Was sich IT-Freiberufler wünschen

Ein Traum von einer Agentur

Christa Weidner ist seit 1989 in unterschiedlichen Rollen und Positionen in der IT tätig. Das Ziel ihrer Arbeit ist es, dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter mit neuer Software arbeiten können und wollen. Ihre Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, schützt Entscheider, Projektleiter sowie weitere Schlüsselpositionen davor, falsche Entscheidungen zu treffen und hilft, die Potenziale der IT maximal auszunutzen. Sie unterstützt namhafte Konzerne und Unternehmen des Mittelstands unterschiedlicher Branchen. Im Juni 2016 hat die IT-Beraterin den  „Werner-Bonhoff-Preis-wider-den-§§-Dschungel 2016“ erhalten.
Mehr als 70 Prozent der IT-Selbständigen werden über Agenturen „eingekauft“. Höchste Zeit also aufzuschreiben, wie sich Freiberufler ihren idealen Vermittler wünschen und was sie von ihm erwarten, damit auch sie zufriedenstellend ihre Aufträge beim Kunden zur Zufriedenheit aller erledigen können.

Ob der IT-Selbständige mit einer Agentur, also mit einem Projektvermittler, zusammenarbeitet, ist selten seine eigene Entscheidung. Auch wenn der Freelancer Projektaufträge selbst akquiriert, ist es üblich, dass der Kunde nur über eine Agentur beauftragt wird. Eine direkte Beauftragung zwischen Auftragnehmer und Auftraggeber ist in diesem Markt mittlerweile die Ausnahme. Agenturen sind der ausgelagerte Einkauf der Kunden für IT-Selbständige. Und genauso agieren sie auch. Sie arbeiten für die Auftraggeber und unterstützen vorrangig deren Ziele und Vorgaben.

IT-Freiberufler wünschen sich mehr Unterstützung von den Agenturen, um sorgenfreier arbeiten zu können.
IT-Freiberufler wünschen sich mehr Unterstützung von den Agenturen, um sorgenfreier arbeiten zu können.
Foto: baranq-shutterstock.com

Was Freiberufler von Agenturen erwarten

Wenn ich ins Träumen gerate, dann stelle ich mir eine Agentur vor, die sich um mich als Selbständigen kümmert. Einen Agenten, der mich persönlich gut kennt, mit meinen Stärken, Schwächen, Zielen und meiner Motivation. Der weiß, welche Leistungen ich erbringe und zu welchen Kunden ich am besten passe. Einen Agenten, der meine Leistung verkaufen kann. Der mit mir an meiner Positionierung und an dem dazu passenden Web-Auftritt arbeitet. Der mit mir auch an meinen Schwächen arbeitet und mir mein Entwicklungspotenzial aufzeigt.

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Jemanden, der anstelle von Skills mit Nutzen argumentiert. Der mir rechtzeitig Anschlussaufträge und Projekte sucht. Der den Markt kennt, mich auf Trends und Entwicklungen aufmerksam macht, damit ich nicht den Anschluss verpasse. Eine Person, die sich um mein Wohlergehen sorgt und kümmert. Die Konditionen aushandelt und die Vertragsklauseln und gutes Geld verdient, wenn ich es auch tue. Dem es gut geht, wenn es mir auch gut geht. Ich kann mich währenddessen auf meine Arbeit und meine Kunden konzentrieren. Kann entspannt sein, denn der nächste Auftrag ist bereits in der Akquisition.

