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Durchwachsene Reaktionen auf neuesten Entwurf der GPL 3

30.03.2007
Selbst Anwälte monieren, die einstige "GPL for Dummies" sei kaum zu verstehen und eine "Beschäftigungsgarantie für Juristen" geworden.

Die ersten Reaktionen auf den aktuellen Entwurf zur GPL 3 (erste Zusammenfassung hier; das Dokument hier) gehen weit auseinander. Ausgesprochen harsch ist die Kritik von Morgan Reed, Director der Washingtoner Lobbyisten-Firma Association for Competitive Technology (ACT): "Der neueste Entwurf ist eindeutig darauf angelegt, unüberwindbare Wände zwischen quelloffener und proprietärer Software hochzuziehen. Der Rest der Welt hat sich entschieden, Software interoperabler zu gestalten, aber Stallman und die FSF konzentrieren sich auf Ideologie mehr als auf die Alltagsprobleme der Anwender." Außerdem sei das Werk "so komplex, dass es effektiv eine Vollbeschäftigungsgarantie für Anwälte ist, die auf Urheberrecht spezialisiert sind".

Auch Michael Graham, Anwalt in der Chicagoer Kanzlei Marshall, Gerstein & Borun, sieht in dem Entwurf einen Versuch, "die Open-Source-Entwickler den Philosophien der Free Software Foundation zu unterwerfen, als Lösungen für die Interaktion zwischen quelloffener und patentgeschützter Software vorzulegen". Nach Graham könnte die GPL "eine Spaltung zwischen den Entwicklern von freier, kommerzieller und Open-Source-Software hervorrufen".

Die Härte diese Kritiker teilt kaum ein anderer Kommentator, aber die Sprache des GPL-3-Entwurfs hat auch andere in Erstaunen versetzt. John Ferrell, Mitbegründer der Kanzlei Carr & Ferrell, meint: "Die einstige GPL for Dummies bedarf einer Rechtsabteilung, um sie zu interpretieren und zu verstehen." Andere Juristen geben zu bedenken, dass die Sprache der GPL lediglich die zunehmende Kompliziertheit des Lizenzrechts in den USA reflektiert. Dieser Faktor aber könnte die Verbreitung von Open Source erschweren.

Dem FSF-Entwurf weniger ablehnend gegenüber stehende Juristen beißen sich eher an einzelnen Paragraphen fest. So bemängelt Allonn Levy, Anwalt der Kanzlei Hopkins & Carley aus San Jose, zunehmende Restriktionen gegen die Verwendung von GPL-Software in Geräten, die mit technischen Maßnahmen ihre Programme verschleiern und sie unveränderbar machen. Diese Verfahren sind als "Tivoisierung" bekannt und waren für die FSF ein Ärgernis. Für Hersteller von Geräten mit Embedded Software werde die GPL in ihrer dritten Version unattraktiv, so Levy.

Es gibt allerdings auch lobende Kommentare. So bemerkt Mark Radcliffe, Partner der Großkanzlei DLA Piper und Rechtberater der Open Source Initiative, dass der FSF-Entwurf einen strittigen Punkt nicht mehr enthält: Softwarehäuser können nunmehr andere Hersteller verklagen, wenn sie Patentrechte verletzt sehen; der generelle Klageverzicht entfällt. Die bisher vorgesehene Generalabsolution war vor allem für Firmen mit großem Patentportfolio, vor allem in der Argumentation von Hewlett-Packard, ein zentrales Argument gegen die neue GPL.

Von HP gibt es noch keine Stellungnahme, ebenso wenig von IBM. Simon Phipps, Sun-Topmanager für Open-Source-Belange, bemängelt in sehr vorsichtigen Worten, dass dieser GPL-Entwurf zur Vereinheitlichung der undurchschaubar zahlreichen Open-Source-Lizenzformen nicht wegweisend sei: "Die Community muss wirklich etwas unternehmen in Sachen Lizenzkompatibilität."

Zu Wort gemeldet haben sich aber mit Novell und Microsoft jene beiden Unternehmen, die durch ihren Friedensvertrag die Free-Software-Community gegen sich aufgebracht haben. Die ihnen drohenden GPL-Restriktionen sind ausgefallen. Vor allem dem Suse-Distributor Novell ist die Erleichterung anzumerken. Firmensprecher Bruce Lowry erklärte: "Nichts im neuen Entwurf unterbindet Novells Möglichkeiten, Techniken unter der GPL in unsere Open-Source-Angebote zu integrieren - weder jetzt noch in Zukunft." Und Microsofts Vice President Intellectual Property and Licensing Horacio Gutierrez jubelte: "Der GPL-3-Entwurf reißt die Brücken nicht ein, die Microsoft und Novell für ihre Kunden gebaut haben." (ls)