Bericht von den Movilizer Days

Ein Schnellboot zwischen Dampfern

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Anbieter einer Mobile Enterprise Application Platform (MEAP) wie Movilizer profitieren davon, dass sich mit ihren Lösungen einfache und schlanke mobile Anwendungen schnell und kostengünstig einrichten sowie später mit geringstem Aufwand modifizieren lassen.
Das Mannheimer Unternehmen Movilizer verspricht mehr Schnelligkeit in die Entwicklung, Implementierung und Nutzung von mobilen Apps zu bringen.
Das Mannheimer Unternehmen Movilizer verspricht mehr Schnelligkeit in die Entwicklung, Implementierung und Nutzung von mobilen Apps zu bringen.
Foto: Movilizer

Laut Gartner ist Mobility ein Bestandteil des Nexus of Forces, das die Zukunft der Arbeit bestimmen soll. Trotz dieser Bedeutung ist das Thema Enterprise Mobility aber noch immer mit Schwierigkeiten behaftet, zumindest, wenn es um mehr als die Versorgung der Mitarbeiter mit E-Mail und anderen PIM-Daten unterwegs geht. So ist die traditionelle IT etwa meist noch nicht dazu ausgerichtet, quasi über Nacht neue projektspezifische Apps zu bauen, um kurzfristig auf besondere Ereignisse zu reagieren.

Ähnliches gilt für die Backend-Systeme: Sie sind in der Regel nicht auf den mobilen Zugriff und dazu noch von außerhalb der Firewall ausgelegt. Die Folge sind - neben dem üblichen Stirnrunzeln der Sicherheitsexperten - Performance-Probleme, wenn etwa plötzlich der komplette Außendienst fünf Mal am Tag auf die SAP-Systeme zugreift.

Doch es kommt noch schlimmer: Wenn ein Unternehmen dann noch immer keine Mobility-Strategie besitzt, kommt es über kurz oder lang zu einer Integrations-Spaghetti, da für jede App einzelne Punkte miteinander verbunden werden, statt eine Integrationsplattform als einzigen Connector zu verwenden.

Mobility-Plattform in der Cloud

Mit diesen (und anderen) Problemen im Hinterkopf hatten drei SAP-Consultants 2006 die Movilitas AG gegründet und sich an die Entwicklung des Movilizer, einer Mobile Enterprise Application Platform (MEAP) mit tiefer SAP-Integration, gemacht. Die Cloud-Lösung sollte Unternehmen in die Lage versetzen, schneller auf die neuen Mobilitätsanforderungen zu reagieren und damit möglicherweise Wettbewerbsvorteile zu genießen. So können die Mitarbeiter mit Movilizer praktisch jeden Geschäftsprozess auf jedem mobilen Gerät oder jeder Plattform ausführen - entweder mit selbstentwickelten Apps im eigenen Backendsystem oder mit konfigurierbaren SAP-Standard-Apps, die sich aus der SAP ABAP Workbench heraus steuern lassen.

Über den Movilizer in der Cloud werden die Apps mit Datenbanken und Standardsystemen verknüpft.
Über den Movilizer in der Cloud werden die Apps mit Datenbanken und Standardsystemen verknüpft.
Foto: Movilizer

Geplant, getan: 2009 entstand Version 1.0 des Movilizer, 2010 erhielt das Mannheimer Startup VC-Finanzierung, um weiteres Wachstum zu ermöglichen. Und drei Jahre später verkaufte die inzwischen nach ihrem Produkt benannte Company dann den Beratungsarm Movilitas Consulting, um sich voll und ganz auf die Software zu konzentrieren. "Wir wollten ein klares Modell, um nicht gleichzeitig mit unseren Partnern in Konkurrenz zu treten, erklärt Jan Vermeesch, Director Business Development und Marketing bei Movilizer im CW-Gespräch am Rande der "Movilizer Days" Mitte November. Ähnlich wie seinerzeit bei SAP sollte das Beratungsgeschäft nur zur Finanzierung dienen. Nichtsdestotrotz, so fügt Vermeesch an, besitze Movilizer aber noch über eine Serviceabteilung, gleichzeitig würden auch Lösungen für Module von Partnern oder zusammen mit ihnen entwickelt und das Know-how von Partnern, die als Subunternehmer auftreten, genutzt.

