Ein Studentenexperiment revolutioniert die Softwarewelt

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
Zehn Jahre ist es her, dass der finnische Student Linus Torvalds die erste Version von Linux ins Netz stellte. Aus unscheinbaren Anfängen entstand eine Entwicklung, welche die Softwarewelt verändert hat.

Der erste konkrete Hinweis kam am 25. August 1991: Linus Torvalds, Informatikstudent an der Universität Helsinki, bat in einer Newsgroup um Kommentare und Hilfe. Unzufrieden mit einigen Eigenarten von Minix, einem abgespeckten Unix-Betriebssystem für 386er-PCs stehe er kurz vor der Vollendung wichtiger Teile eines alternativen Kernels.

Linus Torvalds
Linus Torvalds

Am 17. des folgenden Monats war es so weit: Es erschien ein auf 70 KB komprimiertes Datenpaket mit der Versionsnummer 0.01, das erst später von einem Systemadministrator der Uni Helsinki den Namen Linux bekommen sollte.

Genau genommen war auch diese Version nicht ausführbar, denn sie benötigte Minix, um es überhaupt ausprobieren zu können. Am 5. Oktober 1991 erschien Version 0.02, die - beschränkt - lauffähig war. Torvalds hatte seinem Kernel eine Shell und Compiler beigefügt, die aus Free-Software-Projekten stammten. Diese Initiative, Software im Quellcode zur freien Nutzung zu verbreiten, hatte Richard Stallman, ein Angestellter der Harvard-Universität angestoßen.

Stallman hatte sich einer Unix-Alternative ("GNU" = Gnu - Not Unix) über Compiler und Shell quasi von außen nach innen genähert, Torvalds gerade umgekehrt. Zusammen ergaben beide Ansätze etwas Nutzbares. Insofern ist Stallmans beharrliches Bestehen darauf, es müsse eigentlich von "GNU/Linux" die Rede sein, durchaus nachvollziehbar. Doch obwohl Torvalds später von Stallman auch noch die "GNU Public License" (GPL) übernahm, durch die jede Software bei Verwendung von Code unter der GPL wiederum selbst im Quellcode (Open Source) veröffentlicht werden muss, wurde Linux zum Inbegriff einer Softwarerevolution.

Torvalds trat eine Lawine los, als er seinen Linux-Kernel in Form von Quellcode ins Internet stellte und um konkrete Verbesserungsvorschläge in Form von offenen Programmen bat (während er seit jeher vage Wünsche konsequent ignoriert). Die Beiträge kamen entgegen aller Erwartung massenhaft. Die Konsequenz war eine schnelle Abfolge von Linux-Versionen, die das Open-Source-Prinzip "release often and early" bestätigten.

Im Januar 1992 erschien mit Version 0.12 der erste einigermaßen stabile Kernel, zwei Monate später deutete der Sprung auf die Versionsnummer 0.95 an, dass Torvalds den Schritt vom Experiment zum Produkt machen wollte. Nach einer Kaskade neuer Versionen, manchmal im Abstand von nur zwei Tagen und mit bizarren Nummern wie 0.96b.2, erschien im März 1994 der erste "komplette" Kernel 1.0, angeschwollen auf ein komprimiertes Volumen von einem Megabyte.

An diesem Punkt begann Torvalds wieder bei null. Er wollte jetzt einen prozessorunabhängigen Kernel, Multiprozessor-Unterstützung, Nutzung weiterer Dateisysteme, bessere Netzwerkfähigkeit. Linux war damit auf dem Weg vom 386er-PC zu Server-Architekturen und musste zu diesem Zweck von Grund auf neu geschrieben werden. Diese nun 5 MB große Version erschien am 6. Juni 1996 und trug die Nummer 2.0.

Kurz darauf nahm Torvalds einen Job beim damals gänzlich unbekannten Chipentwickler Transmeta an, und die nun schon mehrere Hundert Personen starke Kernel-Community befürchtete durch Torvalds Berufstätigkeit das Ende der Linux-Entwicklung. Tatsächlich sollte es bis zum Januar 1999 dauern, dass Version 2.2 herauskam, die dann für drei Jahre - bis zu Linux 2.4.0 im Januar 2001 - das wichtigste Basis-Release blieb.

Inzwischen hatte sich die Rolle von Linux ebenso gewandelt wie die von Torvalds. Der war jetzt immer mehr als Evangelist gefordert, die ihm verhassten Reden auf irgendwelchen Veranstaltungen zu halten, während ihm seine beiden wichtigsten "Leutnants", Ted Ts´o und Allan Cox, die Tagesarbeiten mit den Kernel-Releases abnahmen. So erging es auch anderen "Prominenten" wie Eric Allman (Sendmail), Brian Behlendorf (Apache), Jon "Maddog" Hall (Linux International), Larry Wall (Perl), Richard Stallman (Free Software Foundation) und vor allem Eric Raymond, der mit "The Cathedral and the Basaar" das nachhaltigste Dokument der Open-Source-Bewegung geschrieben hatte.

Linux und andere kooperative Projekte auf der Basis von Open Source hatten belegt, dass eine auf Freiwilligkeit beruhende Entwicklung ohne rigide Projektleitung zu nützlicher Software in erstklassiger Qualität führen kann. Das hatte dem Webserver Apache bis 1998 in aller Stille einen Marktanteil von 50 Prozent eingebracht. Immer mehr Firmen begannen, sich für die Alternative zur kommerziellen Software zu interessieren.

Netscape hatte schon 1997 große Teile seines Browser zu Open Source gemacht, Applixware sein Büropaket und die Software AG die Datenbank "Adabas D" auf Linux portiert. 1998 erklärten Oracle und Informix, ihre Datenbanken Linux-fähig zu machen. Diesen Esten unter den "großen" Namen der IT-Industrie folgte 1999 eine wahre Welle: Compaq, Dell, Fujitsu-Siemens, HP, IBM, SAP, SCO, SGI und Sun bekundeten ihre Unterstützung von Linux, etwa entsprechende Anpassungen wichtiger Softwareprodukte oder erweiterte Support-Programme.

Ein regelrechter "Linux-Hype" brach aus. Kleine, oft von Studenten gegründete Linux-Firmen erhielten Risikokapital, um durch einen Börsengang im Aktienboom jener Jahre riesige Gewinne einzufahren. Caldera, Cobalt Networks, Red Hat und VA Linux hatten dabei Erfolg. Doch dann platzte die Spekulationsblase, überzogenes Wachstum erodierte die Kapitaldecke. In Deutschland gerieten die bekannten Linux-Dienstleister ID Pro und Innominate unter die Räder. Das Geschäftsmodell, auf Einnahmen aus Lizenzen zugunsten von Services zu verzichten, steht zur Diskussion.

Doch diese Entwicklung kann Linux nicht mehr ernsthaft gefährden. Aus dem Kernel-Experiment ist nicht nur ein stabiles, flexibles und mächtiges Betriebssystem geworden. In den 30 Millionen Programmierzeilen Quellcode der Red-Hat-Version 7.1 steckt die Arbeit von 8000 Personenjahren, ein Wert von einer Milliarde Dollar. Die gibt es fast umsonst und ohne knebelnde Auflagen. Die Mischung aus Qualität, Preiswürdigkeit und Freiheit haben Linux zur einzigen ernst zu nehmenden Alternative zur Microsoft-Dominanz gemacht.