kam mir, als mir klar wurde, wie lächerlich wir alle - mich selbst eingeschlossen - waren", sagt deGuzman im Gespräch mit der "New York Times", "als ich auf einem Konzert war und die Leute um mich herum die Show mit ihren Telefonen aufnahmen, aber nicht wirklich das Konzert anschauten."

Nick Bilton hofft bei der "NYT" allerdings inständig, dass es nicht die neue Norm wird, das Leben durch einen Vier-Zoll zu "erleben". Sondern dass deGuzmans Clip vielleicht genau einen dieser kulturellen Augenblicke erwischt hat, wo die Menschen anfangen zu fragen, ob man nicht zu weit gegangen ist - und etwas dagegen unternehmen. Bilton führt auch gleich eine ganze Reihe von Beispielen an, wo Smartphones neuerdings unerwünscht sind.

Charlene deGuzman jedenfalls hat ihr Smartphone nicht mehr ständig in der Hand. "Ich hab mein Telefon zwar noch bei mir, aber ich versuche es in der Handtasche zu lassen. Jetzt nehme ich den Augenblick einfach in mich auf, und ich muss kein Foto davon posten."