Trotz der jungen Jahre verfügt Movilizer inzwischen eine ansehnliche Kundenliste. So sind bereits 125 multinationale Konzerne an die Movilizer-Cloud angebunden und nutzen das System für geschäftskritische B2B-Apps. Ein Poweruser dabei ist sicher GDF Suez. Der internationale Energieversorger mit zuletzt 81.3 Milliarden Euro Umsatz und 147.000 Mitarbeitern (davon 90.000 im Service) nutzt Movilizer als strategische Mobility-Plattform und hat gleich eine Vielzahl von Backendsystemen wie Maximo, IBM, Oracle und SAP angeschlossen. Zu den erstellten Apps zählen Anwendungen für die mobile Wartung und das Energie-Management, zum Ablesen von Stromzählern und für die Zeiterfassung der Mitarbeiter unterwegs.

Neue App in Tagen und Wochen

Wie IT-Chef Claude Pierre im Rahmen eines Vortrags ausführte, unterhält GDF Suez aktuell sieben Projekte mit Movilizer, in denen über 4000 Mitarbeitern mit den Apps arbeiten. Bis 2016 sollen es bereits 10.000 Nutzer sein. Doch Pierre schätzt nicht nur die Skalierbarkeit der Lösung, sondern die schnelle Umsetzung von Apps: "Vor der Einführung des Movilizer brauchten wir Monate oder sogar Jahre, um eine neue mobile App auf die Straße zu bringen", erklärte der CIO. Jetzt habe man sich daran gewöhnt, in Wochen oder gar Tagen zu denken.

Ein anderer Vorzeigekunde ist Coca-Cola. Der Brausehersteller hat Movilizer als strategische mobile Plattform für Nordamerika gewählt und nutzt die Lösung, um mehr als 25.000 Nutzern, einschließlich Lieferanten, Fahrern von Full Service Vending Fahrzeugen und mobilen Servicetechniker, mobile Apps bereitzustellen, die sie mit SAP verbindet. Dem per Videokonferenz zugeschalteten Verantwortlichen für das Abfüllungsgeschäft, Reinhard Meister, sollen die Apps in den nächsten Jahren auf 40.000 Anwender ausgeweitet werden.

Weitere bekannte Namen in der Kundenliste sind der Windturbinenhersteller Vestas, der IT-Dienstleister Cancom, der Schweizer Handelskonzern Migros AG, British American Tobacco oder der Traktorenhersteller John Deere - in Mannheim nur einen Steinwurf von Movilizer entfernt ansässig.

Laut Movilizer-Manager Vermeesch gibt es neben diesen multinationalen Konzernen aber auch Projekte mit 20 oder 30 Nutzern. Entscheidende Gemeinsamkeit der Nutzer sei nämlich nicht die Größe, sondern der Unterhalt von komplexen Backendsystemen. Diese gäbe es allerdings bei kleinen Firmen weniger häufig, während Konzerne meist mit SAP tief integriert seien.

Ist SAP Fiori ein Marketing-Gag?

Die Konkurrenz durch den Softwareriesen, der mit SAP Fiori gerade einen neuen Anlauf in Richtung Mobility versucht, fürchtet Vermeesch dabei weniger. So sieht er etwa in der Ankündigung SAPs, 300 SAP Fiori Apps kostenlos verfügbar zu machen, einen großen Marketing-Gag. Der Kunde benötige nämlich neben den Anwendungen auch SAP Hana und SMP-Lizenzen. Und da es so viele SAP-Systeme wie Kunden gäbe, kämen dazu noch die Kosten für die Integration.

Als weiteren Aspekt hält der Movilizer-Manager vor, dass SAP Fiori sehr kompliziert sei und es keine Online-Offline-Funktionalität gebe - diese sei für Kunden angesichts verschiedener Einsatzszenarien und der nach wie vor großen Funklöcher aber immer noch sehr wichtig. Vermeesch räumte ein, dass es auch bei Movilizer trotz vorgefertigter Module kein Plug & Play gäbe. Eine Fertigstellung in acht Tagen, nach dem Anfügen des Connectors, sei in SAP-Zeiten gemessen aber "nahezu" Echtzeit.