Public Interest Registry

"Ein Facebook für NGOs"

Simon Hülsbömer
Simon verantwortet redaktionell leitend die Themenbereiche IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz. Er hat aber auch Trends wie Big Data, Analytics und Cloud Computing sowie IT-Projekte in den Fachabteilungen im Blick. Außerdem betreut der studierte Media Producer den täglichen Früh-Newsletter und ab und an die iPad-Ausgaben der COMPUTERWOCHE. Aufgaben als Online-News-Aushelfer, in der Traffic- und Keyword-Analyse, dem Content Management sowie die inoffizielle Funktion "redaktioneller Fußballexperte" runden sein Profil ab.
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Anfang 2014 sollen die ersten neuen generischen Top Level Domains (gTLDs) freigeschaltet werden. Auch die gemeinnützig tätige Public Interest Registry (PIR), die bereits die .org-Domains verwaltet, wartet auf den Startschuss von der ICANN. Wir haben mit CEO Brian Cute gesprochen.

CW: Das gTLD-Genehmigungsverfahren gleicht einer Hängepartie. In welchem Stadium befindet es sich derzeit?

Brian Cute, CEO der Public Interest Registry
Brian Cute, CEO der Public Interest Registry
Foto: Public Interest Registry

CUTE: Zunächst werden die IDNs, die internationalisierten Domainnamen, auf den Markt kommen. Die ICANN möchte bis Ende September mit deren Vergabe beginnen. Auch wir von PIR haben vier IDNs beantragt und rechnen damit, dass diese im vierten Quartal live gehen können. Was die generischen TLDs (gTLDs) angeht, ist der Marktstart für das erste Halbjahr 2014 vorgesehen. Da die Startreihenfolge von der ICANN ausgelost wurde, und unsere Kandidaten .ngo und .ong keinen der vorderen Plätze ergattern konnten, sind wir ein wenig später an der Reihe. Wenn es losgeht, sollen pro Woche rund 20 Top-Level-Domains freigegeben werden. Wir rechnen deshalb damit, erst Mitte des nächsten Jahres starten zu können.

CW: Wie viele gTLDs wurden durch die ICANN genehmigt?

CUTE: Insgesamt rund 1400 (bei 1930 Bewerbungen). 663 davon sind markenbasiert und von ihren jeweiligen Rechteinhabern beantragt, beispielsweise .bmw. 400 sind generisch wie .hotel, .aero oder .jobs. 84 Endungen haben einen gesellschaftlichen oder gemeinnützigen Zweck - in diese Kategorie fallen wir. Dazu kommen die IDNs und geographische TLDs für bestimmte Regionen oder Städte.

CW: Warum haben Sie es auf .ngo abgesehen?

CUTE: Es ist ein gewisser Idealismus vorhanden. Mit den .org-Domains geben wir einer nichtkommerziellen Community eine Stimme und eine Plattform. Wir würden uns nie für eine gTLD wie .web bewerben, die wir für zehn Millionen bekommen und dann für ein Vielfaches weiterverkaufen könnten. Als wir uns Gedanken darum gemacht haben, ob wir uns für neue TLDs bewerben sollen, ging es um die Frage, wo wir uns die besten Chancen ausrechnen. Das wichtigste Argument seitens der Nutzer für eine eigene Domain ist die eigene Identität. Gerade deshalb stand für uns die Endung .ngo auf dem Wunschzettel, weil sich Nicht-Regierungsorganisationen damit noch einmal gesondert aus der Masse hervorheben können und eine eigene Identität bekommen. Das romanischsprachige Pendant .ong kommt dazu, damit der gesamte Globus abgedeckt ist.

Global Vertrauen schaffen

Nach diesen Überlegungen haben wir rund 18 Monate lang Workshops veranstaltet - in Afrika, Mittelamerika, Indien. Wir wollten unsere Idee der eigenen Web-Identität für NGOs an der Basis, sozusagen an der Graswurzel, testen. Das Feedback war positiv - besonders auf der Südhalbkugel, wo Nicht-Regierungsorganisationen ein sehr starkes Selbstverständnis besitzen. Darüber hinaus fragten wir eine Zulassungsbeschränkung für die neuen Domainendungen ab - also einen Verifizierungsvorgang, mit dem sichergestellt ist, dass ausschließlich NGOs diese TLDs beantragen dürfen. Das hat ebenfalls eine breite Zustimmung gefunden. Es hat sich schließlich schon oft gezeigt, dass aktuelle Ereignisse wie die Tsunami-Katastrophe vor einigen Jahren viele Briefkastenfirmen mit betrügerischen Absichten gebären, die sich NGO nennen, Spenden einsammeln und wieder von der Bildfläche verschwinden. So etwas färbt leider auf die gesamte NGO-Community ab. Auch um das Vertrauen der Spender und Unterstützer zurück zu gewinnen, bestärkte man uns in dem Plan, eine Validierungsmethode einzusetzen.

