Ein Plaedoyer: VM gehoert nicht zum alten Eisen

30.09.1994

Von Peter Rasp, Geschaeftsfuehrer der Sterling Software GmbH, Duesseldorf

Seit sich die Beduerfnisse der Mainframe-Anwender in Richtung dezentralisierte Computerleistung vor Ort entwikkeln und das Schlagwort "Downsizing" die Szene beherrscht, gehoert es zum guten Ton, dem Grossrechner-Betriebssystem VM den baldigen Tod vorherzusagen. Die Seligkeit freizuegiger Computernutzung kann nach verbreiteter Meinung nur von Client-Server-Loesungen mit vernetzten PCs oder Workstations kommen. Unix heisst hier das zentrale Schlagwort.

Die Markforscher von der Gartner Group sehen das allerdings anders. Sie haben kuerzlich die Vorurteile gegen VM widerlegt, wonach

- VM stirbt,

- durch PR/SM ersetzt wird,

- auf VM basierende Buerokommunikationssysteme zu teuer sind,

- VM kein Wachstumspotential mehr bietet,

- der Code nicht gewartet werden kann

- und ueberhaupt die VM-Kunden alle umsteigen wollen.

VM wurde Mitte der 60er Jahre als Forschungsprojekt aufgelegt. Es ging darum, zu testen, inwieweit sich auf einem physischen Rechner mehrere logische Betriebssysteme nebeneinander betreiben lassen. Als dies gelang, wurde es 1972 als Betriebssystem VM/370 in den Markt eingefuehrt.

Schon bald verwirrten viele verschiedene VM-Versionen die Anwender, zumal sie oft untereinander inkompatibel waren. Erst Ende 1990 bereitete die IBM diesem Wirrwarr mit der Vorstellung von VM/ESA ein Ende.

Der durchschlagende Erfolg bei den Kunden kam mit der Einfuehrung der IBM-Serie 43xx. VM/SP wurde auf breiter Basis in Bueros, Forschungs- und Produktionsstaetten eingesetzt. In der Folge versuchte eine Reihe von Unternehmen, mit Werkzeugen die Effizienz der Systemsoftware zu optimieren.

Verunsichert wurden die Kunden jedoch wegen der eindeutigen Forcierung von MVS und VSE durch den IBM-Vertrieb. Die VBs konnten sich damit ganz einfach mehr Bonuspunkte verdienen. Hinzu kam der Trend in Richtung offene Systeme, womit in der Regel Unix gemeint war.

Dabei wird uebersehen, dass auch VM schon immer ein interaktives System war, das zum Beispiel Online-Arbeiten am Bildschirm ermoeglicht. Das heisst, VM ist praedestiniert fuer Datenbank- oder Buerokommunikations-Anwendungen. Zudem stellt das Betriebssystem eine perfekte Ergaenzung zu einer Unix- oder PC-Welt dar. Dagegen sind Konkurrenzsituationen zwischen Mainframe- und Workstation- System relativ selten. VM ist ein "Lieferant" fuer die Daten, die der Anwender mit seinem "sexy" User Interface (Windows oder dergleichen) verarbeitet.

Als Datenlieferant ist VM den Unix- und PC-Systemen eindeutig ueberlegen. Hier entstehen bei Client-Server-Loesungen immense, oft vorher nicht bedachte Zusatzkosten. Bei Grossanwendern mit dezentralen Anwendungen muessen oft Tausende PCs oder Workstations mit Daten versorgt werden. Diese Maschinen sind zwar sehr leistungsfaehig, was die MIPS-Zahlen und die Maschinenpower angeht. Im I/O-Bereich lassen sie jedoch zu wuenschen uebrig. Zur Behebung solcher Engpaesse muss der Anwender dann weitere Server anschaffen.

Das Ziel, mit der Installation von dezentralen Unix- und PC- Systemen gegenueber dem Mainframe-Betrieb kostenguenstigere Loesungen zu erhalten, ist daher in vielen Grossbetrieben nicht erreicht worden.

Die Gartner Group prognostiziert, dass der VM-Markt trotz der angefuehrten Situation in den kommenden fuenf Jahren weiter wachsen kann. Dabei werden sowohl die bisherigen, als auch neue Anwendungen und Umgebungen unterstuetzt. Die derzeitigen jaehrlichen VM-Umsaetze betragen weltweit rund 400 Millionen Dollar mit jaehrlichen Wachstumsraten von rund vier Prozent. Marktuntersuchungen zeigen, dass VM auf 45 Prozent der Systeme /370 und /390 eingesetzt wird. Drei Viertel der 9221-Rechner und die Haelfte der 9121-Rechner nutzen VM/VSE.

Um solche Ergebnisse auch in Zukunft erwirtschaften zu koennen, haben sich die VM-Labors folgende Ziele gesteckt:

- Offene, dezentrale Systeme und Client-Server-Computing,

- deutlich reduzierte Computing-Kosten,

- Verstaerkung der VM/VSE-Synergy sowie

- Forcierung des VM-Kerngeschaeftes.

Fuer das System spricht aus der Sicht der Anwender vor allem das hohe Sicherheitsniveau von VM. So wurde dem VM-Labor das europaeische ISO-9000-Zertifikat fuer gutes Prozess-Management und Produktqualitaet verliehen. Weitere Massnahmen zur Produktverbesserung haben die Apar- und PTF-in-Error- Raten reduziert, die haeufig zu Reklamationen gefuehrt hatten. Was die Offenheit betrifft, so ist unter VM/ESA inzwischen der Posix- Standard sowie das Distributet Computing Environment (DCE) der OSF verfuegbar.