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"Durch ASP entwickelt sich das Netz zum Computer"

03.05.2000
Interview mit Traver Gruen-Kennedy

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit Traver Gruen-Kennedy, dem Vorsitzenden des internationalen ASP-Industrie-Konsortiums (Application Service Provider), sprach CW-Redakteur Alex Freimark.

CW: Eine Vielzahl von Unternehmen hat sich das Thema ASP auf die Fahnen geschrieben. Warum?

GRUEN-KENNEDY: Das ASP-Modell bedeutet den größten Architekturwechsel in der IT-Branche, seit wir von Minicomputern auf PCs umgestiegen sind. Jeder Anbieter will momentan sicher stellen, dass er Teil des neuen Systems sein kann. Softwareunternehmen setzen auf bessere Integrationsfähigkeit und modifizierte Lizenzierungsverfahren, Hardwarefirmen müssen sich über neue Endgeräte Gedanken machen. Die Provider und Telcos rüsten ihre Netze auf, denn ASP bedeutet mehr, als eine Web-Seite anzufordern. Das Internet wird in beiden Richtungen vollständig interaktiv, und noch sind nicht alle Fragen zur Bandbreite und Ausfallsicherheit geklärt.

CW: Das Resultat ist "Software aus der Steckdose"?

GRUEN-KENNEDY: Ich würde es eher mit dem klassischen Telefonsystem vergleichen. Sie sind beispielsweise Kunde der Deutschen Telekom und wählen eine Nummer in New York. Die Abrechnung regeln Sie weiterhin mit ihrem Provider, auch wenn er Ihnen Zugang zu lokalen Netzen in den USA verschafft. Die Telekom fungiert dann als eine Art ASP, über den Sie verschiedene Dienste nutzen können.

CW: Übertragen auf große Unternehmen: Was wären das dann für Dienste?

GRUEN-KENNEDY: Anfangs haben viele Leute gedacht, dass das ASP-Modell vornehmlich ERP-Programme von SAP oder Baan umfasst. Sicher werden diese auch auf Mietbasis genutzt werden, aber der Anpassungsaufwand bleibt doch immer noch bestehen. Außerdem haben große Unternehmen viel Geld in eigene ERP-Pakete investiert, die sie jetzt verständlicherweise nicht einfach abschalten wollen. Bei Office-, E-Mail- und Groupware-Programmen sieht die Sache aber bereits anders aus. Wenn in einem weltweiten Konzern viele Anwender auf derartige Systeme zugreifen, kann sich das ASP-Modell hier lohnen.

CW: Wo liegt das größte Einsparpotenzial?

GRUEN-KENNEDY: Eindeutig im Supportbereich und weniger bei den Kosten für die Applikationen. Ein IT-Manager kann beispielsweise 100 Rechner am Mail-Server supporten, sein Kollege im ASP-Rechenzentrum pflegt ein Vielfaches. Durch die neue Architektur brauche ich weniger Angestellte, die sich um die Systeme kümmern. Außerdem muss man die PCs seltener aufrüsten, da die Rechenoperationen im Netz ablaufen. Hier kann ich auch die Anwendungen zentral updaten, ohne mich um die einzelnen Clients zu kümmern. Der Kunde ist also immer auf dem neuesten Stand der Software.

CW: Wer soll die Mischung aus eigenen und im ASP-Zentrum betriebenen Anwendungen zusammenführen?

GRUEN-KENNEDY: Einige Programme müssen integriert werden, andere nicht. Ob beispielsweise Bürosoftware darunter fällt, ist sicher vom Einzelfall abhängig. Wenn Sie aber ihre Lieferketten mit dem Rechnungswesen abstimmen wollen, brauchen Sie die komplette Integration im Backend-Bereich. Hier wird meiner Meinung nach eine spezielle Gruppe von Infrastruktur-Spezialisten entstehen, die sich als ASP für die ASPs verstehen. Außerdem tragen diese Firmen auch Sorge dafür, dass die Legacy-Anwendungen in den Unternehmen weiterhin genutzt werden können.

CW: Die USA gelten immer als Vorbild bei der Adaption neuer Technologien. Gilt das auch für das ASP-Modell?