Kurzum sind es also drei Faktoren, die uns antreiben: die rein ideelle Unterstützung der NGOs zu gewährleisten, der Community eine eigene Identität zu verleihen und einen Verifizierungsprozess für diese Organisationen aufzubauen.

CW: Eine offizielle Verifizierung für NGOs ist eine ehrenwerte Sache. Doch wie wollen Sie das möglich machen?

CUTE: Es wird eine Herausforderung. Wir haben aber bereits Beispiele für andere TLDs, wo das funktioniert. Dazu gehört .hotel - wer eine solche Domain beantragen möchte, muss in einem offiziellen Hotelverzeichnis auftauchen, das von einem weltweit tätigen zentralen Dachverband verwaltet wird. Für NGOs gibt es einen solchen Verband leider nicht, in einzelnen Ländern aber immerhin nationale Listen mit den dort registrierten Organisationen. Die lassen sich von uns aggregieren. In den Staaten ohne solche Listen gilt es, die Dokumente ausfindig zu machen, die uns bestätigen, dass jemand einen rechtmäßigen NGO-Status besitzt - seien es Geschäftsberichte, Steuererklärungen oder Best Practices. Auch die sind von Land zu Land unterschiedlich. Unser Ziel muss es sein, je nach Herkunft eines Registrierenden die entsprechenden Dokumente einzufordern, zu prüfen und dann die Registrierung freizugeben oder nicht. Auch hier sind wir auf die Hilfe der Community angewiesen: Die NGOs müssen uns sagen, welche Nachweise in welchen Staaten jeweils wichtig sind. Daran arbeiten wir derzeit. Heißt: Wer in einem Land wirkt, das offizielle NGO-Verzeichnisse führt, hat es bei der Registrierung etwas einfacher - der Rest muss uns verlässliche Nachweise beibringen, die zuvor seitens der NGOs gemeinschaftlich akzeptiert worden sind.

Am liebsten eine Million

CW: Von welchen Größenordnungen sprechen wir? Wie viele NGOs werden sich bei Ihnen bewerben?

Auf der PIR-Website können Interessierte eine "Expression of Interest" abgeben, dass sie eine .ngo-Domain registrieren möchten.
Auf der PIR-Website können Interessierte eine "Expression of Interest" abgeben, dass sie eine .ngo-Domain registrieren möchten.

CUTE: Weltweit gibt es rund zehn Millionen NGOs. Auf unserer Website ist es seit einigen Wochen möglich, eine Absichtserklärung zur Domainregistrierung abzugeben. Bisher haben sich etwa 700 Organisationen gemeldet, Tendenz steigend. Wie viele es werden, weiß ich nicht - nehme ich aber die Workshops, die wir gemacht haben, und das daraus erhaltene positive Feedback als Grundlage, bin ich sehr optimistisch. Wir sind überzeugt, dass unsere Idee ein Erfolg wird. Die kritische Masse eines erfolgreichen Domain-Registrars liegt bei einer Million Registrierungen - das ist der einzige interne Benchmark, den wir haben. Ich denke, dass auch wir dahin kommen sollten. Ob wir es wirklich schaffen, weiß ich aber nicht.

CW: Große NGOs sind bereits unter anderen Domains wie .org präsent. Welche Chance hat .ngo da überhaupt noch?