Das Leben von uns IT-Selbstständigen mag auf den ersten Blick traumhaft sein, die Honorare zum Schwärmen animieren. Bei näherem Hinschauen ist es aber eine Tretmühle, wollen wir innerhalb der Kundenprojekte eine gute Arbeit leisten. Häufiger als der typische Angestellte sind Freiberufler in neuen und auch angespannten Situationen tätig. Zwar hört sich das Honorar, das dafür gezahlt wird, nach einem Super-Einkommen aus. Aber dafür müssen auch die Leerlaufzeiten ohne Auftrag, Urlaube, Weiterbildung und vor allem die gesamte soziale Absicherung - aus versteuertem Geld - bestritten werden. Außerdem gelingt es uns nicht immer, einen Auftrag am Wohnort zu gewinnen. Dann fallen Reisekosten und damit verbundene Aufwände sowie Einbußen der Lebensqualität an. Wir müssen rechtzeitig erkennen, wann wir uns nach einem Anschlussauftrag kümmern sollten.

Nicht nur fachlich müssen wir up-to-date sein, sondern auch auf dem Gebiet Recht und Steuern. Eine 40-Stunden-Woche mag da manchmal wie Urlaub anmuten, denn meist reichen 60 oder 70 Stunden nicht aus, die ein Selbständiger beruflich tätig ist. Das hält kaum jemand mehrere Jahrzehnte aus, schon gar nicht den gesamten Zeitraum seiner Erwerbstätigkeit. Doch bietet die Selbständigkeit Vorteile. Sie ermöglicht ein Arbeiten in einem Aufgabengebiet, das man selbst ausgewählt hat. Auch die eigene Weiterentwicklung kann selbstbestimmt erfolgen. Häufige Veränderungen und Anpassungsfähigkeit sind gefragt. Sie lassen reifen und wachsen, aber auch ermüden.

Agenturen sollten sich thematisch spezialisieren

So ist der Traum nach einem Unterstützer und Agenten vielleicht sogar eine Notwendigkeit, um die Spezie der IT-Selbstständigen dauerhaft antreffen zu können. Damit die Agentur mir als Selbstständiger ein adäquater Sparringspartner sein kann, empfiehlt sich eine fachlich-thematische Ausrichtung. So könnte sich eine Agentur auf das Thema Security, die andere auf Cloud und die dritte auf Unified Communication ausrichten. Jede bündelt dann die dafür am Markt agierenden selbstständigen Experten. Das hat auch Vorteile für unsere Kunden: Bei Bedarf kontaktieren Sie die jeweilige Agentur und diese kann sowohl den Bedarf sehr viel genauer erfragen und klären, als auch den passenden Experten dafür ins Spiel bringen.

Christa Weidner wünscht sich Personalagenturen, die adäquate Sparringspartner für IT-Freiberufler sind.
Christa Weidner wünscht sich Personalagenturen, die adäquate Sparringspartner für IT-Freiberufler sind.
Foto: Christa Weidner

Je länger ich von dieser Agentur träume, desto mehr Gefallen finde ich an diesem Modell. Es würde endlich damit begonnen werden, den Menschen hinter dem Selbstständigen und dem Experten zu sehen. Wir alle wissen schließlich, dass die Unternehmen schon heute den Fachkräftemangel beklagen und Projekte nicht umsetzen können, weil sie das Know-how dazu nicht finden.

Ein Agenturmodell, dass uns Selbstständige, ähnlich einer Künstleragentur behandelt und vermittelt, könnte auf der einen Seite Entlastung bringen und auf der anderen Seite eine sehr viel genauere Zuordnung des passenden Experten zu der Kundenanforderung. Oft können unsere Kunden gar nicht beschreiben, was sie tatsächlich benötigen. Da macht es Sinn, wenn es Agenturen gibt, die ein Mehr an Qualität in den Auswahlprozess nach der externen Ressource bringen. Denn das heutige Agenturmodell des Zwischenhändlers arbeitet Quer-Beet über alle Fachbereiche hinweg und viele Branchen. Das heutige Modell ist auf Masse statt Klasse ausgelegt: es werden möglichst viele Selbstständige möglichst lange vermittelt.