GRUEN-KENNEDY: Das ist der gern zitierte "kulturelle Unterschied" zwischen der Alten und der Neuen Welt. In den USA behaupten Firmen seit Anfang 1999, sie würden ASP-Dienste anbieten. Als wir dann nachgefragt haben, hieß es immer: "Wenn Sie etwas kaufen wollen, bauen wir es Ihnen." Drüben redet man erst und realisiert es dann, hier wird in der Regel zuerst entwickelt und danach vermarktet. Es mag deswegen so aussehen, als hinke Europa hinter den USA her, doch das stimmt nicht immer.

CW: In wieweit ist es sinnvoll, ASP-Dienste aus einem anderen Land zu nutzen?

GRUEN-KENNEDY: Im Prinzip sind Applikationen aus der ganzen Welt verfügbar, denn das Internet kennt keine Grenzen. Allerdings nutzen mir Dienste mit japanischen Schriftzeichen herzlich wenig, ganz abgesehen von nationalen Steuer- und Rechtsgrundlagen. Deswegen wird es einen starken regionalen Markt für ASPs mit geringem Exportpotenzial geben. Je mehr Einfluss die spezifische Anwendung auf die Wertschöpfungskette hat, desto eher wird man vor Ort nach einem geeigneten Anbieter suchen.

CW: Wie wird sich das ASP-Modell auf die Softwareanbieter auswirken?

GRUEN-KENNEDY: Wenn Sie heute Software entwickeln, zielen Sie meistens auf einen großen Markt, von dem Sie sich einen kleinen Anteil versprechen. Durch ASP erhalten wir jedoch Mikro-Märkte, die sich gezielter adressieren lassen. Wenn Sie rechtzeitig mit Angeboten starten, können Sie in Ihrer Nische bis zu 80 Prozent Marktanteil erreichen. Ein weiterer Vorteil für die Branche ist, dass Raubkopien künftig seltener werden.

CW: Was ändert sich an den ERP-Programmen?

GRUEN-KENNEDY: Die betriebswirtschaftlichen Pakete, ob für Selbstständige oder Konzerne, nähern sich einander an. Dabei wird es für einen ASP in der Regel leichter sein, Lösungen für kleine und mittlere Unternehmen einzusetzen. Traditionelle ERP-Systeme für Konzerne haben einen großen Anpassungsbedarf, und selbst wenn ASPs R/3 mit einem Template für den Retail-Bereich anbieten, ist es doch wahrscheinlich immer noch zu teuer und umständlich für Kleinbetriebe.

CW: Was bedeutet dies für Beratungshäuser?

GRUEN-KENNEDY: Wenn sich die Applikationen ändern, müssen sich auch die Berater bewegen. Während sie heute hauptsächlich die Systeme customizen, werden sie in Zukunft verstärkt die ASP-Angebote identifizieren müssen. Ihre Aufgabe wird sein, die passenden Lösungen für die Probleme der Anwender zu finden. Darüber hinaus sollten sie auch in der Lage sein, die unterschiedlichen Applikationen zusammenzuführen.

CW: Wo steht der ASP-Markt in zwei Jahren?

GRUEN-KENNEDY: In diesem Jahr lernen Anbieter und Anwender, was ASP wirklich bedeutet. Das Modell hat die gleichen Auswirkungen auf Applikationen wie einst das Web auf die Informationen. Jeder kann sie sich leisten, und der Zugriff darauf kann mit verschiedenen Geräten von allen Punkten aus erfolgen. Meine Mutter würde nie einen PC benutzen, aber vielleicht wird sie eines Tages E-Mails mit der Settop-Box ihres Fernsehers schreiben. Wenn wir die Komplexität der IT vom Client nehmen und sie auf den Server packen, erhalten wir viele neue Anwender. Deswegen bin ich der Überzeugung, dass ASP in zwei Jahren zum Mainstream gehört.

CW: Also wird das Netzwerk nun doch zum Computer?

GRUEN-KENNEDY: Auf jeden Fall.

ASP-Industrie-Konsortium

Das ASP-Industrie-Konsortium (Aspic) will den Markt für das ASP-Modell vorbereiten und Standards setzen. Der Lobby gehören inzwischen weltweit mehr als 500 Firmen an, die aus allen Bereichen der IT-Branche kommen: Hardware- und Softwareanbieter versammeln sich hier ebenso wie Telcos, Internet-Service-Provider, Systemintegratoren und Berater. In Deutschland hat sich kürzlich eine eigene Sektion gegründet, der Vorsitzende ist Christian Kruppa von Citrix Systems. Eine lokale Website gibt es noch nicht, die internationale Anlaufstelle lautet www.aspindustry.org.