CUTE: Es gibt heute zehn Millionen registrierte .org-Domains, die meisten in den USA und Europa. Das größte Potenzial für die .ngo-Domains sehe ich deshalb auf der Südhalbkugel, in Indien, Afrika, Mittel- und Südamerika, Asien. Viele Doppelregistrierungen wird es nicht geben. Auf unseren Workshops wurde häufig die Frage gestellt, ob sich jemand mit einer .org-Domain auch noch die .ngo-Domain sichern solle. Wir haben die Fragen offen gelassen, die NGO muss die Wahl selbst treffen. Die .org-Domains sind frei registrierbar für jedermann, trotzdem kommt ein Gutteil von nicht-kommerziellen Organisationen und auch deshalb ist der Ruf dieser Domain sehr gut. Die .ngo-Adressen hingegen werden nur einem eingeschränkten, exklusiven Kreis zugänglich sein. Wir werden aber ein durchsuchbares, öffentliches .ngo-Adressverzeichnis zur Verfügung stellen, mit der Möglichkeit für die NGOs, eine eigene Profilseite zu erstellen und Erfahrungsaustausch zu betreiben. Ein "Facebook für NGOs" sozusagen, wo die Organisationen zudem Spenden akquirieren können.

Spendenbereitschaft steigt

Dieses Gesamtpaket bekommen sie nur mit .ngo, nicht mit .org. Wir sehen eine große Online-Spendenbereitschaft an gemeinnützige Organisationen - in den USA liegt sie beispielsweise bei durchschnittlich 93 Dollar pro Spender. Stellen Sie sich vor, was eine afrikanische NGO mit nur fünf solcher Spenden alles machen könnte. Mit einem zentralen NGO-Verzeichnis bieten wir gute Voraussetzungen, diese Spendenbereitschaft weiter auszubauen, weil jeder, der einer ganz bestimmten Organisation oder in einem bestimmten Land etwas Gutes tun möchte, nun viel gezielter danach suchen kann.

CW: Ist eine Website mit eigener Domain im Zeitalter des Social Web überhaupt noch nötig?

CUTE: Es geht um die Sichtbarkeit, besonders auch für die NGOs. Da ist eine eigene Website immer noch die erste Wahl - auch um die Kontrolle über alles in der eigenen Hand zu haben. Facebook und Twitter sind super - aber alles, was ich dort mache, geschieht auf einer fremden Plattform, die ich selbst nicht steuern kann.

CW: Welche neuen technischen Standards, besonders bezüglich der Sicherheit, könnten die gTLDs setzen?

CUTE: Wer gegenüber der ICANN als Registrar auftreten möchte, muss DNSSEC (Domain Name System Security Extensions) unterstützen. Das bringt aber letztlich nur etwas, wenn auch der Zugangsprovider diese Standards integriert hat. Da ist noch sehr viel zu tun. Wir bieten unseren Kunden beispielsweise Incentive-Programme an, die Anreize zur Implementierung schaffen.

Markenpflege

CW: Was müssen interessierte Unternehmen tun, um ihre Marken zu schützen?

CUTE: Zunächst sollten sie ihre Marke im neuen "Trademark Clearinghouse" (TCH) eintragen lassen. Der Service im Auftrag der ICANN gibt Unternehmen die Gelegenheit, ihre Marke zu schützen, bevor sie im Domain-Vergabeprozess anderweitig verwendet werden kann. Eine zweite Option ist das "Uniform Rapid Suspension"-System (URS), mit dem unerlaubterweise durch Dritte registrierte Domains sofort und unkompliziert vom Netz genommen können, wenn der rechtmäßige Markeninhaber dies verlangt. Wir bei PIR haben weitere technische Prozesse etabliert und eine eigene Abteilung, die die Rechte von Markeninhabern durchsetzt. Dennoch empfehle ich allen Unternehmen, genau zu beobachten, welche neuen Endungen registriert werden und an welchen sie selbst Interesse haben könnten. Das erspart unnötige Rechtsstreitereien. Pflegen Sie Ihre Marke mit Weitsicht!

CW: Wie kann so eine Markenpflege-Strategie aussehen?

CUTE: Weil Unternehmen zunehmend ins Social Web gehen, um dort rund um ihre Marke weitere Präsenzen aufzubauen und Geschichten zu erzählen, registrieren sie für verschiedene Unternehmensbereiche auch verschiedene Domains. Wir stellen beispielsweise fest, dass viele unserer Neukunden im Zuge eines Corporate-Social-Responsibility-Programms neben ihrer .com-Präsenz auch eine nichtkommerzielle .org-Website hochziehen. So hat der japanische Autobauer Hyundai für seine Non-Profit-Kinderkrebsforschung "Hope on Wheels" eine eigene .org-Seite gestartet, die nicht einmal auf das kommerzielle Angebot verweist. Ich erwarte mehr solcher Beispiele in der nächsten Zeit, wenn die neuen gTLDs kommen.

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