Work-Life-Balance

Ein Plädoyer für den Feierabend

Wirtschaftswoche-Redakteur
Glücklich ist, wer sich im Beruf selbst verwirklichen kann. Alle anderen Menschen brauchen die Trennung von Arbeit und Leben. Und Arbeitgeber müssen das akzeptieren.

Thomas Vašek ist sicher ein glücklicher Mensch. Und er lässt die Welt an diesem Glück teilhaben: "Ich liebe meine Arbeit", lautet der erste Satz seines aktuellen Buches. Es heißt "Work-Life-Bullshit" und die These steht im Untertitel: "Warum die Trennung von Arbeit und Leben in die Irre führt."

In diesem Werk teilt uns Vašek, der als Chefredakteur eines Philosophiemagazins seinen Lebensunterhalt verdient, nicht ganz uneitel mit, dass er "gar nicht viel anderes tue" als zu arbeiten und "dennoch weder krank, noch erschöpft" sei und daher das "Gejammer über die Zumutungen der Arbeit" nicht mehr hören könne.

Sind die vielen arbeitsbedingt psychisch Kranken also nur Hypochonder und Jammerlappen? Führt das Bedürfnis nach Freizeit und nach der Trennung von Arbeit und Leben tatsächlich in die Irre? Ist das Geheimnis des Glücks, die Arbeit ganz einfach zum Lebensinhalt zu machen?

Zunächst einmal muss man fragen, was "Arbeit" ist. Der Philosoph Vašek gibt darauf keine befriedigende Antwort. Er scheint nicht zu merken, dass das, was er pausenlos tut, kaum mit demselben Arbeitsbegriff zu fassen ist wie das, was eine Kassiererin oder ein Bankkaufmann tut. Und daher ist sein Buch mit 275 Seiten trotz aller aufgehäuften Gelehrsamkeit selbst ziemlicher Bullshit.

Der amerikanische Soziologe Richard Florida hat sehr schön beschrieben, wie Künstler, Musiker, Wissenschaftler, Autoren - also Leute wie Vasek - sich nie zwingen lassen und dennoch fast immer mit Kunst, Musik oder Wissenschaft befasst sind, ohne das als Mühsal zu empfinden. Wie sich "Arbeit" und Spiel bei ihnen verwischen, weil sie viel Zeit für intensive Konzentration in Einsamkeit brauchen. Und dazwischen Phasen, in denen sie scheinbar nichts tun, während in ihren Köpfen neue Werke heranreifen. Ein Controller würde das, was Vašek oder Florida tun, nicht "Arbeit" nennen. Und er hätte damit Recht.

Wer seine leidenschaftlichen Interessen ausleben und davon leben kann, und das noch weitgehend selbstverantwortlich und ungebunden, der wird nie ausbrennen. Der hat selbstverständlich auch kein Bedürfnis nach Grenzen für seinen Beruf. Natürlich ist so ein Mensch immun gegen Burnout und andere arbeitsbedingte Krankheiten. Thomas Vašek und Richard Florida können auf die Work-Life-Balance pfeifen, weil für sie Lebensinhalt und Erwerbstätigkeit identisch sind. Happy few!

Arbeit ist etwas anderes. Etymologisch kommt das Wort vom lateinischen "arvum", dem Ackerland, und im Mittelhochdeutschen war es gleichbedeutend mit Mühsal. Der Philosoph Otfried Höffe definiert Arbeit als "Tätigkeit des Menschen in Abhängigkeit von Natur und natürlicher Bedürftigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltung und -verbesserung." Oder wie es in der Bibel heißt: "Im Schweiße Deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen."