Kein vollwertiger Ersatz für Papier und Druck

E-Books bleiben vorerst in der Nische

06.09.2002
MÜNCHEN (CW) - Trotz eines relativ großen Leseangebots warten elektronische Bücher noch immer vergeblich auf ihren Durchbruch. Die Lesegräte sind zu teuer. Zwar können auch Handhelds mit entsprechender Software zum E-Book mutieren, eine echte Alternative zum Papier stellen sie aber nicht dar.

Digitalisiert lässt sich eine ganze Enzyklopädie mühelos in die Tasche stecken. Trotz dieses unbestrittenen Vorteils stellt der hohe Anschaffungspreis der notwendigen Lesegeräte eine enorme Hürde für den elektronischen Lesespaß dar. So kostet eine Speziallösung wie das "Rocket Ebook GEB 2200" des Anbieters Gemstar E-Book mit farbigem Bildschirm bei Bol.de stolze 599 Euro. Da ist es ein schwacher Trost, dass der Käufer dafür auch digitale Literatur im Wert von 100 Euro erhält. Erschwinglicher ist da schon die einfachere Version mit monochromem Display, das "Rocket Ebook Pro", für das Interessierte immerhin noch rund 200 Euro hinblättern müssen.

Männer greifen eher zum E-Book

Eine Sprecherin von Gemstar räumt ein, dass seit dem Marktstart in Deutschland "noch keine 100000" Lesegeräte verkauft wurden. Angaben des Herstellers zufolge interessieren sich vor allem männliche, Technik-affine Kunden für das Rocket Ebook, die viel Science-Fiction, Krimis und Fantasy-Romane lesen. Die elektronischen Lesegeräte sieht die Sprecherin auch nicht als vollwertigen Ersatz für das klassische Buch, sondern eher als situationsabhängige Alternative, etwa auf Reisen.

Diesen Zweck können aber auch Handhelds erfüllen. Viele professionelle Anwender greifen für ihre Adressverwaltung und Terminplanung ohnehin auf ihren "Palm" oder "Ipaq" zurück. Ausgerüstet mit entsprechender Software lassen sich die Kleinrechner in komplette Bibliotheken verwandeln und bieten jede Menge Lesestoff.

Als Lesesoftware eignen sich für den Palm Programme wie "Franklin", "Isilo", "Tealdoc", "Palmreader" oder "Plucker". Für die Pocket-PC-Plattform von Microsoft hat sich dessen "Reader" als Quasi-Standard etabliert. Diese Software gibt es auch für PCs, sodass digitale Literatur nicht nur am Handheld, sondern auch am Laptop oder dem heimischen PC gelesen werden kann.

Lesestoff findet sich im Internet, und nicht immer muss dafür bezahlt werden. So gibt es beispielsweise unter http://www.palminfo.de/pilot/Software/1/140/143/index.shtml eine ganze Reihe von Werken (darunter etwa Shakespares "Hamlet", "Die Bibel" oder "Der Seewolf" von Jack London), die man sich kostenlos auf den Rechner laden und von dort auf den Handheld überspielen kann.

Gegen Bezahlung gibt es etwa bei www.dibi.de, Memoware.com oder BOL.de eine breite Auswahl an Literatur aus allen Bereichen. Beim Stöbern zeigt sich jedoch schnell, dass es mit dem oft zitierten Preisvorteil von E-Books nicht weit her ist: So kostet Martin Walsers "Tod eines Kritikers" in der digitalen Version für Microsofts Reader 19,91 Euro - für nur einen Cent weniger bekommt man das gedruckte und sogar gebundene Pendant. Lediglich bei obskuren Werken wie "Der Mr. Hyde Effekt" von Steve Vance lässt sich ein Preisvorteil von cirka sechs Euro zugunsten der E-Books feststellen. Unter diesen Vorzeichen hat die digitale Literatur noch einen steinigen Weg vor sich. (ave)