Wir Selbstständige sind Künstler und Experten und können die deutschen Wirtschaft optimal unterstützen, wenn wir das tun, was wir am besten können: die Probleme unserer Kunden lösen. Wenn sich um den Rest der Selbstständigkeit eine Agentur kümmert, dann wird das Herz des Selbstständigen ruhiger und gelassener in die Zukunft blicken können. Denn nicht wenige Selbstständige beklagen den Stress und den Druck. Hier ist Unterstützung angebracht.

Das alles mag sich nach Wellness-Programm anhören. Für mich jedoch eine Notwendigkeit. Es stehen uns schließlich viele Änderungen bevor, die ein anderes zusammenarbeiten werden erforderlich machen. Wir werden uns bewegen müssen und sollten genau hinschauen, was der Gesetzgeber im Rahmen der Diskussion um Scheinselbstständigkeit von den Beteiligten erwartet. Noch mehr Druck auf die Selbstständigen? Das wäre kontraproduktiv und würde deren Wert für die Auftraggeber mindern. Das will schließlich keiner von uns.

 

Stuermer

Ein sehr guter Artikel!
Man soll es so machen, wie es früher mit Krankenkassen war. Ein
Freelancer kann auf Wunsch einem Vermittler seiner Wahl zugeordnet
werden z.B. für 1 Jahr und darf nicht früher wechseln. Der Vermittler
muss mindestens einen Auftrag in diesem Jahr finden, sonst darf der
Freelancer zur Konkurrenz wechseln. Aber NICHT ÜBERTREIBEN und nicht
vergessen, dass der Freelancer ein Selbständiger ist! Man kann ihn nicht
zwingen Auftrag anzunehmen!

Christa Weidner

Na ja, und warum machen die Vermittlungsagenturen dann mehrere Milliarden Euro Umsätze + haben jährliche Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich? Ich kenne Endkunden, da werden mittlerweile sogar die angestellten Consultants aus Beratungsunternehmen (die unter einem gewissen Umsatzlimit bleiben) über Agenturen eingekauft.
Mir geht es so (ich arbeite für Mittelstand und Konzerne), sogar mit einem direkten Kontakt und direkt akquiriert, werde ich über Agenturen eingekauft.

Christa Weidner

In meinem "besten" Monat blieben mehr als 4000 Euro meines Honorars bei der Agentur hängen. In durchschnittlichen Monaten oder bei Kunden, die andere Verträge bzw. fixe Vermittlungsraten mit dem Kunden haben, sind es immerhin noch ca. 1600 Euro.

Irgendetwas dazwischen wäre sichtlich lukrativ für alle Beteiligte. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Honorare dann auch steigen würden.

Simone

Wieviel Euros sind denn die Freiberufler bereit, dafür zu bezahlen?
Ich kenne Firmen, bei denen Festangestellte genau so behandelt werden: z,B. über Projekteinsätze mitentscheiden können, sich über entsprechende Weiterbildung weiter spezialisieren können, wo der Mensch und seine Ziele im Vordergrund stehen und an seiner Positionierung gemeinsam gearbeitet wird usw.
Und das alles bei einem 40Std. Job und übernachtungsfrei - denn Familie und Freunde sind sehr wichtig!
Nur der Stundensatz kann nicht der Gleiche sein - aber alles haben wollen, geht halt niicht!

bernd steeb

Ich behaupte, wenn jemand selbstständig erfolgreich viele Jahre am Markt tätig ist , dann arbeitet er direkt mit Auftraggebern. Sogenannte Projekte halte ich für die Ausnahme

Olaf Barheine

70 Prozent über Agenturen? Gibt es dafür Belege? Diese Zahl halte ich für weit überzogen. Seit 15 Jahren bin ich nun freiberuflich tätig; eine Agentur habe ich in dieser Zeit noch nicht in Anspruch nehmen müssen. Lästig empfinde ich die aggressive Art und Weise, in der Vermittler über soziale Netzwerke, per E-Mail oder im Extremfall per Telefon immer und immer wieder versuchen, mir ihre Projekte anzudrehen. Ein Nein akzeptieren diese Leute grundsätzlich nicht.

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