Kommentar zum Cloud-Markt

Dunkle Wolken über Europa

Helmut Fallmann ist CEO bei der Linzer Fabasoft AG.
Europäische IT-Unternehmer sollten entschlossen an einem Strang ziehen, um den Rückstand gegenüber der amerikanischen Cloud-Industrie aufzuholen, fordert Helmut Fallmann, CEO der Linzer Fabasoft AG.

"Die IT-Industrie ist ein Lehrbeispiel für die Unterlegenheit der europäischen Schrebergärtner gegen den Global Player USA. Europäische IT-Unternehmer sollten gemeinsam gegensteuern. United Clouds of Europe heißt die Mission.

Helmut Fallmann, CEO der Linzer Fabasoft AG.
Helmut Fallmann, CEO der Linzer Fabasoft AG.
Foto: Fabasoft

In den USA hat sich Cloud Computing längst als Wirtschaftsmotor etabliert. Die Giganten wie Amazon, Apple, Facebook und Google setzen schon länger gezielt auf die Speicherung von Daten und Software in der Wolke und bedienen ihre Kunden kostengünstig mit einfachen Zugangslösungen und IT-Anwendungen auf Cloud-Plattformen. Mit großzügig dimensionierter, landesweiter On-Demand-Infrastruktur und Services haben sich die USA wieder einmal überlegen in die Pole-Position des globalen IT-Business gebracht.

Wenn Europa den Vereinigten Staaten nicht kampflos das gesamte Wirtschaftspotential eines lukrativen Zukunftsmarkts überlassen will, gilt es jetzt gemeinsam und entschlossen zu handeln. Nur mit einem weitreichenden Aktionsplan kann der alte Kontinent nicht nur seine globale Wettbewerbsfähigkeit auf Basis innovativer Informationstechnologien stärken, sondern seine hoch entwickelten Industrien insgesamt aufwerten und damit Arbeitsplätze und Wohlstand sichern.

Europäische IKT-Politik braucht gemeinsames Handeln

Vor wenigen Jahrzehnten noch präsentierte sich Europas Computerindustrie in multinationaler Vielfalt. Heute ist von diesen einst starken Marken wie Olivetti oder Bull so gut wie nichts übrig geblieben. Die Amerikaner hingegen haben mit Microsoft, Apple, IBM und Hewlett-Packard den Weltmarkt überrollt. Nur in der Luft- und Raumfahrt ist es Europa mit grenzüberschreitender Co-Produktion etwa bei Airbus Industries oder Arianespace gelungen, ein schlagkräftiges Pendant zur amerikanischen Industrie auf die Beine zu stellen.

Nach bewährtem Muster haben sich die USA nun auch im Markt der Cloud-Dienste, die die IT-Industrie gerade revolutionieren, hervorragend in Position gebracht - nicht nur technisch, sondern auch durch die politischen Rahmenbedingungen.

So hat erst zu Jahresbeginn Präsident Barack Obama grünes Licht zur Verlängerung des "Foreign Intelligence Surveillance Act" (FISA) gegeben, der es US-Geheimdiensten gestattet, alle Daten von Nicht-US-Bürgern, die auf den großen, globalen Datenbanken gespeichert sind, ohne Wissen der Dateninhaber und ohne richterliche Genehmigung abzufragen.

Etablierung eines gesamteuropäischen Cloud-Marktes

Foto: everything possible, Shutterstock.com

Europa braucht daher einen schlagkräftigen Aktionsplan, mit dem ein Grundkonsens unter den europäischen Cloud-Unternehmen erzielt wird. Die Forderung nach United Clouds of Europe steht übrigens in engem Einklang mit der "Europäischen Cloud Strategie" im Rahmen der europäischen 2020 Initiative "Digital Agenda for Europe". Mit dieser Strategie soll der europäische Binnenmarkt unter anderem auf Basis ultraschneller Internetverbindungen bis zum Jahr 2020 zum wettbewerbsfähigsten IKT-Markt der Welt umgestaltet werden.

EU-Kommission fordert "europäisches" Denken

Die dafür verantwortliche EU-Kommissarin Neelie Kroes appellierte daher folgerichtig an ein europäisches Denken, um das hunderte Milliarden Euro schwere Potenzial von Cloud Computing, das Millionen neuer Jobs in Europa bringen könnte, in vollem Umfang zu nutzen. In einem europäischen Ansatz bedarf es dreier wesentlicher Schritte:

  • Einheitliche Standards und Zertifikate zur Vergleichbarkeit von Cloud Services durch die Kunden.

  • Sichere und faire Verträge, mit denen die Art der Datennutzung und die Verantwortlichkeit für Datenbesitz und Datenspeicherung geregelt werden.

  • Die Etablierung einer europäischen Cloud-Partnerschaft, durch die der Cloud-Markt gemeinsam gepusht werden kann.

Die europäischen IT-Unternehmen und die EU-Kommission müssen daher rasch einen Aktionsplan entwickeln, den sie in eine gemeinsame europäische Strategie einbetten und konsequent umsetzen. Ohne United Clouds of Europe wird der Wirtschaftsstandort Europa noch weiter ins Hintertreffen geraten.

Mindeststandards und Rechtssicherheit

Europa braucht zertifizierte Mindestqualitätsstandards bei Infrastruktur, Datensicherheit und Datenschutz. Die Nutzer von Cloud-Diensten müssen ferner Gewissheit darüber haben, dass ihre Daten bei europäischen Cloud-Anbietern in europäischen Rechenzentren gehalten werden. Einheitliche Nutzungsverträge sollten zusätzliche Rechtssicherheit schaffen. Auch die Sourcecodes für die Cloud-Dienste sollten vollständig in Europa liegen.

Schutz digitaler Identitäten und durchgehende Funktionalitäten

Für eine europaweite Nutzung müssen die Anbieter ihre Angebote vielsprachig und barrierefrei ausrichten. Des Weiteren werden der bestmögliche Schutz digitaler Identitäten, Suchfunktionen über alle United Cloud Services of Europe hinweg sowie gemeinsame Standards für Support, das Monitoring von Nutzererfahrungen und das Reporting den Erfolg des Maßnahmenpakets mitbestimmen.

Technologieoffenheit und Interoperabilität

Der alles entscheidende Faktor wird aber in einer Technologieoffenheit ohne Ausgrenzung liegen. Nur mit auf Standards basierender Interoperabilität von Cloud-Services mit Single-Sign-on, der Unterstützung aller relevanten Plattformen sowie mobiler Endgeräte und mit der Verwendung genormter Content-Formate wird sich ein großer gemeinsamer Markt für diese Zukunftstechnologie etablieren lassen.

Cloud-Computing ist eine Chance, die unsere europäische Wirtschaft im globalen Wettstreit um Marktanteile und die Entwicklung innovativer Technologien nicht versäumen darf! Nur ein ambitionierter, effektiver und gesamteuropäischer Vorstoß kann hier zum Erfolg führen. (hv)